Nicht nur der Mangel an Pflegekräften schreit nach Digitalisierung im Krankenhaus


Jochen A. Werner, Essen

Es vergeht kaum ein Tag, an dem in den Medien nicht zum Pflegenotstand und zur Digitalisierung berichtet wird. Beide Themen gewinnen seit vielen Jahren an Bedeutung, das eine etwas schneller als das andere, mit einer allerdings erschreckend langen Reaktionszeit bis zur entschiedenen Bereitschaft zur Umsetzung.

Seit nun einem Jahr werden lauthals auch von der Politik mehr Pflegekräfte gefordert, begleitet von öffentlichkeitswirksamen Erzwingungsstreiks der Gewerkschaft ver.di. Zum Ende solcher Arbeitskämpfe stehen Vereinbarungen zur Einstellung von über hundert Pflegekräften, deren Mangel ja mehr als offensichtlich ist. Und wo bleibt die Diskussion, was man tun kann, damit die heute tätigen Pflegekräfte von zeitraubenden pflegefernen Tätigkeiten entlastet werden? Es kann doch nicht sein, in der heutigen Zeit mit tradiertem Verhalten nur symptomatisch über Vollzeitäquivalente zu verhandeln. Sollen sich denn auch die neu einzustellenden Pflegekräfte über vielleicht noch mehr pflegeferne Arbeitsgänge ebenso schnell aus ihrem Beruf entfernen, wie es in den vergangenen Jahren der Fall war? Ist es nicht besser, ein Loch im Trommelfell zu verschließen, als ein Hörgerät zu verordnen? Natürlich muss das Problem von Grund auf angegangen werden. Die einzelnen Arbeitsgänge von Gesundheits- und Krankenpflegerinnen und –pflegern müssen ebenso analysiert und in nachvollziehbare Prozesse übertragen werden, wie bei den übrigen Berufsgruppen im Krankenhaus. Ist dies geschehen und sind mögliche prozessuale Schwächen ausgeglichen, kann mit der Digitalisierung begonnen werden. Auf diese Weise kann die Mitarbeiterschaft von einer Reihe administrativer Tätigkeiten entlastet werden. Damit gehört natürlich auch die Digitalisierung zwingend zum Themenkreis um die Entlastung Pflege. Wie zuvor erwähnt, macht diese Verzahnung keinesfalls vor anderen Berufsgruppen im Krankenhaus halt, führt man sich vor Augen, welch hohen Anteil an administrativen Tätigkeiten Assistenzärztinnen und –ärzte tagtäglich ausüben. Damit stellt sich die Frage, wie lange wir es uns noch erlauben können, so sträflich mit unseren Human Resources in Kliniken umzugehen, und Human Resources meint dabei die Ressourcen, die ein Unternehmen aus seiner Mitarbeiterschaft an Wissen, Fähigkeiten und Motivation generieren kann. Noch komplexer wird diese Diskussion dadurch, dass sich auch diese beiden vorgenannten Berufsbilder im Kontext der Digitalisierung verändern werden. Gleichermaßen werden ganz neue Berufe im Krankenhauswesen entstehen, die frühzeitig in Personalentwicklungen einzubeziehen sind.

Nahezu alle Krankenhäuser haben eine Digitalisierungsstrategie, mehr oder weniger detailliert und umfangreich. Die Essener Universitätsmedizin überschrieb ihr im Jahre 2015 angestoßenes Digitalisierungsvorhaben mit dem Begriff Smart Hospital. Hiermit gemeint ist eine digital unterstützte, intelligent arbeitende Steuerungseinheit, die nicht durch die Mauern eines Universitätsklinikums begrenzt ist, sondern sich an der Krankengeschichte ihrer Patienten orientiert, weit vor dem Krankenhaus beginnend und weit bis nach dem Klinikaufenthalt reichend. Der damit verbundene Steuerungsmechanismus überschreitet die Sektoren in engster Kooperation mit niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten sowie mit weiteren Einrichtungen des Gesundheitswesens. Sensorik und Echtzeitmonitoring unterstützen chronisch erkrankte Patienten dabei, Krankenhausaufenthalte zu vermeiden. Hierzu gibt es bereits Eignungsnachweise für chronische Herzinsuffizienz, chronisch obstruktive Lungenerkrankung und Morbus Parkinson. Die datenbasierte Unterstützung der niedergelassenen Ärzteschaft ermöglicht dem Smart Hospital die so notwendige wissenschaftliche Lückenschließung zwischen ambulant und stationär und damit die Komplettierung der Krankheitsverläufe, was aber auch für die Akutmedizin zum Tragen kommt. Als Voraussetzung hierfür wurde am Essener Universitätsklinikum eine digitalisierte Zentrale Notaufnahme in Betrieb genommen, die wiederum als Knotenpunkt zwischen dem prähospitalem Monitoring der Vitalparameter und der intrahospitalen Weiterversorgung ihrer Patienten dient. Solche Ansätze stärken die Universitätsmedizin, die auch und ganz besonders im Zeitalter der Digitalisierung ihrer Aufgabe als Innovationsgeber der Medizin gerecht werden muss. In den Mittelpunkt rückt dabei neben all den verschiedenen medizinischen Aspekten das Gebiet der Datenwissenschaft. So wird das Data Trust Center zur Wissenszentrale im Smart Hospital, Daten zur Genomik, Diagnostik und Therapie analysierend, unter Anwendung von maschinellem Lernen und Künstlicher Intelligenz. Wie im Smart Hospital die Menschen im absoluten Fokus steht, so gründet dessen Data Trust Center auf dem Vertrauen seiner Patientinnen und Patienten. Alle genannten Entwicklungen berühren Aspekte der Ethik, deren Bedeutung im Smart Hospital relevant zunehmen wird.

Prof. Dr. Jochen A. Werner
Vorstandsvorsitzender der Universitätsmedizin Essen
Hufelandstraße 55
45147 Essen