Neue Diagnose- und Therapiemöglichkeiten – wie sieht das Gesundheitssystem von morgen aus?

Dr. Johannes Thormählen

Statement von Herrn Dr. Johannes Thormählen M.H.A.

Das Gesundheitssystem besitzt einen riesigen und stündlich wachsenden Datenschatz. Big Health Data und Künstliche Intelligenz haben deshalb das Potential, die Medizin zu revolutionieren. Nicht mehr zeitgemäße Prinzipien wie das Fernbehandlungsverbot haben ausgedient.

Wie sehr sich etablierte Akteure auch dagegen wehren, letztendlich sind es die Bedürfnisse und Erwartungen der Patienten, die darüber entscheiden, was sich in der Versorgung durchsetzen wird. So sollten wir uns fragen, ob wir vielleicht das Anamnesegespräch zukünftig lieber mit „Dr. Siri“ führen wollen, weil sie unbegrenzt Zeit und Verständnis für uns hat, ganz im Gegensatz zu unserem behandelnden Arzt.

Gleichzeitig müssen sich jedoch auch neue Diagnose- und Therapiemöglichkeiten immer am erlebten Patientennutzen und nicht am medizinisch Machbaren orientieren. Denn bekämpft werden heute und, wenn wir dem nicht entgegentreten vermutlich auch zukünftig, oft aufwändig diagnostizierte Risikofaktoren statt Krankheiten im eigentlichen Sinn. So verzeichnen wir in manchen Indikationsgebieten eine stetig zunehmende Zahl von Diagnosen, die, zeitweise ohne jegliches Leiden der Patienten, zu therapeutischen Konsequenzen führen, deren Nutzen nicht gesichert ist, die jedoch Schaden verursachen können.

Bei unserer zunehmend älteren Gesellschaft ist dies ein Plädoyer dafür, nicht nur nach klinischer Evidenz zu handeln, sondern bei diagnostischen und therapeutischen Maßnahmen auch ihre Auswirkungen auf die Lebensumstände und -qualität der Patienten zu berücksichtigen – und zwar auf Grundlage von gemeinsamen Entscheidungen mit den Patienten.