Ambitionierter Klimaschutz braucht Power-to-Gas


von Ulf Heitmüller

Vor beinahe 50 Jahren wurden die ersten Konzepte für eine Energiewende und den Ausstieg aus dem atomar-fossilen Zeitalter entwickelt. Die seither erschienenen Studien füllen ganze Bibliotheken.

Während die Vorstellungen zu Anfang noch sehr diffus waren, steht heute fest: Die Energiewende ist machbar und – auch wenn die Ausprägung noch diskutiert wird – Gas wird eine wesentliche Rolle spielen.

Als Unternehmen der Gaswirtschaft kennen wir bei VNG die Herausforderung der bevorstehenden Transformation des Energiesystems. Und wir kennen unsere Aufgaben.

Gas spielt in allen Klimaschutzszenarien auf lange Sicht eine zentrale Rolle

Um schnell eine nennenswerte CO2-Minderung zu erreichen, führt nach Stand der Technik kein Weg daran vorbei, verstärkt (Erd-)Gas einzusetzen. Die Aussicht auf den kurzfristigen Erfolg macht uns aber nicht blind für die langfristigen strategischen Ziele. In der weiteren Umsetzung der Energiewende werden wir zwei zentrale Funktionen zu erfüllen haben: Erstens wird Gas in all seinen Facetten einen Beitrag dazu leisten müssen, dass die Energiewende sozial und fi nanziell im Rahmen bleibt. Zweitens wird Gas – erst Erdgas, dann immer mehr grünes Gas – mit seiner gut ausgebauten Infrastruktur aus Leitungen und Speichern dauerhaft der Garant für die Versorgungssicherheit sein.

Zum ersten Punkt: Über die Kosten der Energiewende und deren sozial und wirtschaftlich gerechte Verteilung wird heftig gestritten. Unbestritten dürfte jedoch sein, dass es unser aller Bestreben sein sollte, die Energiewende möglichst kosteneffi zient und sozial verträglich umzusetzen. Es ist daher ein großes Glück, dass wir auf eine intakte und gut ausgebaute Erdgasinfrastruktur zurückgreifen können. Die Gasinfrastruktur macht den Wandel fi nanziell planbar.

Zum zweiten Punkt: Die lange Zeit bevorzugte Strategie, die Sektoren Strom, Mobilität und Wärme nur über das Stromnetz zu koppeln, schaff t keine hinreichende Versorgungssicherheit. Zur Absicherung von großräumigen Dunkelfl auten und für die Bereitstellung des industriellen Wärmebedarfs gibt es in einer dekarbonisierten Welt nur eine Lösung: Grünes Gas, bestehend aus den synthetisierten Gasen, Wasserstoff oder Biomethan.

Dabei werden die erneuerbaren Energien immer günstiger. Deren weiterer Ausbau, die sinkenden Gestehungskosten von Wind- und Sonnenenergie und temporäre Überangebote machen die wirtschaftliche Synthetisierung grüner Gase mittels Power-to-Gas wirtschaftlich möglich und – mit Blick auf die Versorgungssicherheit – auch zwingend nötig. Grünes Gas stellt die Flexibilität für die benötigten Anwendungen bereit. Prozess- oder Raumwärme? Mobilität oder fl exibles Backup im Stromnetz? Grünes Gas ist vielseitig einsetzbar.

Um schnell eine nennens werte CO2Minderung zu erreichen, führt nach Stand der Technik kein Weg daran vorbei, verstärkt (Erd) Gas einzusetzen.

Je mehr Klimaschutz wir wollen, desto bedeutender wird Power-to-Gas

Zahlreiche Untersuchungen zeigen, dass der Einsatz von Power-to-Gas zwingend notwendig ist, wenn wir unsere langfristigen Klimaziele einhalten wollen. Je ambitionierter wir die Treibhausgase reduzieren wollen, desto mehr müssen wir auf Power-to-Gas setzen. So lautet auch eine zentrale Erkenntnis der META-Studie zur Sektorenkopplung, die VNG gemeinsam mit dem Analyse- und Beratungshaus enervis durchgeführt hat und die die Ergebnisse der zehn relevantesten Studien zum Thema Sektorenkopplung (u. a. Fraunhofer, dena, BDI) zusammenfasst.

Und an Ambitionen sollte es uns beim Klimaschutz generell nicht mangeln. Im nationalen Klimaschutzplan der Bundesregierung von 2016 heißt es: „Die Bundesregierung hat 2010 beschlossen, die Treibhausgasemissionen bis 2050 im Vergleich zu 1990 um 80 bis 95 Prozent zu vermindern.“ Schon jetzt, zwei Jahre nach Verabschiedung des Papiers, wissen wir, dass eine Reduktion um nur 80 Prozent keine hinreichende Option mehr ist. Die Klimaforscher diskutieren bereits über die Notwendigkeit, zusätzlich über eine vollständige Karbonisierung hinaus mit Hilfe aufwendiger Technik der Atmosphäre das CO2 zu entziehen.

Zukunft ist das, was wir daraus machen. Noch haben wir die Möglichkeit, schnell CO2 zu reduzieren und unser Energiesystem in den nächsten beiden Dekaden so umzubauen, dass die Treibhausgasemissionen auf lange Sicht tendenziell gegen Null gehen. Um auf diesen Pfad zu gelangen, müssen wir jetzt die Weichen richtig stellen und mit Power-to-Gas in die großtechnische Anwendung gehen.

Neben weiterer Forschung und Entwicklung der Gaswirtschaft ist dazu eine Anpassung der Regularien notwendig. Selbstverständlich sollte es sein, dass der Beitrag, den grüne Gase für den Klimaschutz leisten, anerkannt und angerechnet wird.

Was wir als Unternehmen der Gaswirtschaft brauchen, ist ein off ener Wettbewerb der Technologien und Konzepte zur schnellen und effi zienten CO2-Reduzierung. Es ist an der Politik, diesen Wettbewerb in Deutschland zu organisieren. Wir stehen in den Startlöchern um unseren Beitrag für einen kosteneffi zienten und sozialverträglichen Klimaschutz zu leisten.

Ulf Heitmüller

 

Ulf Heitmüller