Das smarte Krankenhaus

Digitalisierung im Krankenhaus – eine Mammutaufgabe? Erst recht, wenn es um den internationalen Kontext geht? Die Corona-Pandemie hat gezeigt, wie dringlich diese Aufgabe ist. Und dass kein Weg daran vorbeiführt, dass wir diese Mammutaufgabe lösen müssen.

Dr. Johannes Bohmann, Leitender Redakteur, solutions by Handelsblatt Media Group

Dass das deutsche Gesundheitswesen in Sachen Digitalisierung vielen anderen Ländern weit hinterherläuft, ist in den zurückliegenden Jahren vielfach beklagt worden. So hat, um nur ein Beispiel zu nennen, das wissenschaftliche Institut der Allgemeinen Ortskrankenkassen (AOK) die deutschen Krankenhäuser in seinem Krankenhausreport 2019 nach dem von der US-amerikanischen Non Profit Organization HIMSS entwickelten EMRAM-Verfahren bewertet (dazu mehr unten) – und ein ernüchterndes Ergebnis vorgelegt: Deutsche Krankenhäuser kamen auf einen Durchschnittswert von nur 2,3 auf einer Skala von 0 bis 7 – der EU-Durchschnitt lag 2019 bei 3,6.

Und nun befinden wir uns mitten in der Corona-Pandemie – und die Diskussion um die Digitalisierung der Medizin im Allgemeinen und der Krankenhäuser im Besonderen hat geradezu rasant an Fahrt aufgenommen. Mit der Corona-App kommen viele Bürger*innen überhaupt zum ersten Mal in Berührung mit einem digitalen Tool im Zusammenhang mit ihrer Gesundheit. Dessen bisher zufriedenstellende Akzeptanz belegt immerhin, dass in Notzeiten die Bereitschaft zum Miteinander steigt, wenn, wie geschehen, die Grundbedingungen des Datenschutzes gegeben sind. Für eine Eingewöhnung in die als Großprojekt für 2021 seit Langem geplante Einführung der elektronischen Patientenakte (ePa) ist die Corona-App, so gesehen, sicher ein willkommener, wenn auch unerwarteter Motivationshelfer.

Und in der Krise fließen Mittel! Mit drei Milliarden Euro, so heißt es im Ende Juni beschlossenen Konjunkturpaket der Bundesregierung, soll die Digitalisierung der Medizin unterstützt werden. Und schon in den ersten Reaktionen darauf trat das oben schon erwähnte EMRAM-System in den Fokus der Debatte darum, wie diese Gelder nun einzusetzen und zu verteilen sind.

Erwin Rüddel (CDU), Vorsitzender des Gesundheitsausschusses im Bundestag, sagte dazu gegenüber Handelsblatt Inside: „Es muss sichergestellt werden, dass das Geld nicht nach dem Gießkannenprinzip ausgezahlt wird. In meinen Augen wäre es wünschenswert, die Prozessqualität zu steigern und die Krankenhäuser in einem gestuften Verfahren digital auf ein hohes Niveau zu führen.” Für solch ein Verfahren, so Rüddel weiter, stehe EMRAM.

Was genau ist nun EMRAM? Das Kürzel steht für „Electronic Medical Record Adoption Model“ und bezeichnet ein Bewertungssystem, das vom langjährigen Partner der Digital Health-Konferenz, HIMSS aus den USA, entwickelt wurde. Danach können Krankenhäuser bei ihrer Digitalisierung eine Stufe von 0 bis 7 erreichen. Stufe 0 bedeutet, dass kaum digital gearbeitet wird, während Stufe 7 dem papierlosen Krankenhaus entspricht. Rüddels Appell: „Zuerst sollte generell bei jedem Krankenhaus die aktuelle EMRAM-Stufe zertifiziert werden.“ Krankenhäuser sollten sich aus eigener Kraft digitalisieren und die Konjunkturhilfen erst dann erhalten, wenn sie eine nächste Stufe erreicht haben.

Gewiss, es gibt Widerspruch gegen diesen Vorschlag. Mit dem Hinweis auf die traditionell gestufte Klinikkultur in Deutschland, die eine Vergleichbarkeit aller Häuser, wie das EMRAM-Modell es präjudiziert, nicht möglich macht, wendete etwa Gerald Gaß, Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), ein: „Ein solches Modell lässt sich nicht einfach auf die ausdifferenzierte deutsche Krankenhauslandschaft übertragen.”

Und doch – die Notwendigkeit raschen und energischen Handelns scheint erkannt. „Digitalisierung“, so mahnte schon anlässlich der letztjährigen Digital Health-Konferenz Henning Schneider, CIO der Asklepios Healthcare Group, „bedeutet viel mehr als nur den stärkeren Einsatz von IT. Digitalisierung ist dann erfolgreich, wenn sie als zentraler Bestandteil der Unternehmensstrategie verankert wird.“ Dass also alle Beteiligten, vom Patienten über die Pflegekräfte bis zu den Ärzten, Laborkräften und Verwaltungsfachleuten, die Notwendigkeit der gesamtheitlichen digitalen Vernetzung erkennen und aktiv befördern.

Das Ziel heißt also nicht weniger als: „Smart Hospital“. Und zwar „smart“ in ganzheitlicher Sicht, insofern als vernetzte Informationsflüsse, Künstliche Intelligenz, Workflow Management, vernetzte Patientenversorgung und nicht zuletzt Telemedizin effizient miteinander verwebt werden. Gerade auch bei Letzterem konnten ja in der Corona-Pandemie ganz neue Erfahrungen gemacht werden – in Form etwa jener Videosprechstunden, die, wie es die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) und der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV-SV) soeben beschlossen haben, Ärzte und Psychotherapeuten bis zum 30. September weiter unbegrenzt anbieten dürfen.

Idealerweise kommt dabei auch Schwung in die Entwicklung zugunsten höherer Kooperationsbereitschaft – auf regionaler oder nationaler Ebene, etwa nach dem Vorbild Dänemarks, wo Krankenhäuser sich mit Hilfe vereinheitlichter digitaler Standards schon seit Jahren effizient austauschen können. Aber auch im internationalen Kontext: Die soeben gestartete EU-Ratspräsidentschaft Deutschlands könnte hier ein Fenster öffnen, das zu nutzen wäre. Gesundheitsminister Jens Spahn jedenfalls hat mit Blick auf dieses „window of opportunity“ darauf hingewiesen, dass die Vorhaben der Gesundheitspolitiker für das halbe Jahr so umfangreich seien, dass die Verantwortlichen sich jetzt schon Sorgen machen müssten, ob all das zeitlich machbar ist. Oben auf der Liste steht für Spahn die Erstellung eines „code of conduct“ anhand der Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO). Denn für eine paneuropäische Forschung mit Gesundheitsdaten und damit für die medizinische Versorgung gäbe es einen immensen Schub, wenn aus dem Dachregelwerk DSGVO einheitliche sichere Regeln für den Austausch von Gesundheitsdaten abgeleitet und festgeschrieben würden.