„Flying Hy“ – Die vorhandenen Gasnetze sind eine wesentliche Grundlage, um aus hochfliegenden Ambitionen eine reale Wasserstoffwirtschaft und einen europäischen Markt für H2 werden zu lassen


muthmann

Daniel Muthmann, Bereichsleiter Unternehmensentwicklung, Politik & Kommunikation, Open Grid Europe GmbH (OGE)

Wasserstoff ist zurzeit in aller Munde. Im Jahr 2020 haben sowohl die Bundesregierung als auch die EU-Kommission ihre Pläne zum Hoffnungsträger der Energiebranche veröffentlicht. Gleichzeitig arbeiten viele deutsche Bundesländer und unsere europäischen Partner an eigenen Strategien. Mittlerweile ist überall klar: wenn wir die Ziele des Pariser Klimaabkommens erreichen wollen, ist Wasserstoff einer der wesentlichen Schlüssel, neben der gesetzten erneuerbaren Stromerzeugung. Zudem bietet er enorme Potenziale für die deutsche Industrie. Doch die Herausforderungen sind groß, denn um neue Wertschöpfungsketten für H2 aufzubauen und in eine industrielle Skalierung zu kommen, müssen viele Player und auch die Politik koordiniert und zielgerichtet zusammenarbeiten. Es ist – wie alle Bereiche der Energiewende – eine Aufgabe für die kommenden Jahrzehnte. Denn der Klimawandel schreitet ungebremst voran. Wir müssen jetzt loslegen!

Eine gute Nachricht vorneweg: Transportinfrastruktur, um Wasserstoff von der Erzeugung zum Verbraucher zu bringen, ist in weiten Teilen bereits mit der bestehenden Gasinfrastruktur vorhanden. Etwa 500.000 km Pipelines von der Ferngasstufe bis zum Endkunden liegen im Boden. Sie können schon heute große Energiemengen transportieren und genießen gleichzeitig hohe gesellschaftliche Akzeptanz. Ein großer Anteil wird zukünftig für Wasserstoff genutzt werden können, besonders dort, wo so kundenseitig zu volkswirtschaftlich geringstmöglichen Kosten dekarbonisiert werden kann.

So startet Wasserstoff in Deutschland durch

Um zu verstehen, wie sich Wasserstoffwirtschaft entwickeln kann, ist die Erfolgsgeschichte von Erdgas und LNG in den letzten Jahrzehnten guter Anschauungsunterricht. (M)eine Vision sieht wie folgt aus:

  1. Die Gasfernleitungen stehen bereit, sie können zeitnah große Mengen Wasserstoff transportieren.
  2. Wasserstoff startet dann über die Nachfrageseite, und zwar erstmal mit Mengen für Deutschland aus Deutschland (das ist vor allem wichtig, damit sich die deutsche Wasserstofftechnologie weiterentwickelt, weiterhin führend bleibt und international einsetzbar wird). Es wird sich aber schnell ein europäischer und sehr bald auch ein internationaler Markt entwickeln. Die „Pull“ von der Nachfrageseite zeigt schon, dass hier politische Anreize nötig sind. Es muss sich für Kunden lohnen klimaneutralen Wasserstoff einzusetzen.
  3. So entsteht zwischen Erzeugungsanlagen und ersten Großabnehmern aus Industrie oder Mobilität ein erstes Startnetz für reinen Wasserstoff – überwiegend durch Umnutzung aus Erdgasleitungen – das im Zeitablauf geographisch wächst und grenzüberschreitend wird. Das muss das Ergebnis einer integrierten Systemplanung sein und nicht einzelner unkoordiniert gebauter oder einzeln umgestellter Leitungen. Gleichzeitig beginnen entlang der Transportrouten für reinen Wasserstoff weitere Sektoren und Anwendungsfälle zum Tragen zu kommen. Verteilnetze beginnen damit, Wasserstoff beizumischen.
  4. Der steigende Bedarf an Wasserstoff weckt zusehends das Interesse von internationalen Investoren, die in großskalige Erzeugung investieren wollen, besonders in Ländern mit ausreichendem Potenzial an erneuerbarer Energie. Zum Beispiel in Portugal, Spanien oder in Norwegen, den Niederlanden und Schottland, aber auch über Europa hinaus. So entsteht ein europäischer Wasserstoffmarkt mit zunehmender Versorgungssicherheit und wettbewerbsfähigen Preisen. Ich halte es für realistisch, dass zwischen 2030 und 2040 grüner Wasserstoff tatsächlich mit heutigem fossil erzeugten grauen Wasserstoff preislich konkurrieren kann, wenn die entsprechenden Größenordnungen erreicht werden können.
  5. Bis in die 2030er Jahre entstehen große „H2-Autobahnen“, die Verbrauchsschwerpunkte mit Erzeugungsgebieten in Europa und darüber hinaus verbinden. Angeschlossene H2-Speicher liefern Saisonalität und helfen, bedarfsgerechte Lieferungen sicherzustellen. Wasserstoff wird für alle Kundengruppen einsetzbar und verfügbar sein. In weiten Teilen Europas spielt Wasserstoff auch in der Mobilität sowie im Wärmemarkt eine Rolle in Ergänzung zum Strom und zu Biomethan, regional stark unterschiedlich und mit unterschiedlichen Technologien.
  6. Wasserstoff wird auf einem liquiden Markt in Europa gehandelt. In Erwartung, dass andere Regionen der Erde „nachziehen“, bildet sich auch ein globaler Markt für H2 oder entsprechend verwandte Produkte (z. B. grünes Ammoniak). Deutschland hat es geschafft sich eine Technologieführerschaft zu sichern. Zwischen 2040 und 2050 werden so die Lücken geschlossen und die letzten verbleibenden CO2-Quellen dekarbonisiert.

Wasserstoffnetze: Bestehende Erdgasleitungen als Rückgrat

Wie und wann kommen wir als Ferngasnetzbetreiber ins Spiel? Die Planungen für die Transportinfrastruktur, die für die Etablierung von Wasserstoff in unserem Energiesystem nötig ist, haben derweil längst begonnen. Der Verband der deutschen Fernleitungsnetzbetreiber FNB Gas, hat 2020 in den Entwürfen zum Netzentwicklungsplan Gas (NEP) erstmals eine Grüngas-Variante einfließen lassen. Das sog. H2-Startnetz soll bis 2030 entstehen, ist 1.200 km lang und basiert zu über 90 % auf umgestellten Erdgasleitungen. Des Weiteren präsentierte der Verband auch die Vision eines Wasserstoffnetzes für die fernere Zukunft mit insgesamt 5.900 km Länge. Ein Großteil der zukünftigen Verbrauchsschwerpunkte von Wasserstoff in den Sektoren Industrie, Mobilität und Wärme sowie zahlreiche Untertagespeicher können über das Leitungssystem mit den Aufkommensschwerpunkten verbunden werden.

Auf europäischer Ebene haben elf FNBs, darunter auch OGE, im Juli 2020 die Pläne für einen europäisches Wasserstoffnetz vorgestellt. Es soll ab Mitte der 2020er Jahre bis 2030 schrittweise zu einem zunächst 6.800 km langen Leitungssystem ausgebaut werden. Bis 2040 soll das Netz eine Länge von 23.000 km haben. 75 % dieses Netzes wird aus umgewidmeten Erdgasleitungen bestehen, die durch neue Leitungsabschnitte miteinander verbunden werden.

Die Gasnetze werden also mit parallelen Strukturen für Erdgas und Wasserstoff sowohl die zukünftige Versorgungssicherheit in Europa sicherstellen als auch die Dekarbonisierung und den Klimaschutz vorantreiben.

Die Politik muss jetzt handeln, für Klimaschutz und Planungssicherheit

Um unsere Klimaziele zu erreichen, muss neben dem massiven weiteren Ausbau der Erneuerbaren die Etablierung einer Wasserstoffwirtschaft schnellstmöglich erfolgen. Die dafür notwendigen rechtlich-regulatorischen Anpassungen müssen zeitnah noch in dieser Legislaturperiode auf den Weg gebracht werden. Die Planung und Umsetzung von Infrastrukturen wie z. B. Gasnetzen benötigen Zeit und die potenziellen Anwender von Wasserstoff brauchen Planungssicherheit für ihre Investitionen. Das hat auch die EU-Wasserstoffstrategie erkannt und festgehalten:

“However, existing natural gas pipelines are owned by network operators that are often not allowed to own, operate and finance hydrogen pipelines. To enable repurposing of existing assets, its technical suitability must be assessed as well as a review of the regulatory framework for competitive decarbonised gas markets should allow such financing and operation with an overall energy system perspective in mind. Sound infrastructure planning, such as on the basis of ten-year network development plans (‘TYNDP’), is needed on the basis of which decisions to invest can be taken.”

Der gangbarste Weg für Deutschland ist hier die Anpassung des Energiewirtschaftsgesetzes (EnWG). Hier muss Wasserstoff als Energieträger definiert und in den regulatorischen Rahmen für Erdgas inkludiert werden, damit Gasnetzbetreiber ihren Job machen und das volkswirtschaftliche Asset Gasnetz für H2 nutzbar machen können. Eine solche vollumfängliche Regulierung von Wasserstoffnetzen gemeinsam mit Erdgasnetzen ist aus unserer Sicht der beste Weg. Diese Forderung vertreten wir gemeinsam mit den Verbänden BDEW, BDI, DIHK und VIK. Denn natürlich benötigen wir eine Antwort auf die Frage, wie der Um- bzw. Aufbau von Wasserstofftransportnetzen finanziert werden soll.

Wenn wir erreichen wollen, was wir uns in der nationalen Wasserstoffstrategie für diese Dekade und für den weiteren Weg bis 2050 vorgenommen haben, muss jetzt gehandelt werden, noch in dieser Legislaturperiode sind erste Schritte zu gehen. Es geht um den Erhalt unseres Wohlstandsniveaus und der industriellen Prägung unserer Wirtschaft bei gleichzeitiger, stetiger Reduzierung der klimarelevanten Emissionen. Die Erfahrungen dieses Sommers haben uns erneut vor Augen geführt, dass wir uns keinen Verzug mehr leisten können.