Österreich auf dem Weg zum Wasserstoff-Pionier


Dr. Hans-Peter Siebenhaar

Dr. Hans-Peter Siebenhaar, Korrespondent, Handelsblatt Wien

Zwischen Deutschland und Österreich hat ein Wettrennen eingesetzt, wer der der größere Wasserstoff-Pionier sein wird. Wie auch immer dieses Duell ausgehen wird, schon heute unternimmt die österreichische Wirtschaft wegweisende Kooperationen in Sachen Wasserstoff.

Der größte Stromerzeuger, die Verbund AG, arbeitet mit dem Öl- und Gaskonzern OMV und den Stahlerzeuger Voestalpine und Siemens bei innovativen Projekten zum Einsatz des Wasserstoffs, der aus erneuerbaren Energien gewonnen wird, zusammen. Verbund und OMV haben im Sommer eine elektrolytischer Wasserstofferzeugung für die Petrochemie in der Wiener Raffinerie Schwechat vereinbart. In Linz bauen derzeit Voestalpine, Verbund und Siemens eine Pilotanlage zur Kohlendioxid-freien Wasserstoffherstellung in der Stahlproduktion.  Ende des Jahres soll die Anlage auf dem viele Quadratkilometer großen Stahlwerk an der Donau ihre Arbeit aufnehmen. Nicht nur die Stromerzeuger können so ihre Wertschöpfungskette um den Wasserstoff verlängern.

Denn Wasserstoff kann einen wichtigen Beitrag zur Reduktion von Kohlendioxid (CO2) leisten. Verbund-Vorstandschef Anzengruber verweist zurecht auf die vielfältigen Einsatzmöglichkeiten hin. Wasserstoff kann beispielsweise Kohle in der Stahlerzeugung ersetzen oder er kann für Bahn, Lastwägen und Autos eingesetzt werden. Ein Pilotprojekt mit der Zillertal-Bahn ist in Vorbereitung. Die Schmalspurbahn in Tirol soll künftig energieautonom mit Wasserstoff betrieben werden.

Österreich hat sich mit dem Vorhaben, bis 2030 nur noch Strom aus erneuerbaren Energien zu produzieren, ein ehrgeiziges Ziel gesetzt. Das bedeutet in der Praxis, dass künftig zusätzlich rund 25 Prozent des Stromes in den nächsten elf Jahren mit erneuerbaren Energien abgedeckt werden müssen. In diesem Zusammenhang wird der Wasserstoff unverzichtbar. Denn über die Elektrolyse kann man aus Wasser mit erneuerbarem Strom Wasserstoff erzeugen und umgekehrt, wenn auch mit Effizienzverlust.  Zudem kann man Wasserstoff mit seiner hoher Energiedichte gut speichern.

Noch spielt der Wasserstoff aus erneuerbaren Energien aber bislang nur eine sehr kleine Nebenrolle in Österreich. Heute wird Wasserstoff in Österreich ähnlich wie in Deutschland fast ausschließlich über Erdgase erzeugt. Der österreichische Branchenprimus Verbund will das ändern.

An politischem Flankenschutz für den Weg zum Wasserstoff-Pionier fehlt es unterdessen nicht. Der frühere Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) hat den Wasserstoff zu einem prominenten Thema im österreichischen Wahlkampf gemacht. Das Ziel des konservativen Politikers ist es, Österreich zum Wasserstoff-Zentrum in Europa zu machen. Erst kürzlich hatte der frühere Regierungschef, den die Ibiza-Affäre im Frühsommer aus dem Amt gefegt hat, den Autozulieferer Mana in Graz besucht. Dort sagte er: „Wasserstoff ist eine große Chance für Österreich.“ CEO Günther Apfalter präsentierte den Kanzlerkandidaten den von Magna gebauten Prototyp eines Wasserstoff-Autos.

Die Energiebranche und die benachbarten Industrien können sich über so viel politische Aufmerksamkeit freuen. Natürlich ist darunter viel Wahlkampfgetöse, denn beispielsweise Wasserstoff betriebene Autos liegen noch in ferner Zukunft. Doch für Österreich, Deutschland, ja ganz Europa ist der Wasserstoff eine große Chance, nachdem die Vereinigten Staaten in ihrer klimapolitischen Ignoranz das Thema bisher sträflich vernachlässig haben. Vor diesem Hintergrund kommen die Anstrengungen in Österreich und Deutschland genau zum richtigen Zeitpunkt. Derzeit arbeitet Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier eine Energie- und Klimaschutzstrategie aus, bei der Wasserstoff eine Schlüsselrolle spielt. Zuletzt hatte Kanzlerin Merkel bei einer Visite des Wasserstoff-Innovationszentrum in Görlitz die Wichtigkeit des Themas unterstrichen. Denn ohne staatliche Hilfe kann die Wasserstoff-Technologie nicht beschleunigt werden. Angesichts der guten Haushaltelage sind daher die politisch Verantwortlichen gut beraten, bei den Förderungen innovativer Wasserstoff-Projekte tief in die Tasche zu greifen – zum Wohl des Landes und Europas.