„Wir müssen das volle Potenzial der Digitalisierung ausschöpfen“


Interview mit Dr. Thomas Schroeter, Geschäftsführer von ImmoScout24

Die Corona-Krise hat Einflüsse auf alle Bereiche des Immobilienmarktes. Was sie im Speziellen für den Wohnimmobilienmarkt bedeutet, wie ImmoScout24 bisher durch die Krise gekommen ist und ob sie dabei als Chance diente, darüber sprach Dr. Thomas Schroeter mit uns im Vorfeld des Handelsblatt Strategie-Treffpunkts der Immobilienwirtschaft.

Mitte März stand die Arbeitswelt in Deutschland vor einer einzigartigen Situation. Herr Dr. Schroeter, wie haben Sie den damaligen Lockdown wahrgenommen?

Schroeter: Die bundesweiten Kontakteinschränkungen und die weltweit um sich greifende Pandemie stellten uns vor eine komplett neue, bislang unbekannte Herausforderung. Die Verunsicherung in der Gesellschaft, der Politik und der Wirtschaft war groß. Das schlug sich auch auf den Immobilienmarkt durch. Angebot und Nachfrage nach Wohn- und Gewerbeimmobilien gingen Mitte März spürbar zurück. Das ist natürlich ein Alarmsignal.

Heute wissen wir, dass der Immobilienmarkt sich schnell erholt hat. Nachfrage und Angebot liegen heute wieder auf den Werten von vor Corona und zum Teil deutlich darüber. Die Preise für Wohnimmobilien sind bislang weitgehend unbeeinträchtigt geblieben und steigen weiter. Immobilien haben sich als krisenfeste Anlageform erwiesen

Doch das wussten wir in den ersten Tagen nicht mit Sicherheit. Wir haben aus dem Stand Sofortprogramme für unsere Kunden und Nutzer entwickelt und es geschafft, ihnen Orientierung zu geben und unser Unternehmen erfolgreich durch die Krise zu manövrieren. In dieser Zeit habe ich als Person, aber auch wir als Unternehmen wichtige Erkenntnisse gewonnen, die uns geholfen haben, diese schwierige Zeit zu überstehen.

Gerade das Thema Homeoffice stellte viele Unternehmen vor große Herausforderungen. Auch Sie haben ihre Mitarbeiter von einem auf den anderen Tag von zu Hause arbeiten lassen. Wie viel Chaos hat das zu Beginn verursacht?

Schroeter: Mitte März, als klar wurde, dass sich die Situation immer weiter zuspitzt, haben wir zum Schutz unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mobiles Arbeiten von zu Hause ermöglicht. Natürlich hatten wir im Vergleich zu vielen traditionellen Unternehmen und Behörden eine Art Heimvorteil: Als Tech-Unternehmen mussten wir keine neue Infrastruktur aufbauen. Auch zuvor konnten unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von zu Hause arbeiten. Videokonferenzen, Chats und sonstige digitale Kommunikationswege sind nichts neues für uns. Unsere Arbeits-Tools funktionieren Cloud-basiert und lassen sich von überall nutzen. Das hat sich ausgezahlt. Es gab keine Anlaufschwierigkeiten. Stattdessen haben wir an einem Strang gezogen, unsere Anstrengungen verdoppelt und sind gleichzeitig ruhig geblieben. In den letzten Monaten hat sich gezeigt, wie effektiv und effizient die Arbeit von zu Hause sein kann.

Worin lag für Sie der Schlüssel, dass ImmoScout24 so gut durch die Krise gekommen ist?

Schroeter: Trotz der zunächst großen Unsicherheit haben wir zu jeder Zeit an unserer Strategie festgehalten: Im Mittelpunkt stehen unsere Kunden und Nutzer. Wir sehen unsere Mission darin, die Entscheidungen und Prozesse rund um die Suche, Vermittlung und Transaktion von Immobilien so digital und einfach wie möglich zu gestalten – sowohl für Suchende als auch für Makler und Anbieter. Wo es sein musste, haben wir unsere Pläne und Prioritäten angepasst. So konnten wir kurzfristig neue Produkte und Lösungen entwickeln, die Immobiliensuchende
und -profis dabei unterstützen, sicher und erfolgreich durch die Krisenzeit zu kommen.

Auf die Kontakteinschränkungen haben wir beispielsweise mit neuen Features für Live-Besichtigungen reagiert. So können Anbieter auf ImmoScout24 bereits seit Ende März kostenlos hervorheben, dass sie digitale Live-Besichtigungen anbieten. Die Live-Besichtigungen lassen sich direkt in der ImmoScout24-App mit wenigen Klicks erstellen. Unser zweistufiges Sofortprogramm kurbelte die Marktaktivität an, indem es gewerblichen Anbietern half, nicht in Liquiditätsengpässe zu geraten und mit steigender Nachfrage wieder schnell neues Geschäft zu machen. Über unsere kostenlosen Inserate für private Anbieter konnten wir für ein Allzeithoch bei Immobilienangeboten aus privater Hand sorgen. Daneben stellten wir einen Corona-Info-Hub für gewerbliche Kunden, Verkäufer, Vermieter und Suchende bereit.

Das klingt ja fast ein bisschen zu gut um wahr zu sein. Hat sich für Sie die Krise als Chance entpuppt?

Schroeter: Ich finde es schwierig, die Corona-Pandemie als Chance zu bezeichnen. Millionen von Menschen sind erkrankt, viele haben ihre Angehörigen verloren. Die Krise ist noch lange nicht vorbei und die wirtschaftlichen Folgen sind nicht vollständig absehbar. Die letzten Monate und die aktuellen Entwicklungen zeigen aber, dass wir uns der Situation anpassen müssen. Gerade in der Immobilienbrache haben uns die abrupten Verhängungen der Kontakteinschränkungen vor Augen geführt, dass vieles noch zu analog, manuell und bürokratisch läuft. Notartermine und Eigentümerversammlungen müssen immer noch mit physischer Präsenz stattfinden.

Aber die Menschen sind es heutzutage gewohnt, vieles digital abwickeln zu können: Wann sind Sie das letzte Mal in ein Reisebüro gegangen, um einen Flug oder ein Hotel zu buchen? Digitale Plattformen wie Expedia, Airbnb und Booking haben den Markt komplett verändert. Ähnliche Entwicklungen zeigen die Musik- und Filmindustrie. Vor allem zu Zeiten von Corona hat das Streaming andere Nutzungsformen abgelöst. Weil es viel einfacher und unkomplizierter ist.

Warum soll das nicht auch für die Wohnungssuche gelten? Im Zuge des Digitalisierungsschubs wollen wir das gesamte Ökosystem für Immobilien digitalisieren. Das bedeutet, dass Suchende nicht nur online das passende Inserat finden, sondern sich auch online auf die Wohnung bewerben, sie virtuell besichtigen, den Mietvertrag digital unterschreiben und online das passende Umzugsunternehmen buchen. Das alles ist heute schon möglich. Aber hier darf es nicht aufhören, denn bislang wird das volle Potenzial der Digitalisierung noch nicht konsequent ausgeschöpft.

Wo sehen Sie denn noch Luft nach oben?

Schroeter: Virtuelle notarielle Beurkundungen sind beispielsweise noch Zukunftsmusik. Dabei könnte die Nutzung von Videokonferenzen und Online-Identifikationsverfahren helfen, Transaktionen kontaktlos abzuwickeln. Die Corona-Pandemie hat aufgezeigt, wie wichtig eine konsequente Digitalisierung ist, um die Stärke und Dynamik des deutschen Immobilienmarktes nicht zu gefährden. Das ist nicht nur für einen funktionierenden Markt entscheidend, denn auch die Konsumenten sind an einen stetigen digitalen Fortschritt gewöhnt. Auf diese Erwartungshaltung gilt es, sich einzustellen. Denn nur wer die Bedürfnisse der Kunden erfüllt, wird sich im Markt durchsetzen. Unsere Aufgabe liegt darin, alle Schritte der Immobilientransaktion zu digitalisieren, um damit einen Vorteil für alle Marktakteure sowie eine schnellere, einfachere Umsetzung zu schaffen.

Was denken Sie: Worauf müssen sich Unternehmen zukünftig einstellen?

Schroeter: Ob Digitalisierung, Home-Office oder Nachhaltigkeit: Um erfolgreich zu werden und es zu bleiben, müssen Unternehmen sich an neue Gegebenheiten anpassen, diese mitdenken und mitgestalten. Firmen sollten proaktiv agieren und ihre Entscheidungen auf datenbasierte Analysen stützen. Jedoch sollten wir bedenken, dass sich Kompetenzen verschieben und nicht jeder die gleichen Kernkompetenzen benötigt. Am Beispiel der Immobilienbranche: Ein Projektentwickler oder Makler-Unternehmen muss nicht zwingend Experte für Standortanalyse, Immobilienbewertung, digitale Vermarktung und Online-Akquise sein. Dafür stehen wir als Partner bereit. Es ist immer auch sinnvoll, starke Allianzen zu schließen. So kann ImmoScout24 als Marktführer digitale Kompetenzen sowie eine große Plattform bieten und hat damit die Möglichkeit Suchende und Anbieter erfolgreich zusammenzubringen.

Hören Sie Dr. Thomas Schroeter live bei seinem Vortrag „The New Normal: Wie verändert Corona den Wohnimmobilienmarkt?“
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