Kurzinterview mit Peter Ganten, CEO, Uninvention und Vorsitzender, Open Source Business Alliance (OSBA)

Wo stehen wir ein Jahr nach Ausbruch der Corona-Krise in Bezug auf die Digitalisierung von Staat und Verwaltung? Welche Erfolgsstories gibt es und wo gibt es noch Nachholbedarf?
Alle haben sich während der Krise über die fehlende Digitalisierung unserer Schulen beschwert – in den meisten Fällen zurecht. Und gleichzeitig ist hier irrsinnig viel passiert – technisch und vor allem in den Köpfen. Videokonferenzsysteme wie Jitsi oder BigBlueButton, Plattformen für den Datenaustausch wie Nextcloud oder ownCloud, Lernmanagementsysteme wie Moodle oder die HPI Schulcloud werden heute von zig tausenden von Lehrern wie selbstverständlich als Werkzeuge zur effizienten Erfüllung der eigenen Aufgaben genutzt. Das war vor der Krise noch ganz anders und ist nur gelungen, weil vielerorts der Wille da war, die Krise mit Hilfe dieser Werkzeuge zu meistern und weil viele unterschiedliche Stakeholder, darunter Open Source Communities, öffentliche IT-Dienstleister oder private Anbieter gemeinsam große Anstrengungen unternommen haben, um diese Werkzeuge hinsichtlich Skalierung, Usability und Funktionsumfang dorthin zu bringen, wo Schule sie braucht. Wie bei einem Raketenstart hat es dabei am Anfang ganz schön geruckelt und heute sind wir gerade in diesem Bereich zwar noch nicht am Ziel, aber schon tausende von Meilen weiter als noch vor einem Jahr – und zwar eben nicht nur technisch, sondern vor allem auch, was die kompetente Nutzung dieser Werkzeuge angeht.

Und nebenbei haben die Akteure bemerkt, dass diese Open Source Tools wirklich leistungsfähig und benutzbar sind, dass sich Datenschutzanforderungen mit ihnen am einfachsten umsetzen lassen, dass sie ein hohes Vertrauen bei den Anwendern genießen – und dass sie sich im Zweifel auch unabhängig von Dritten innerhalb kurzer Zeit technologisch dorthin bringen lassen, wo man sie braucht. Sie haben das Schulsystem in der Krise resilienter gemacht. Und wie wichtig Open Source für eine agile und Vertrauen der Anwender*innen schaffende Digitalisierung ist, hat sich ja auch bei der Corona-Warn-App gezeigt. Andere, die Open Source nur widerwillig nachlieferten, haben das Vertrauen ihrer Anwender hingegen schnell verloren.

Wo gibt es Nachholbedarf? Natürlich überall und trotz des eben Gesagten natürlich auch in der Bildung. Eine große Herausforderung hier ist ja die ungleiche Verteilung: Während wie in meinem Heimatland Bremen bei einigen Ländern und Schulträgern bereits eine recht gute Basis geschaffen worden ist, ist die Digitalisierung in anderen Schulen noch überhaupt nicht angekommen. Dort gibt es nicht einmal WLANs.

Welche Insights möchten Sie beim Handelsblatt GovTech-Gipfel mit uns teilen?
Es ist ja eine Binsenweisheit und überhaupt nicht neu zu sagen, dass die Digitalisierung des Staates zu langsam ist, an allen Ecken und Enden hakt und mehr Ausprobieren, mehr Agilität und mehr Flexibilität erfordert. Aber es greift zu kurz, wenn man daraus ableitet, der Staat solle seine Digitalisierung einfach wie ein X-beliebiges Startup aus dem Silicon Valley betreiben, also etwa seinen Code bei Github speichern und Anwendungen aus vorhandenen Basisdiensten von Serviceprovidern wie AWS zusammenstricken. Das mag geeignet sein, um ein agileres Mindset zu erreichen oder um mal etwas auszuprobieren, aber der Staat ist kein Startup und sollte sich eher an den großen Konzernen orientieren, die die Digitalisierung selbst erfolgreich nutzen, um gute Geschäftsmodelle zum eigenen Nutzen und zum Nutzen der eigenen Kunden zu etablieren. Wer sind diese Konzerne: Nun beispielsweise Google, Facebook oder Amazon, aber auch deutsche Unternehmen wie Zalando. Und wie agieren diese Unternehmen? Sie setzen zum Aufbau der eigenen Angebote strategisch so gut wie ausschließlich auf Open Source Software. Und dies aus gutem Grund, denn sie brauchen absolute Kontrolle über die Datenflüsse in ihren Infrastrukturen, hohe Sicherheit, die Möglichkeit an jeder Stelle jederzeit Änderungen vorzunehmen, um die eigenen Angebote ständig zu verbessern und Lizenzmodelle, die einer schnellen Skalierung niemals im Wege stehen. Und genau das sind die Dinge, die wir bei der Digitalisierung der Verwaltung auch dringend brauchen.

Open Source alleine reicht aber nicht, wir brauchen Reslilienz unterstützende, digitale Souveränität ermöglichende Infrastrukturen. Diese müssen von zentralen Instanzen unabhängige Plattformen offener Standards bilden, so wie es auch eines der Grundprinzipien von Gaia-X ist. Denn nur dann kann es unabhängige Innovation und Ausprobieren unabhängig von zentralen Gatekeepern geben. Entsprechende Technologien müssen also föderierbar und erlaubnisfrei nutzbar und veränderbar sein. Das ist bis heute ja auch das Grundprinzip des Internets und die Basis für die hohe Innovationsfolge, die das Internet bis heute hervor gebracht hat. Initiativen wie Gaia-X, das Phoenix-Projekt zur Entwicklung einer offenen Kollaborations- und Bürokommunikationslösung und auch einige Initiativen Im Bereich Self-Sovereign-identities greifen diese Ansätze auf uns sollten unbedingt weiter voran getrieben werden.

Verraten Sie uns noch etwas über sich, was wir so noch nicht wussten? Z.B. ein Hobby, Ihren Kindheitstraum o.ä.
Ich bin das schon häufig gefragt worden und fürchte ich habe mein gesamtes Pulver schon verschossen. Aber vielleicht das hier: Als Jugendlicher habe ich mich in den 1980er ein wenig mit dem Bau von Windenergieanlagen beschäftigt und davon geträumt, eine solche Anlage im Garten meiner Eltern aufzubauen. Es gab damals das „Growian“-Projekt, bei dem der „Beweis“ erbracht wurde, dass es nicht möglich ist, große, skalierbare Windenergieanlagen zu bauen, die einen nennenswerten Beitrag zur Energieerzeugung leisten. Daran muss ich immer mal wieder denken, wenn ich heute höre, dass es nicht möglich sei, mit Open Source Software bestimmte, komplexe Probleme wirtschaftlich und zum Nutzen aller zu lösen.