„Ein Technologiesprung braucht Teamwork“

„Ein Technologiesprung braucht Teamwork“

Dr. med. Markus Leyck Dieken, Geschäftsführer gematik GmbH

Es ist eines der größten IT-Projekte Europas: Die Digitalisierung des deutschen Gesundheitssystems schreitet voran. Für Dr. med. Markus Leyck Dieken, Geschäftsführer der gematik, Deutschlands Agentur für digitale Medizin, ist es Zeit für die nächsten großen Schritte. Und diese müssen alle Akteure gemeinsam gehen.

Es gibt nichts zu beschönigen. Lange war Deutschland hinterher, was die Digitalisierung in der medizinischen Versorgung betrifft. Das zeigte unter anderem das „Digitale Medizin Ranking“ der Bertelsmann Stiftung 2018. Doch seitdem ist viel passiert. Lösungen wurden entwickelt und wichtige Prozesse angestoßen: von der elektronischen Patientenakte über die App für E-Rezepte bis hin zur Möglichkeit für Praxen, Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen auf digitalem Weg direkt an Krankenkassen zu schicken. Zudem hat auch die anfängliche Skepsis gegenüber neuen Technologien an vielen Stellen nachgelassen. So sind derzeit etwa schon 40.000 Arztpraxen an den Kommunikationsdienst KIM angeschlossen, mit dem wir sicheren E-Mail-Verkehr für sensible Daten gewährleisten. Es werden täglich mehr Teilnehmer und Nutzerkreise. Doch angesichts aktueller Herausforderungen wie der Coronapandemie müssen wir das Tempo dieser Aufholjagd nicht nur halten, sondern auch noch erhöhen.

Unser erklärtes Ziel in der gematik ist es, eine leistungsstarke Telematikinfrastruktur im deutschen Gesundheitssystem zu etablieren. Eine, die für alle Bereiche und Beteiligten funktioniert. Denn bisher gibt es in Deutschland noch zu viele technische Insel-Lösungen, die etwa nur für spezifische Krankheiten oder in begrenzten Regionen zum Einsatz kommen können. Insel-Lösungen können jedoch zu erhöhtem Aufwand führen – etwa, wenn das technische System der einen Arztpraxis nicht mit dem einer anderen kompatibel ist, um Daten auszutauschen, oder die Informationsübermittlung an der Grenze einer Stadt oder eines Versorgungssektors haltmacht. Zudem kommt wertvolles Wissen häufig nicht bei allen an, die es für eine optimale Versorgung benötigen.

„Wir brauchen Standards und Schnittstellen“

Was wir brauchen, ist ein System von einheitlichen, international anerkannten Standards, die unkomplizierten und sicheren Datenaustausch ermöglichen: zwischen Hausarztpraxis und Krankenhaus, zwischen Patientin und Apotheke oder – im aktuellen Pandemie-Fall – zwischen Labor und Gesundheitsamt. Wie kein anderes Beispiel zuvor hat uns Corona die Vorteile und auch die Notwendigkeit einer vernetzten, schnellen Kommunikation unterschiedlicher Akteure im Gesundheitswesen vor Augen geführt. Diese haben wir als gematik federführend mitgestaltet. Und wir haben dabei einiges gelernt.

Ein Learning, das sich konsequent durch unseren Arbeitsalltag zieht: Digitale Medizin braucht Teamwork. Sie braucht eine Umgebung, in der sich alle Beteiligten auf neutralem Boden treffen können und unter selben Bedingungen teilnehmen, von der Forschung bis zur Krankenversicherung. Wir nennen diese Umgebung Arena für digitale Medizin. Der Austausch in dieser Arena ist essenziell, um Lösungen zu entwickeln, mit denen alle Akteure gut arbeiten können. Denn hier gibt es viele Bedürfnisse zu berücksichtigen – ob Schutz sensibler Daten, effizienter Umgang mit Zeit und Kosten oder bestmögliche Behandlung im Notfall. Um all das im Blick zu behalten, arbeiten wir eng mit Fachleuten aus der Praxis zusammen.

Wir sehen uns dabei in der Vermittlerrolle: Die gematik bietet Raum für offenen Austausch, gerne auch mal engagierte Diskussionen. So erhalten wir wertvolle Impulse, die wir konkret in die Praxis umsetzen können. Denn fest steht: Wir wollen die Voraussetzungen für eine digitale Medizin schaffen, von der alle Nutzerinnen und Nutzer gleichermaßen profitieren – und das möglichst schnell.

Dr. med. Markus Leyck Dieken ist seit dem 1. Juli 2019 Alleingeschäftsführer der gematik. Er ist von Hause aus Internist und Notfallmediziner. Leyck Dieken promovierte 2001 an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg in Endokrinologie. Seine siebenjährige klinische Erfahrung umfasst stationäre und ambulante Tätigkeiten in Deutschland und Brasilien.