„Digitale Souveränität führt nur über den Aufbau digitaler Kompetenz“

von Ronald de Jonge, Partner Public Sector, Sopra Steria

Der Staat möchte weniger Abhängigkeit von Digital-Konzernen aus den USA und Asien. Deutschland und die EU arbeiten unter anderem mit Initiativen wie Gaia-X und mehr Open-Source-IT an dieser digitalen Souveränität. Doch die lässt sich nicht einfach einkaufen oder per EU-Richtlinie anordnen. Digitale Souveränität erreichen Verwaltungen zusätzlich nur mit digitaler Befähigung.

Ein wesentlicher Teil des Aufbaus einer digitalen Souveränität wird der Aufbau von Kompetenzen sein. Dabei geht es nicht darum, dass alle Beschäftigten zukünftig programmieren können. Es geht um die Fähigkeit, bei komplexen politischen Entscheidungen sich beeinflussende Faktoren wie IT, Technologien und Daten angemessen zu berücksichtigen. Das erfordert Wissen und eine neu gedachte Organisation.

Drei Voraussetzungen sind für das Erreichen von digitaler Kompetenz im Kontext von digitaler Souveränität unverzichtbar:

1. Die öffentliche Verwaltung benötigt eine Untergrenze für digitales Know-how

Digitalisierung sollte immer von der Fachseite getrieben werden. Das bedeutet, dass die Fachseite in der Lage sein muss, die IT bei komplexen politischen Vorgaben in einem gewissen Rahmen mitdenken zu können. Dafür braucht es ein verbindliches Mindestmaß an IT-Know-how bei Allen, die in der Verwaltung arbeiten.

2. Die öffentliche Verwaltung benötigt eine Kultur des vernetzten, behördenübergreifenden Arbeitens

Digital befähigte Menschen zeichnen sich nicht dadurch aus, dass sie besonders viele Tools beherrschen. Sie vernetzen sich und arbeiten so zusammen, wie es die Herausforderung, die gerade auf dem Tisch liegt, erfordert. Digital befähigte Organisationen kennen wiederum keine Wissen-, Kompetenz- und Zuständigkeitssilos. Die Verwaltungen sind deshalb gefordert, einen kulturellen Umbau zu schaffen, damit das nötige Mindset bei und mit den Beschäftigten entstehen kann.

3. Die Verwaltungsorganisation benötigt das richtige Maß an Agilität

Agilität lässt sich nicht überstülpen, und eine Behörde ist auch künftig kein Start-up. Es braucht aber eine intelligente Verknüpfung klassischer mit agilen Organisationselementen. Dazu gehören cross-funktional arbeitende Teams, die Ausstattung dieser Teams mit allen Strukturen und Prozessen, um weitegehend autonom agieren und Fehler machen zu können, und Schnittstellen zwischen diesen agilen Teams und den klassischen Organisationseinheiten.

Modernisierungspfad zum Aufbau digitaler Kompetenz
Um diese Voraussetzungen zu schaffen, brauchen Behörden strategische Leitplanken, damit Investitionen in die richtigen Maßnahmen und Kanäle fließen. Auf zwei Schwerpunkte sollten sie sich fokussieren:

1. Organisation: Agile Verwaltungsorganisation braucht einen individuellen Ansatz

Eine Schablone der agilen Organisation existiert nicht. Es braucht die „individuelle Agile Organisation“. Standardprozesse, Rechnungsprüfung, Revision, Haushalt und Mitzeichnung benötigen auch in naher Zukunft Linie und Einheit. Ressortübergreifende Lösungsentwicklung und Innovation in schwach strukturierten Prozessen sind mit agilem Mindset und Methoden effektiver.

Das gezielte Entwickeln eines Nebeneinanders beider Welten, inkl. eines effizienten Schnittstellenmanagements, ist die Kernaufgabe für den Aufbau einer modernen Verwaltungsorganisation. Wir nennen diese Organisationsform Merged Bimodal Organisation (MBO).

2. Kompetenzerwerb: Digitale Fähigkeiten wachsen nur in der passenden Umgebung

Dr. Markus Richter (Beauftragter der Bundesregierung für Informationstechnik) hat recht, wenn er sagt: „Jedes Ministerium ist aktuell ein Digitalministerium.“ Somit wird die Befähigung zum Arbeiten über Hierarchien, Ressorts und föderale Grenzen hinweg wichtig, um den Wandel von klassischen Organisationen zu vernetzter Kultur zu gestalten.

Der bereits im vergangenen Jahr durch Dr. Richter verabschiedete OZG-Service-Standard adressiert genau diese Fähigkeiten. Als ganzheitliche Qualitätsprinzipien für die Umsetzung des OZG sind sie das „agile Manifest für die OZG-Umsetzung“ mit seinen Bereichen Nutzerzentrierung, Vorgehen, Zusammenarbeit, Offenheit, Technischer Betrieb, Wirkungscontrolling.

Das dafür nötige Know-how muss jedoch erlernt und erprobt werden. Voraussetzung ist gedanklicher, zeitlicher und physischer Freiraum, klar abgegrenzt vom Alltag in den Behörden. Vieles spricht deshalb für eine Digital-Akademie. Eine solche Institution benötigt zweierlei:

1. Die Entwicklung eines Curriculums für die Bereiche „Bildung“ und „Befähigung“ sowie
2. ein kontinuierliches Themen-Scouting, um die Inhalte schnell an politische Veränderungen, technische Innovationen, Krisen, artikulierte Lernbedarfe aus den Geschäftsbereichen etc. anpassen zu können.

Der aktuelle Schwung als ein Ergebnis des Katalysators „Corona-Pandemie“ sollte beibehalten werden, um ein solches Vorhaben zu realisieren. Eine Digital-Akademie sollte deshalb vor allem eine digitale Lernplattform sein, auf der digitale Kompetenzen in dezentralen Lernmodi erworben werden.

Gleichzeitig sollte sie aber auch ein realer Erlebnisraum sein. Es braucht Präsenzformate, um notwendige Erfahrungen praktisch erlebbar zu machen – vor allem durch physischen, behördenübergreifenden und bestenfalls branchenübergreifenden Austausch sowie durch persönliche Trainings- und Coaching-Module.
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Fazit: Der Aufbau von digitaler Kompetenz ist somit mehr als ein praktischer Schulungsinhalt. Es geht um die Herstellung von Rahmenbedingungen – formelle, infrastrukturelle und kulturelle –, die modernes Arbeiten in digital souveränen Verwaltungen ermöglicht.

 

Ronald de Jonge
ronald.de.jonge@soprasteria.com

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