Es ist Zeit für ein neues Selbstbild der Pflege

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Andreas Joehle, CEO, Hartmann Group

Die Zeichen stehen auf Veränderung. „Empowerment der Pflege“ wird vielfach gefordert – also: Pflegekräften mehr Verantwortung übertragen. Sie sollen künftig gleichberechtigt mit anderen Berufsangehörigen im Gesundheitswesen kooperieren.

Pflegekräfte sind ganz nah am Patienten. Sie beobachten die ihnen anvertrauten Kranken, erkennen deren Bedürfnisse und gehen darauf ein. Wenn etwa der Patient im Krankenhaus den Klingelknopf drückt, ist es die Pflegekraft, die herbeieilt und sich um den Bettlägerigen kümmert. Sie versorgt Wunden, wechselt Verbände, bringt das Infusionsgerät wieder zum Laufen. Sie wäscht den Patienten, füttert ihn, spricht ihm Mut zu oder lagert ihn um, damit es nicht zu Thrombosen und Wundliegen kommt.

Pflegekräfte haben – egal, ob im stationären oder im ambulanten Bereich – eine Menge weiterer Aufgaben. Es geht um das Wohl jedes einzelnen Patienten. Doch obgleich sie mit deren Bedürfnissen bestens vertraut sind, kommunizieren Pflegekräfte am Krankenbett mit Ärzten nicht auf Augenhöhe. Mit mangelndem Selbstbewusstsein hat das nichts zu tun. Vielmehr liegt es an den Strukturen im Gesundheitswesen. Pflege gilt immer noch als Assistenz ärztlicher Tätigkeit. Dabei ist Pflege viel mehr als das.

Pflegeberufe aufwerten.
Es ist Zeit für ein neues Selbstbild des Berufs. Fachverbände und auch die PAUL HARTMANN AG sind sich einig: Der Pflege muss mehr Verantwortung übertragen werden. Pflegekräfte sollten gleichberechtigt mit anderen Akteuren im Gesundheitswesen, etwa Ärzten und Physiotherapeuten, agieren. Die Pflege muss eine eigenständige Profession im  Gesundheitswesen werden. Damit werden Pflegeberufe gesellschaftlich, aber auch politisch aufgewertet.

Das würde auch dazu führen, dass sich mehr junge Leute für den Pflegeberuf begeistern könnten. Denn im Pflegebereich herrscht – und das ist nichts Neues – schon heute vielfach Personalnot. Experten gehen davon aus, dass bis 2025 in Deutschland zwischen 150.000 und 200.000 Pflegekräfte fehlen werden. Diese Zahlen verdeutlichen: Es muss jetzt gehandelt werden. Dazu gehört, dass die pflegerische Tätigkeit besser als bisher vergütet wird. Denn die Fachkräfte sind aktuell schlicht unterbezahlt.

Pflegerische Grundausbildung einführen
Fachverbände fordern auch eine allgemeine pflegerische Grundausbildung – sie soll die nicht mehr zeitgemäßen, getrennten Ausbildungen der Gesundheits- und Krankenpflege, Altenpflege und Kinderkrankenpflege zusammenführen. Außerdem soll es mehr akademisch qualifizierte Pflegekräfte geben. Der Grund: Die Menschen werden immer älter und ihre Krankheiten komplexer. Je fundierter Pflegekräfte ausgebildet sind, desto besser. Bestehende pflegewissenschaftliche Studiengänge müssen daher weiterentwickelt werden.

Eine weitere Forderung lautet: Pflegekammern schaffen. Die Kammern nehmen die Interessen der Berufsangehörigen wahr. Zugleich stellen sie die professionelle Pflege auf Basis aktueller pflegewissenschaftlicher Erkenntnisse sicher. Verkammerte Berufe genießen in der Öffentlichkeit ein hohes Ansehen. Mit einer Verkammerung würde der Pflege mehr gesellschaftliche Wertschätzung entgegengebracht. Pflegekammern haben zudem die Expertise und allgemeine Akzeptanz, die Politik bei der Gesetzgebung zu beraten.

Heilkundliche Tätigkeiten übertragen
Darüber hinaus setzen sich Fachverbände dafür ein, bestimmte heilkundliche Tätigkeiten, die bislang Ärzten vorbehalten sind, auf Pflegekräfte zu übertragen. Dazu gehören etwa Blutentnahmen, das Legen und Überwachen von Sonden und Kathetern, das Überleitungsmanagement oder die Wundversorgung. Pflegekräfte sollen perspektivisch verordnen und eigene Verträge mit Kassen abschließen können. Hierfür müssen die gesetzlichen Grundlagen geschaffen werden.

„Empowerment der Pflege“ – um dies zu erreichen, müssen alle Beteiligten im Gesundheitsmarkt umdenken. Auch die Gesundheitswirtschaft wird sich den Herausforderungen stellen müssen. Dies gilt etwa für die spezifische Ansprache von Pflegekräften, wenn sie zu neuen medizinischen Produkten und Lösungen informiert werden oder wenn Pflegekräfte zum Beispiel in Krankenhäusern künftig noch stärker als bisher bei Medizinprodukten in Kaufentscheidungen eingebunden sein werden.

Unternehmen unterstützen Pflegekräfte
Für (Med-Tech-) Unternehmen wie die PAUL HARTMANN AG, die traditionell stark mit der Pflege verbunden sind, bedeutet das, Produkte bereitzustellen, die Pflegekräften einen echten Mehrwert bieten und im besten Fall auch Kosten reduzieren. Von Vorteil wäre zudem, mit Pflegekräften früh zu kooperieren, etwa im Bereich Forschung und Entwicklung. Davon profitieren beide Seiten – die Pflegekräfte erhalten passgenaue Lösungen und die Unternehmen eine bessere Einsicht in den Markt.