Mobilitätswende: Es gibt nicht „die eine Lösung“


Neue Perspektiven für die Gasmobilität

von Dr. Gerhard Holtmeier

Die politisch angestrebte Mobilitätswende steht vor großen Herausforderungen: Aufgrund der guten wirtschaftlichen Entwicklung und niedriger Kraftstoffpreise stieg die Fahrleistung aller Kraftfahrzeuge vor allem im Straßenverkehr in den letzten Jahren in Deutschland stetig an – nicht ohne Folgen für Klima und Umwelt.

Politisch beobachten wir im Gegenzug den Versuch, das Verkehrsaufkommen auf den Straßen deutlich zu reduzieren, z.B. durch effizientere Mobilitätsformen, durch die Einführung autoarmer Zonen im urbanen Raum oder durch eine stärkere Verlagerung des motorisierten Individualverkehrs auf öffentliche Verkehrsträger und mehr Gütertransport auf der Schiene. Auch die Digitalisierung, mit Optionen wie dem automatisierten Fahren und Appgestützten Carsharing-Angeboten, kann einen Beitrag leisten.

Reichen wird das alles voraussichtlich nicht, denn schon seit vielen Jahren übersteigt das Wachstum des Straßenverkehrs alle Ergebnisse der Bemühungen um Verlagerung des Verkehrs auf Fahrrad, ÖPNV oder Schiene. Zu groß ist die Bedeutung des Straßenverkehrs als DIE Plattform für die Mobilität von Personen und Gütern. Laut einer Prognose des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur wird die Lkw-Verkehrsleistung bis 2030, im Vergleich zu 2010, sogar um ca. 40 Prozent ansteigen. Für den Pkw-Verkehr wird immerhin noch ein Anstieg von 10 Prozent beziffert.

Der gegenwärtige Kraftstoffmix der Fahrzeuge macht das Wachstum zum Problem: Laut Kraftfahrtbundesamt waren bei Pkw Benzin (65 Prozent) und Diesel (33 Prozent) die am häufigsten eingesetzten Kraftstoffarten in 2017. Bei Lkw überwiegt der Dieselanteil sogar mit ca. 90 Prozent.

Wenn eine wirkliche Verkehrswende mit einer deutlichen Reduzierung der Treibhausgasemissionen und der Luftschadstoffbelastungen erreicht werden soll, wird es ohne einen konsequenten Ausbau alternativer, immissions- und klimaschonender Antriebe also nicht funktionieren. Und ähnlich wie im Wärmemarkt zeichnet sich auch hier ab, dass die Lösung in einem Mix verschiedener Technologien jenseits von Benzin- und Diesel-Verbrennern bestehen wird: ECOMobilität nennen wir diesen Ansatz in der Branche.

Und so zeichnen sich in vielen Bereichen neue Entwicklungen ab: Konsequent investiert die Automobilindustrie in Elektrofahrzeuge, Batterien und Ladeinfrastrukturkomponenten In 2017 stieg der Bestand an Elektro-Pkw auf über 50.000, der an Hybrid-Pkw auf ca. 240.000.

Ein „Comeback“ erfährt aktuell auch eine schon seit längerer Zeit auf dem Markt existierende Antriebsform: Die Erdgasmobilität. Und das aus gutem Grund. Denn Erdgas als Kraftstoff, auch bekannt als CNG (Compressed Natural Gas), bietet zahlreiche Vorteile. Erdgas-Fahrzeuge sind lärmarm und emittieren ca. ein Viertel weniger CO2 als Benziner. Zudem stoßen Erdgas-Pkw und -Lkw kaum Feinstaub aus und erheblich weniger Stickoxide als Diesel-Antriebe. Damit tragen die ca. 100.000 Erdgasfahrzeuge vor allem in Ballungsräumen, in denen der Feinstaubanteil und die Emissions- und Geräuschwerte besonders hoch sind, zu einer verbesserten Lebensqualität bei. Und das sehr schnell, was in Anbetracht drohender Fahrverbote für das politische Handeln sehr wichtig werden könnte. Alleine in Berlin könnten wir mit der bestehenden Tankstellen-Infrastruktur aus dem Stand 10.000 zusätzliche Erdgasfahrzeuge auf die Straße bringen.

Dabei lassen sich die positiven Umwelteffekte der Gasmobilität nochmals deutlich steigern – kurzfristig und langfristig. Wenn regenerativ erzeugtes Bio-Erdgas beigemischt wird – kann der CO2-Ausstoß durch Bio-Erdgas bis zu 97% gesenkt werden. Mindestens genauso wichtig: Auch Gasfahrzeuge können mit synthetischen, aus Erneuerbaren Technologien hergestellten Kraftstoffen betrieben werden und sind deshalb sicherlich auch mehr als nur eine Brückentechnologie.

Die zunehmende Beliebtheit der Erdgasmobilität spiegelt sich nun erfreulicherweise auch in den Verkaufszahlen der Kraftfahrzeuge wider. Von Januar bis Mai dieses Jahres wurden alleine in Deutschland 5.446 Erdgas-Fahrzeuge neu zugelassen. Im letzten Jahr waren es im gleichen Zeitraum gerade einmal 848 Neuzulassungen. Und: Der Trend ist europaweit zu beobachten. Laut der European Alternative Fuels Observatory betrug der Zuwachs 83%.

Gasbetriebene Fahrzeuge sind mehr als nur eine Brückentechnologie. Sie sind eine klimaschonende und kosten günstige Techno logieoption für die Verkehrswende.

Die Zahlen zeigen meines Erachtens eindrucksvoll, dass die Kunden die Vorteile erkennen und wieder stärker auf die Erdgas-Technologie als klimaschonende und kostengünstige Option setzen. Der Faktor Kosten ist dabei ein weiteres wichtiges Argument. Erdgas-Pkw haben Anschaffungskosten auf Diesel-Pkw-Niveau und ähnlich verhält es sich bei Nutzfahrzeugen. Hinzu kommt: Niedrigere Kosten des Erdgas-Kraftstoffs und bei der Kfz-Steuer ermöglichen Einsparungen ab dem ersten gefahrenen Kilometer.

Für Gas als Kraftstoff spricht auch die Alltagstauglichkeit: Die relativ hohe Energiedichte ermöglicht schnelles Betanken mit großen Reichweiten. Anders als batterieelektrische Antriebe, ist Gas damit die ideale klimafreundliche Alternative zum dominierenden Dieselmotor im Lkw-Verkehr. Dies gilt umso mehr, wenn Gas auf Basis von Ökostrom in Wasserstoff bzw. synthetisches Methan umgewandelt wird. Denn mit diesen sogenannten Power Fuels können Lkw künftig vollständig CO2-neutral fahren – diese Vorteile gelten natürlich auch für Stadtbusse im ÖPNV.

Die steigende Kundennachfrage sowie die Einsatzvielfalt des Energieträgers werden auch von der Automobilindustrie erkannt. Die Angebotspalette wächst und mehrere Hersteller haben neue Modelle angekündigt.

Für einen echten Trend beim Umstieg von Benzin und Diesel auf gasförmige Antriebe muss aber sichergestellt werden, dass das flächendeckend vorhandene Tankstellennetz weiter verdichtet wird und dem Verbraucher mit einer transparenten und den Energiegehalt vergleichbaren Preisauszeichnung auch die preislichen Vorteile von Erdgas verdeutlicht werden können.

Die Verkehrswende ist ein extrem anspruchsvolles Vorhaben, das nur gelingen kann, wenn viele Technologien ihre spezifischen Vorteile in das Gesamtsystem einbringen. „Den einen Ansatz“ kann es daher nicht geben. Erdgasfahrzeuge sind unter diesen Rahmenbedingungen eine wichtige Technologieoption für die Verkehrswende. Es ist daher positiv, dass die Bundesregierung in ihrer Kraftstoff strategie explizit darauf hinweist, die verschiedenen Verkehrsträger und Antriebsformen ideologisch nicht gegeneinander auszuspielen und auf einen insgesamt technologieoffenen Ansatz zu setzen, mit dem der Wandel kosteneffizient erreicht werden soll.

Sowohl Energie- als auch Automobilwirtschaft sind auf dieser Basis bereit, hier ihren Beitrag zu leisten. Der weitere Ausbau der bereits guten Tankstelleninfrastruktur sowie die Steigerung des Fahrzeugangebots sind dabei besonders im Fokus.

Gepaart mit einer breiten Kommunikation zu den Vorzügen gasbetriebener Fahrzeuge und politischer Unterstützungen auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene kann die Gasmobilität einen wichtigen und vor allem schnellen Beitrag zur Problemlösung im Verkehrsbereich leisten. Ähnlich wie die Gaswirtschaft dies in den letzten Jahrzehnten im Wärmebereich bereits vorgemacht hat.

Dr. Gerhard HoltmeierDr. Gerhard Holtmeier,
Vorstandsvorsitzender der GASAG