Die Entscheidungshoheit über digitale Lösungen muss bei den Ärzten bleiben

Die Entscheidungshoheit über digitale Lösungen muss bei den Ärzten bleiben

Sassan Sangsari ist Medical Director bei dem Health-Tech-Unternehmen Siilo. Der ehemalige Chirurg verantwortet das Wachstum eines flächendeckenden Messenger-Netzwerks für medizinische Fachkräfte in Deutschland.

Welche Bedeutung hat die digitale Kommunikation für den Arbeitsalltag von medizinischem Fachpersonal? Inwiefern kann sie die Patientenversorgung verbessern?

Das Herzstück guter Medizin ist die Fähigkeit, gute Entscheidungen zu treffen. Und dafür muss natürlich der Austausch von Informationen und Ideen zwischen den Entscheidungsträgern reibungslos funktionieren. Medizin ist ein Teamsport – ohne gute Kommunikation miteinander können wir keine guten Entscheidungen für unsere Patienten treffen. Die digitale Kommunikation birgt dabei das große Potential, dass medizinisches Fachpersonal sich schneller, unbürokratischer und informationsreicher austauschen kann.

Welche zentralen Herausforderungen sehen Sie derzeit bei der Digitalisierung von Arztpraxen und Kliniken, die es zu überwinden gilt?

Wir haben im deutschen Gesundheitswesen oftmals IT-Projekte gesehen, die beabsichtigten durch Standardisierung alle Anbieter über einen Kamm zu scheren. Arztpraxen und Kliniken zu zwingen, sich einem Digitaliserungsvorhaben zu beugen, ohne sie dabei vom Mehrwert wirklich überzeugt zu haben, ruft zurecht viel Unmut hervor. Meiner Meinung nach ist die zentrale Herausforderung, kulturelle Akzeptanz für konkrete Digitalisierungsangebote zu schaffen. Erst wenn die Ärzteschaft von sich aus überzeugt ist und ein organisches Nutzerwachstum freiwillig von innen heraus entsteht, kann nachhaltige Digitalisierung entstehen.

Wie verbreitet sind Messenger Apps bereits in deutschen Arztpraxen und Kliniken? Und welche Argumente überzeugen die Ärzteschaft Ihrer Erfahrung nach am meisten, auf digitale Kommunikation mithilfe eines Messenger Dienstes umzustellen?

Messenger Apps haben sich in den letzten Jahren bereits rasant in die Kommunikationskultur von Praxen und Kliniken eingenistet. Bei Siilo beispielsweise zählen wir zurzeit bereits 54.000 Nutzer in Deutschland. Dabei handelt es sich hauptsächlich um Ärzte. Dies liegt vor allem daran, dass Messenger-Dienste wie WhatsApp schon flächendeckend im Privatbereich genutzt werden. Zurecht wollen Mediziner diese bekannten Vorteile auch für den klinischen Alltag nutzen. Es braucht daher kaum Überzeugungsarbeit mehr – lediglich den Hinweis, dass WhatsApp zum Teilen von sensiblen Patientendaten schlichtweg datenschutzrechtlich verboten ist.

Können Sie ein Beispiel nennen, bei dem sich der Messenger Siilo im Gesundheitswesen während der Corona-Krise als besonders hilfreich erwiesen hat?

Die Corona-Pandemie hat unter anderem einen massiven Gesprächsbedarf unter Notfall- und Intensivmedizinern auf örtlicher, regionaler, wie auch nationaler Ebene ausgelöst. Chat-Gruppen mit wichtigen Akteuren, wie z.B. die Krisenstabsleitung von Krankenhäusern oder die intensivmedizinischen Chefärzte aus gewissen Regionen, wurden zum gelebten Weg des schnellen Austausches von kritischen Informationen. Die Krisenbewältigung erforderte Zusammenarbeit auf vielen Ebenen mit engster Taktung. Siilo konnte einen Beitrag dazu leisten, diesem beeindruckenden Kollaborationsgeist eine sichere und intuitiv bedienbare Plattform zu bieten.

Hand aufs Herz: Sind Messenger und Videosprechstunden in den Praxen gekommen, um zu bleiben? Welche Entwicklung sehen Sie auf uns zukommen?

Absolut. Die neue Generation sieht nicht mehr ein, warum man zwei Stunden im Wartezimmer sitzen muss, wenn man doch pünktlich zum Arzttermin in der Praxis erschienen ist. Die Bequemlichkeit von Videosprechstunden hat sich bewährt, auch über die Pandemie hinaus. In Zukunft werden Hybrid-Modelle zum Standard, also eine Mischung aus Präsenz- und digitalen Begegnungen zwischen Arzt und Patient. Die traditionelle Praxis ist ein Auslaufmodell. Ähnlich ist es bei der Kommunikation: Immer mehr Arztpraxen verbannen ihre Faxgeräte und nutzen die Vorteile der digitalen Kommunikation. Diese erfreuliche Entwicklung wird sich fortsetzen, da bin ich mir sicher.

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten, was würden Sie sich von der Ärzteschaft und den Entscheidern in Gesundheitseinrichtungen für eine gelungene Digitalisierung auf verschiedenen Ebenen wünschen? Und in welcher Pflicht sehen Sie sich als Hersteller?

Ich wünsche mir, dass der Ärzteschaft mehr Entscheidungsspielraum zugesprochen wird, digitale Lösungen selbst auszuprobieren und nur solche zu etablieren, die sich konkret bewährt haben. Als Hersteller sehen wir uns in der Pflicht, Produkte für die End-Nutzer zu optimieren. Oftmals herrscht eine Diskrepanz zwischen dem Bedarf der Ärzteschaft im klinischen Alltag und den konzipierten Lösungsansätzen von nicht-ärztlichen Entscheidern in Gesundheitseinrichtungen. Umso mehr wächst der Unmut auf beiden Seiten, wenn mandatierte Digitalisierungsprojekte scheitern, weil sie schlicht und ergreifend von der Ärzteschaft nicht genutzt werden. Der Krankenhausmanager mischt sich ja auch nicht bei der Frage ein, welche Art von Skalpell ein Chirurg im OP benutzen soll. Ähnlich wie bei der Skalpell-Auswahl, sollte auch die Nutzung von digitalen Produkten der Ärzteschaft weitestgehend selbst überlassen werden.