Big Data revolutioniert die Immobilienwirtschaft


Big Data revolutioniert die Immobilienwirtschaft

von Dr. Christian Nietner

Die Immobilienwirtschaft befindet sich durch die zunehmende Digitalisierung seit Jahren im Wandel. Der eigentliche Umbruch steht ihr aber erst noch bevor. Denn die Möglichkeiten von Big Data, Künstlicher Intelligenz, Internet of Things und Cloud Services werden für beispiellose Disruptionen in der Branche sorgen. Einstellung und Umgang mit Immobilien wird dies radikal verändern. 

Internetportale ersetzen den Makler

Jahrzehnte lang war war die Suche nach einer Immobilie ein mühsames und zeitaufwendiges Unterfangen. Ohne Hilfe eines Maklers ließen sich Kauf und Verkauf kaum effi zient bewerkstelligen. Immobilienportale im Internet haben diesen Prozess dank digitaler Ansätze in den letzten Jahren deutlich vereinfacht. Bisher zielen die Anstrengungen vorwiegend darauf ab, bestehende Services digital zu optimieren. Dies betriff t etwa Anbieterund Terminsuche, Angebotsvergleiche, die Bereitstellung von umfangreichem Bildmaterial, die Verknüpfung mit Google Maps sowie die Einbindung von Finanzierungund Versicherungsdienstleistern.

Das war aber nur der erste Schritt auf dem Weg zu einer digitalisierten Immobilienwirtschaft. Anstatt wie bisher mithilfe automatisierter Suchagenten nach bestimmten Kriterien wie Preis und Lage eine Immobilie zu suchen, kann sich der Prozess in Zukunft umdrehen. Das Haus wird sich seine Mieter selbst suchen, indem Suchende auf Immobilienportalen ein Profi l über sich erstellen. Auf Basis von Arbeitsort, Einkommen, Familienstand, Hobbys und diversen Präferenzen bekommen sie passende Angebote vorgeschlagen. Es ist sogar vorstellbar, dass solch ein Profi l aus einer Summe aggregierter Daten aus sozialen Netzwerken automatisiert erstellt wird. Wenn man z.B. den Arbeitsort wechselt, schlägt ein Algorithmus neue Wohnungen vor.

Digitale Disruption in allen Bereichen

Die Entwicklung in der Immobilienwirtschaft ist in vollem Gang. Gründe sind die fortschreitenden Miniaturisierung kabelloser Elektronik, die hohe Verfügbarkeit immer leistungsstärkerer Hardware und der stetig steigende Einsatz selbstlernender Algorithmen. Die Immobilienwirtschaft steht vor einer digitalen Disruption, die sich auf all ihre Bereiche auswirken wird.

Digitale Standortanalyse. Vor allem im gewerblichen Immobilienbereich kann der optimale Standort mit datengetriebener Unterstützung automatisch und in Echtzeit bestimmt werden. Dazu werden etwa Informationen wie Infrastruktur, Konkurrenz und Zulieferunternehmen, Einzugsbereiche, Wetterdaten sowie demographische und soziale Faktoren der umliegenden Bevölkerung berücksichtigt.

Digitale Hausbesichtigung. Stichwort: Virtual Reality. Kleine Drohnen fliegen durch das Haus und scannen jeden Winkel. Daraufhin können sich Interessenten die Immobilie in allen Details über VRBrillen anschauen und sich virtuell durch die Räumlichkeiten und die Umgebung bewegen. Auch Umgebungseffekte wie Geräusche, Lichtverhältnisse, Wetterbedingungen und Jahreszeiten können direkt erfahrbar gemacht werden, ohne einen Fuß in das reale Objekt setzen zu müssen.

Digitaler Hausbau. Große Teile des Hauses werden per Drohne geliefert oder vor Ort mit einem 3DDrucker hergestellt. Das führt zu einer neuen Unabhängigkeit von der Verkehrsinfrastruktur und einer Dezentralisierung der Produktion, was viele Veränderungen für die Arbeit der Bauträger mit sich bringt.

Digitale Ausstattung. Von den technischen Geräten wie Kühlschrank, Heizung und Lampen etc. bis zur smarten Tapete oder intelligenten Verglasung. Die Bewohner werden ihre persönlichen Wohnungsaspekte und Dinge mit ihrem Smartphone steuern und überwachen können. Bei einem Umzug lassen sich diese persönlichen Einstellungen auf die neue Wohnung übertragen.

Digitale Gebäudeinfrastruktur. Das betrifft etwa Fahrstühle, Fenster, Türen, Heizungen, Beleuchtung, Belüftung und Brandschutz. Das ganze Haus wird zu einem vernetzten System mit ständigem Datenaustausch, so dass alle Bereiche optimal aufeinander abgestimmt werden. Selbstlernende Systeme tracken das Verhalten der Bewohner und können darauf reagieren. Verfügt z.B. ein großes Bürogebäude über eine Kantine, können Sensoren erfassen, wie viele Personen sich wo im Gebäude aufhalten. Das kann bei der Anzahl der vorzubereitenden Speisen berücksichtigt werden.

Digitale Hausverwaltung. Der Hausmeister muss keine Kontrollrunden mehr drehen. Das smarte Haus überwacht sich selbst. Sämtliche Daten werden an die Zentrale geschickt und verarbeitet. Bei Bedarf werden automatisch Dienstleister engagiert, um Reinigungsarbeiten vorzunehmen oder Störungen zu beheben. Die vorausschauende Wartung sorgt dafür, dass Instandhaltungskosten erheblich reduziert werden können.

Digitale Wohnblöcke. Was für einzelne Häuser gilt, ist auch für ganze Straßen oder Wohnblöcke möglich. Die Immobilien werden selbst Teil des Internet of Things und tauschen untereinander Daten aus. Beispielsweise können Autofahrer eine Meldung erhalten, wo noch freie Parkplätze sind, und bei einem Einbruch werden umliegende Häuser gewarnt.

Vor- und Nachteile der Digitalen Disruption

Ist die Entwicklung nun gut oder schlecht? Kritiker werden auf die Gefahren der Überwachungsmöglichkeiten hinweisen. Hier sind strenge Datenschutzrichtlinien erforderlich. Problematisch sind auch Rationalisierung vieler Arbeitsplätze durch technische Lösungen und der damit einhergehende Anpassungsdruck für Immobiliendienstleister. Die zunehmende Digitalisierung hat aber auch zahlreiche Vorteile.

Die Bewohner profitieren in erster Linie von einer höheren Wohnqualität. Für jeden lassen sich individuelle und flexible Lösungen entwickeln. Dazu zählen zum Beispiel alters- und behindertengerechte Assistenzsysteme. Zudem bergen Innovation wie 3DDruck, vorausschauende Wartung, Warnsysteme sowie ein effizienter Ressourcen und Energieverbrauch großes Sparpotenzial für die Immobilienbesitzer, von denen die Mieter durch günstigere Mietpreise und geringere Nebenkosten profitieren. Auch entfallen Termine für die Ablesung der Verbrauchswerte von Heizung, Strom und Wasser. Diese Daten werden automatisch übertragen und analysiert.

Der Sicherheitsaspekt ist ein weiterer Pluspunkt: Ausgefeilte Technik an Türen und Fenster gewährleistet einen besseren Schutz vor Einbrüchen. Gleiches gilt bei Gefahren wie Rauch oder Gasentwicklung. Ein automatisches Sicherheits- und Qualitätsmanagement ist nicht mehr auf das Feedback der Mieter angewiesen. So vergeht weniger Zeit, bis Schäden behoben und Probleme gelöst werden.

Realität statt Zukunftsmusik

Diese Entwicklungen in der Immobilienbranche ist keine Fiktion, sondern handfeste Science. Und teilweise heute schon im Einsatz. Wann sie auf dem Massenmarkt ankommen, ist nicht genau vorherzusagen. Doch dass die Immobilienwirtschaft in den nächsten Jahren von Big Data, Machine Learning, Internet of Things und Cloud Services revolutioniert wird, steht außer Frage.

Die Erfahrung lehrt: Was für den Endkunden praktisch und nützlich ist, wird auch umgesetzt. Für die Player in der Immobilienbranche ist es daher wichtig, off en für die unaufhaltsame Entwicklung zu sein und sie aktiv zu gestalten anstatt in alten Denkmustern zu verharren.

Über den Autor:

Dr. Christian Nietner, Data Scientist, The unbelievable Machine CompanyDr. Christian Nietner ist Data Scientist bei „The unbelievable Machine Company“.

www.unbelievable-machine.com


Diesen und weitere Fachartikel zu aktuellen Entwicklungen am Immobilienmarkt finden Sie Im Handelsblatt Journal Immobilienwirtschaft Juni 2016.
Titel Handelsblatt Journal Immobilienwirtschaft Juni 2016
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