Medizinischer Fortschritt braucht Daten

Mit der digitalen Transformation der Medizin ist ein Versprechen verbunden: das Versprechen auf eine bessere Gesundheitsversorgung und damit auf ein gesünderes Leben. Um es einzulösen, müssen wir jetzt die Weichen stellen und den Menschen dabei konsequent in den Mittelpunkt stellen: als Nutzer zunehmend individualisierter Therapien sowie als souveränen Entscheider über seine Gesundheit – einschließlich seiner Daten.

von Andreas Gerber

Wir erleben derzeit einen Paradigmenwechsel in der Medizin: weg von der Behandlung von Krankheiten hin zur Bewahrung von Gesundheit. Gleich mehrere Faktoren sind hierfür ausschlaggebend: Zum einen hat die Grundlagenforschung in den vergangenen Jahren enorme Fortschritte gemacht. Wir verstehen immer besser, wie Krankheiten entstehen. Parallel dazu entwickeln sich unsere technologischen Möglichkeiten rasant weiter. Das beschleunigt die Wirkstoffsuche und verbessert die Diagnostik und Therapie insbesondere schwerer oder seltener Erkrankungen. Ein weiterer Faktor ist die Digitalisierung: Forscherinnen und Forscher arbeiten weltweit zunehmend vernetzt zusammen, teilen und diskutieren Forschungsansätze und -ergebnisse. Ohne solche Forschungsnetzwerke
wäre die Entwicklung eines Impfstoffs gegen COVID-19 in dem Tempo, das wir aktuell erleben, nicht denkbar.

Private Forschung als Treiber medizinischer Innovationen
Therapien, die heute zugelassen werden, setzen bereits deutlich früher an, wirken immer präziser und berücksichtigen zunehmend die individuelle Ausprägung einer Erkrankung bei den Betroffenen. Das Potenzial der digitalen Transformation ist jedoch größer. Gleiches gilt für forschende Unternehmen wie Janssen: Bei der Übersetzung von Grundlagenforschung in nutzenstiftende Diagnostik und Therapien ist die private Forschung in der Regel die treibende Kraft: Etwa 75 Prozent aller Forschungsvorhaben werden durch die Industrie getragen oder von ihr finanziert. 2019 haben die in Deutschland ansässigen Unternehmen 25 neue Medikamente auf den Markt gebracht, darunter zehn zur Behandlung von Krebs. Dürften wir unsere Innovationskraft umfassend nutzen, könnten wir noch viel mehr zur langfristigen Verbesserung der Gesundheitsversorgung der Bevölkerung beitragen. Dazu braucht es jedoch die richtigen Rahmenbedingungen.

Gleichberechtigter Zugang zu Gesundheitsdaten
Der Zugang zu validierten Daten ist entscheidende Voraussetzung für die Erforschung und Entwicklung innovativer Therapien. Das Digitale-Versorgung-Gesetz regelt den Zugang zu den vorliegenden Gesundheitsdaten. Antragsberechtigt sind unter anderem Krankenkassen, Ärztekammern und öffentliche Forschungseinrichtungen. Die privat finanzierte Forschung fehlt in der Auflistung. Auch das Patientendaten-Schutz-Gesetz, das eine freiwillige Datenspende vorsieht, schließt forschende Unternehmen vom Zugang zu diesen Datenspenden aus. Andere Länder sind in dieser Hinsicht progressiver. In Finnland beispielsweise haben auch Unternehmen seit 2020 per One-Stop-Shop Zugriff auf Gesundheits- und Sozialdaten (www.findata.fi/en). Ich meine: Dieses Modell wäre
auch in Deutschland denkbar. Dass es möglich ist, Datenschutz und Datennutzung miteinander zu vereinbaren, beweisen wir bei Janssen im Übrigen schon seit 2014: Im Rahmen des YODA-Projekts (Yale Open Data Access-Project) mit der Yale University ermöglichen wir Wissenschaftlern aus der ganzen Welt Zugang zu sämtlichen Daten aus unseren klinischen Studien.

Vernetzte Versorgung braucht vernetzte Datenräume
Die digitale Transformation birgt das Potenzial einer konsequent vernetzten Versorgung. Die Voraussetzung sind Datenräume mit einem geregelten Zugang für öffentliche und privat finanzierte Forschungseinrichtungen. Die Schaffung eines solchen Datenraums auf EU-Ebene ist ein Ziel der deutschen EU-Ratspräsidentschaft. In Deutschland sind wir davon noch weit entfernt: Nahezu
jedes Krankenhaus, jede Praxis hat eine individuelle IT-Infrastruktur. Die Folge: KI-Anwendungen, die Ärzte bei der Diagnose und Therapieentscheidung in komplexen oder seltenen Indikationen unterstützen, können nicht flächendeckend ausgerollt werden. Das Potenzial solch digitaler Werkzeuge, insbesondere im Hinblick auf die Verbesserung der Gesundheitsversorgung im ländlichen
Raum, kann nicht genutzt werden.

Forschende Unternehmen als Sparringspartner nutzen
Die Digitalisierung der Medizin kann maßgeblich dazu beitragen, unsere Gesundheitsversorgung langfristig zu verbessern. Wollen wir dieses Potenzial nutzen, dann müssen wir – muss die Politik – jetzt die Rahmenbedingungen dafür schaffen, dass alle Akteure im Gesundheitswesen ihren bestmöglichen Beitrag leisten können. Bei der Ausgestaltung dieser Rahmenbedingungen unterstützen
wir gern als Sparringspartner. ■

Andreas Gerber, Vorsitzender der Geschäftsführung, Janssen Deutschland

Janssen-Cilag GmbH

www.janssen.com/germany