Sicher durch den Winter: Die Zukunft sind hybride Modelle

Der Winter kommt, es wird kühler, das Wetter ungemütlicher. Was wie der normale Lauf der Gezeiten klingt, bedeutet für medizinische Einrichtungen wie Krankenhäuser, ambulante oder stationäre Praxen eine enorme Herausforderung – gerade in Tagen einer Pandemie. Wie können die Hygienevorschriften eingehalten, wie für ausreichend Lüftung in den Räumen und Abstand zwischen den Patienten gesorgt werden, ohne den medizinischen Betrieb zu sehr einzuschränken und Patienten oder Personal zu gefährden, fragen sich Ärzte, Therapeuten und Gesundheitsexperten seit Wochen und entwickeln kreative Hygienekonzepte, mit denen sie in ihren Häusern einen sicheren medizinischen Betrieb im Winter garantieren wollen.

Wie werden die medizinischen Einrichtungen mit den Einschränkungen durch die Pandemie umgehen? Welche Hilfe könnte die Telemedizin bieten? Drei unterschiedliche Fälle zeigen, welche Antworten die Experten vor Ort auf die Hygienevorgaben entwickelt haben.

Das Gesundheitsdenkwerk, Nürnberg

Sebastian Ullrich, Gründer und Geschäftsführer des Gesundheitsdenkwerks, kann sich noch gut erinnern, wie ihn und sein junges Unternehmen die erste Welle der Pandemie ausgebremst hat. Ullrich bietet kleinen und großen Firmen individuelle Gesundheitslösungen für deren Beschäftigten an – etwa mobile Massagen, aktive Pausen, Büro-Yoga, Gesundheitstage oder Arbeitsplatzanalysen. Seine Kollegen und er kommen direkt in die Betriebe, um mit den Beschäftigten am Arbeitsplatz zu trainieren. So der Plan. „Unser Geschäft lief gut an, doch dann kam die Pandemie und nichts ging mehr,“ erzählt Ullrich. Viele Firmen ließen keine externen Gäste mehr ins Unternehmen und stornierten daher seinen Service. Dieser Schock brachte Ullrich und seine Kollegen zur Telemedizin. Das Team baute in den vergangenen Monaten das Online- Angebot kontinuierlich aus und profitiert nun in der zweiten Welle der Pandemie von der Digitalisierung der Services. Es gibt jetzt Webinare, digitale Gesundheitskurse, App-basierte Gesundheitsförderung mit persönlicher Betreuung oder Work Out per Video – und der Service wird in den Unternehmen gut angenommen. Viele dieser Leistungen laufen über eine App wie etwa die von Caspar Health, die mehr und mehr bei seinen Firmenkunden implementiert wird. Natürlich werde es in der Therapie weiter „menscheln“, meint Ullrich, die Face to Face-Reha sei längst nicht abgeschrieben. Hybride Modelle seien im Trend, sagt der Jung-Unternehmer:“ Mit der Telemedizin fühlen wir uns besser gerüstet, um unsere kleine Firma fit für die Zukunft zu machen und ökonomisch erfolgreich durch den Winter zu kommen.“

Paracelsus-Klinik, Scheidegg

Auf einem Plateau in 850 Meter Höhe zwischen den Allgäuer Alpen und dem Bodensee lässt es sich selbst in einem Krankenhaus mit 200 Betten durchaus entspannt arbeiten und genesen – wenn nicht die zweite Pandemie-Welle die Idylle störte. „Nun müssen wir wieder strenge Hygienevorgaben einhalten, Abstand halten, Mundschutz tragen, die Gruppen verkleinern und können unsere Kapazitäten nur zu 70 bis 80 Prozent auslasten,“ erzählt Chefarzt Dr. Holger Hass. Alle seine Patienten werden vor der Aufnahme auf den Virus getestet, überall im Haus gelten penible Hygieneregeln, die Therapie-Gruppengrößen werden den Regeln angepasst und selbst der Briefträger darf nicht mehr ins Haus. „Die Vorteile der Telemedizin kommen in diesen Zeiten gerade richtig. Digitale Anwendungen helfen uns, dass nicht so viele Therapien ausfallen und Kontakte vermieden werden.“ So werden nun in Scheidegg Vorträge und Seminare meist digital angeboten. Die Patienten brauchen dann nicht mehr gemeinsam in einem Raum zu sitzen, entgehen dem Infektionsrisiko und der Vortragsraum kann zusätzlich für die Therapie genutzt werden. Auch für die Schulung und Wissensvermittlung der Patienten werden digitale Tools eingesetzt. Chefarzt Hass persönlich digitalisiert seine Vorträge und richtet auf der Plattform digitale Therapien zum Thema Onkologie ein. Demnächst wird auch ein Telemedizin-Schulungsraum aufgebaut – dann können die Patienten lernen, wie sie nach der Entlassung von zuhause trainieren und so den medizinischen Erfolg nachhaltig steigern. Mit der Umsetzung der Digitalisierung sieht sich Hass voll im Trend: „Natürlich wird es in der Therapie weiter menscheln, direkte Kontakte zwischen Therapeuten und Patienten sind wichtig. Die Zukunft aber sind hybride Modelle. Sie können beide Welten gut kombinieren.“

medicos. AufSchalke, Gelsenkirchen

Für Nicolaus Hüssen und seine Kollegen war der erste Lockdown im Frühjahr dieses Jahres eine Art Weckruf. „Wir glauben, dass Themen wie Maskenpflicht, Abstand und Belüftung dauerhaft relevant bleiben und haben uns daher intensiv Gedanken gemacht, wie wir unter diesen Bedingungen künftig weiter die gleiche Zahl an Patienten behandeln können, ohne die Hygieneregeln zu verletzen, sagt der Geschäftsführer von medicos.AufSchalke. Sein Haus gehört zu Nanz medico (ZAR) und damit zum deutschlandweit größten Anbieter von ganztägig ambulanter Rehabilitation. Rund 500 Patienten kommen pro Tag, dazu 1.000 weitere Besucher – Menschenmengen, die die Einhaltung der Hygieneregeln zu einer Herausforderung machen. Eine der ersten Maßnahmen, die Hüssen mit seinen Kollegen abstimmte, war die Entzerrung von Patientenströmen sowohl zeitlich als auch räumlich durch ein Zwei-Schichten-Modell. Die Orthopädie-Patienten werden nun in zwei Gruppen aufgeteilt, eine am Vormittag und eine am Nachmittag. Ferner werden Elemente aus dem Reha-Plan genommen, die Patienten auch gut von zuhause lernen können – etwa Entspannung, Stressbewältigung oder Motivation. Die Patienten werden vorher digitalen Anwendungen vertraut gemacht, wer kein Gerät besitzt, kann die Inhalte auch in einem Papier-Handout nachlesen. Durch die zeitliche Entzerrung und die Digitalisierung von Inhalten hat Hüssen einen Seminarraum aufgeben und für die Behandlung von Reha-Patienten umwandeln können. Die Rentenversicherung Westfalen hat das Konzept für gut befunden und vergütet die digitalen Leistungen. Die Resonanz der Patienten auf die Telemedizin sei „erstaunlich gut“, erzählt Hüssen. Sie nutzen die Apps gerne von zuhause, müssen sich nicht mehr in volle Räume setzen oder bei der Anfahrt im Stau stehen. So kann Geschäftsführer Hüssen seine Kapazitäten weiter gut auslasten, sein Haus ist auch im Lockdown nahezu auf „Vor-Corona-Niveau“ und das Unternehmen arbeitet weiterhin wirtschaftlich. „Wir haben erreicht, was wir wollten“, freut sich Geschäftsführer Hüssen, „Die Telemedizin trägt dazu bei, dass wir unsere Wirtschaftlichkeit auch in Pandemie-Zeiten erhalten können.“