Ist die mission #2030 eine mission impossible?


Dr. Leonard Schitter M.A.

Dr. Leonhard Schitter, CEO, Salzburg AG und Präsident, Oesterreichs Energie

Österreich hat sich für das kommende Jahrzehnt viel vorgenommen: Reduktion der Treibhausgasemissionen um 36 Prozent gegenüber 2005, 45 bis 50 Prozent Erneuerbaren-Anteil am Energieverbrauch, weitere Steigerung der Energieeffizienz und 100 Prozent erneuerbaren Strom (national/bilanziell).

Wenn wir es bis zum Ende des kommenden Jahrzehnts schaffen, rund 30 TWh Strom mehr aus erneuerbaren Energien zu erzeugen als heute, könnten wir nicht nur unseren gesamten erwarteten Stromverbrauch decken, sondern damit auch rund 7,5 Mio. Tonnen CO2 pro Jahr einsparen. Das entspricht in etwa den gesamten Treibhausgasemissionen des Gebäudebereichs. Damit wäre auch das Ziel, 100 Prozent Strom aus erneuerbaren Energien (national/bilanziell) erreicht.

Das ist insgesamt ein schwieriges Unterfangen, aber nicht unmöglich. Man darf sich von der Dimension der Herausforderung nicht abschrecken lassen, sondern muss die anstehenden Aufgaben ohne zu verzagen energisch in Angriff nehmen. Unsere Elektrizitätswirtschaft ist schon heute eine der saubersten der Welt mit 75 Prozent erneuerbaren Energien-Anteil. Die Technologien für die neue Stromversorgung sind bekannt und stehen bereit. Schließlich: Unser Land bietet die Potenziale, die 100 Prozent zu schaffen, das wissen wir aus einer Vielzahl von Studien.

Beim Ausbau um rund 30 auf 88 TWh müssten an Windkraft und Photovoltaik je 11 bis 13 TWh dazukommen, an Wasserkraft 6 bis 8 TWh. Auch mit den zusätzlichen Mengen wäre das Potenzial bei Wind- und Wasserkraft jeweils erst zu rund 60 Prozent genutzt (ohne Antasten von Wachau oder Nationalparks), bei PV erst zu rund 35 Prozent. Ein derartiger Ausbaupfad ist auch für die Bevölkerung akzeptabel. Weitere rund 2 TWh an Biomasse-KWK müssten gesichert werden. Voraussetzung ist weiters der komplette Erhalt der bestehenden Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien.

Das kostet natürlich: Im Erzeugungssektor sind bis 2030 rund 30 Mrd. Euro an Investitionen erforderlich. Weitere 20 Mrd. Euro sind für die Netze nötig, was zusammen rund 50 Mrd. Euro ergeben dürfte. Dazu kommen in der E-Wirtschaft dann noch Maßnahmen zu Stromspeichern, Batterien, „Power to X“-Anlagen und eine weitestgehende Digitalisierung.

Was von diesen Maßnahmen im Bereich der E-Wirtschaft liegt, könnte diese leisten, sowohl was die Projektentwicklung als auch die Finanzierung betrifft. Die Unternehmen der E-Wirtschaft planen und projektieren längst aktiv für eine zur Gänze erneuerbare Stromversorgung. In Bau sind aktuell 21 Wasserkraftprojekte mit einer Gesamtleistung von 713,4 MW und einer Jahresstromerzeugung von etwas über einer TWh. In Planung sind Wasserkraftprojekte mit einer Leistung von 2827,7 MW und einer Erzeugung von 3158 GWh. Gemeldet wurden zusätzlich Konzepte mit einer Gesamtleistung von 1040 MW und 330 GWh Erzeugung. Mit der Realisierung der aktuellen Projekte der E-Wirtschaft decken wir schon beinahe die Hälfte des Ausbauvolumens bis 2030 ab. Das ist eine der wichtigsten Grundlagen, damit Österreich das Ziel von 100 Prozent Strom aus erneuerbaren Energien schaffen kann.

In Planung befinden sich Windanlagen mit 614,3 MW Leistung und 1719,3 GWh Stromproduktion pro Jahr. Zusätzlich gibt es Konzepte für Windanlagen mit 1083,5 MW Leistung und 2781 GWh Stromerzeugung bei den Unternehmen der E-Wirtschaft. Im Bereich der Photovoltaik sind 6,2 MW mit einer Erzeugung von 6,2 GWh in Bau, sowie 28,5 MW Leistung und 28,5 GWh Erzeugung in Planung. Konzepte existieren für weitere 1245 MW und 1362 GWh. In Summe ergeben die Projekte eine Jahresstromerzeugung von erwarteten 10 TWh. Zu den Vorhaben der E-Wirtschaft kommen noch private Windparkbetreiber, Kleinwasserkraftwerke und schließlich eine Vielzahl von Unternehmen und Haushalten, die sich mit PV-Anlagen und eventuell eigenen Batteriespeichern an der Stromversorgung der Zukunft beteiligen wollen.

An Politik, Verwaltung und Regulatoren wird es allerdings liegen, mit klugen neuen Stromgesetzen das Schwungrad der Energiewende möglichst rasch in Gang zu bringen. Mindestens ein halbes Jahr haben wir durch den politischen Stillstand der jüngsten Zeit leider schon versäumt. Jetzt gilt es verlorenes Terrain rasch wiederzugewinnen, dann kann auch Klima- und Energiepolitik zu einem Erfolg geführt werden. Und – sollten wir 2030 nicht bei 100 Prozent landen, sondern nur bei 95 oder 97 Prozent, so ist das kein Scheitern, sondern schlimmstenfalls eine leichte Zielverfehlung, die uns immer noch eine der saubersten Stromversorgungen Europas bringen wird.