Kalmeda und Velibra – die ersten Apps auf Rezept

Dr. Johannes Bohmann, Leitender Redakteur, solutions by Handelsblatt Media Group

Mit Kalmeda und Velibra haben die ersten Digitalen Gesundheitsanwendungen, kurz „DiGa“, das Prüfverfahren beim zuständigen Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) gemeistert. Weitere sollen folgen – doch es gibt noch Hausaufgaben.

Die Akzeptanz von Apps zur Hilfe bei medizinischen Themen wächst in der Bevölkerung. Umfragen des Digitalverbandes Bitkom zufolge nutzen immer mehr ältere Menschen sie für Kontrollvorgänge: 49 Prozent der Befragten sagten, dass sie Apps nutzen würden, die Blutdruck und Herzfrequenz messen. Und aus Großbritannien meldet das Health-Startup Quin, dass seinen Erhebungen zufolge die Nutzung von Gesundheits-Apps während der Corona-Krise um stolze 37 Prozent gestiegen ist.

Dass auch in der Ärzteschaft die Erkenntnis wächst, dass man sich auf den unterstützenden Einsatz von Apps bei den Behandlungen vorbereiten sollte, zeigt eine Meldung vom 12. Oktober en: In ihr kündigten der Hartmannbund, das Bündnis Junge Ärzte und der Spitzenverband Digitale Gesundheitsversorgung (SVDGV) den Start einer Online-Seminarreihe an, bei der die praktische Arbeit mit DiGa umfassend erläutert und Einblicke in die Prozesse geboten werden sollen. Außerdem, so hieß es, solle über Datenschutz gründlich informiert werden. Was auch dringend geboten sein dürfte, denn denn gerade zu Letzterem  ist die Skepsis in der Ärzteschaft noch längst nicht ausgeräumt. Thomas Kriedel etwa, Vorstand bei der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), sagte gegenüber Handelsblatt Inside: „Ich rate von DiGa ab, solange die Informationslage dünn bleibt und offene Haftungsfragen bestehen bleiben.“ Es sei die ärztliche Pflicht, dass Dinge erst in der Behandlung zum Einsatz kommen, wenn ihr Nutzen auch eindeutig klar ist.

Dass gerade der Datenschutz in der Digitalmedizin ein heißes Eisen ist, wurde denn auch unmittelbar nach der Zulassung von Velibra offenkundig. So unterstellten die IT-Sicherheitsexperten André Zilch und Martin Tschirsich (Chaos Computer Club), der App – die sich als „digitaler Psychohelfer“ an Patienten mit Angst- und Panikstörungen wendet – gravierende Sicherheitslücken. Voran jene, dass die App Nutzer darauf hinwies, wenn sie sich mit einer bereits vergebenen E-Mail-Adresse registrieren wollten. „Ich kann also E-Mail-Adressen von Freunden oder Bekannten ausprobieren und erkenne dadurch, wer eine digitale Therapie wegen Angststörungen macht“, erklärte Tschirsich Handelsblatt Inside. Der Betreiber hat diese – und andere angemahnte Lücken –  zwar bereits ausgeräumt, doch steht das Prüfverfahren des BfArM damit in keinem guten Licht.

Es wird also künftig genauer hinzuschauen sein bei der Zulassung weiterer DiGa – zumal es sich um einen Schritt handelt, der weltweit einzigartig ist: In keinem Land der Erde gibt es bislang Gesundheits-Apps als reguläre Leistung der Krankenversicherung.

Und das, obwohl, so das Marktforschungsinstitut „Research2Guidance“, bereits rund 100.000 Gesundheits-Apps in den Stores von Google und Apple zu finden sind. Zwar sind der Großteil davon Freizeit- oder Wellness-Anwendungen wie Schrittzähler oder Einschlafhilfen, jedoch darf man davon ausgehen, dass mit der nun möglichen Kassenzulassung Bewegung in die Produktpalette kommt. Dazu Ralf Jahns, Geschäftsführer von „Research2Guidance“: „Im In- und Ausland zeigen zahlreiche Entwickler Interesse an den Möglichkeiten, die nun in Deutschland geschaffen werden.“ Das betreffe nicht nur Start-ups, sondern auch Großkonzerne aus der Pharmabranche oder Krankenhausketten. Jahns schätzt, dass „hunderte Gesundheits-Apps mittelfristig in die GKV-Erstattung kommen könnten“.

Velibra, der „digitale Psychotherapeut“, wie die App genannt wird, ist eine Entwicklung der GAIA AG aus Hamburg; die App Kalmeda, die Patienten mit chronischer Tinnitusbelastung eine leitlinienbasierte, verhaltenstherapeutische Therapie biete, wurde vom Duisburger Start-up MyNoise lanciert. Vor allem bei GAIA, wo man seit über 15 Jahren an digitalen Lösungen zur Effizienzsteigerung in der Gesundheitsversorgung forscht und arbeitet – das bekannteste Produkt des Hauses ist die Anti-Depressions-App Deprexis – ist der Optimismus groß, dass die DiGa ein Wachstumsfeld mit großem Potenzial sind. GAIA-Vorstand Mario Weiss jedenfalls kündigte an, dass mit weiteren DiGa-Zulassungen für die Krankenkassen zu rechnen sei: „Wir sind mit mehreren DiGas im Prozess vertreten.“

 

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