Die Kryptowährung von Facebook – ein gewaltiger Game Changer, auch für Utilities?


Dipl.-Ing. Mag. Gerhard Gamperl

Dipl.-Ing. Mag. Gerhard Gamperl, Director, Head of Strategy and Corporate Development, VERBUND AG, Wien

Ende Juni dieses Jahres wurde es offiziell, worüber es schon lange Gerüchte gegeben hatte. Facebook plant ab 2020 die Einführung eines eigenen weltumspannenden, virtuellen Zahlungsmittels „Libra“ auf Basis der Blockchain-Technologie. Diese Ankündigung kann ohne Weiteres als Ausrufung einer globalen Revolution bezeichnet werden.

Im Internet-Ökosystem von Mark Zuckerberg bestehend aus Facebook, Instagram und WhatsApp mit geschätzten über 2,5 Milliarden Usern soll eine eigene Kryptowährung als Zahlungs- und Tauschmittel eingeführt werden, die gerade dabei ist, sich jenseits der staatlichen Regulierungen zu entwickeln.

Das Ziel des in Genf in der Schweiz angesiedelten, von Facebook geführten Non-Profit-Konsortiums, an dem sich schon von Beginn an Wirtschaftsriesen wie MasterCard, Visa, Paypal, Uber und Ebay beteiligt haben, ist nichts anderes als ein weiteres Stück zur Eroberung einer weltumspannenden Vormachtstellung über die globalen Interaktionen im Internet. Wer sich im Ökosystem von Facebook & Co. bewegt, soll zukünftig ein neues, eigenes Zahlungsmittel zur Verfügung haben. Libra wird eine Art Token sein, also eine virtuelle Währung, bestimmt zum Austausch von Waren, Dienstleistungen etc., die zur Sicherheit der Wertbeständigkeit an einen breiten Korb von reellen Währungen wie Dollar und Euro gekoppelt sein soll. Anders als bei den höchst spekulativen und stark schwankenden, bisherigen Kryptowährungen wie Bitcoin, Ethereum etc. soll die fixe Währungs-Anbindung dafür sorgen, dass der Wert der Libra-Tokens keinen großen Schwankungen unterworfen sein wird. Und das ohne unmittelbare Involvierung der Bankenwelt. Das heißt, der globale Finanzsektor wird durch eine neue Zahlungsarchitektur disruptiv bedroht bzw. neu aufgestellt werden. Ein Beispiel: die Überweisungen eines philippinischen Gastarbeiters aus den Emiraten in seine Heimat werden zukünftig ohne Banken oder Zahlungsdienstleister erfolgen können, und ohne Abzug gewaltiger Transaktionsspesen (bis zu 20%), sondern direkt über Libra, die in Abu Dhabi beim Gastarbeiter gleich viel wert sein werden wie bei seiner Familie in Manila. Und das „Geld“, diese neuen Währungs-Einheiten sollen real-time verfügbar sein und jederzeit eintauschbar, sowohl für den Sender als auch den Empfänger, quer über den Globus. Mit einer solchen Kryptowährungs-Revolution wird die Blockchain-Technologie im täglichen Leben der Menschen ankommen. Egal, ob das nun Libra von Facebook sein wird, oder ein ähnliches Konzept von den jetzt schon starken chinesischen Anbietern wie Alipay und WeChat, sie alle werden den globalen Zahlungs- und Transaktionsmarkt zweifellos neu aufmischen.

Blockchain und Libra, was kann das zukünftig für die Utility-Welt heißen?

Drei Ansätze für Antworten dazu.

Erstens, das Thema Sicherheit, denn Blockchain ist eine Technologie, die vereinfacht gesprochen auf unveränderlichen Datenketten basiert und damit Transaktionen zwischen vielen Akteuren sicherer macht. Garantierte Ökostrom-Zertifikate aus einem einzeln zugeordneten Windrad können über die Blockchain eineindeutig in ihrer Herkunft zugeordnet, gekauft und in Sekundenschnelle beim Endkunden unveränderlich abgerechnet werden.

Zweitens, Blockchains werden vor allem in neuen Applikationen und neuen Kundenlösungen zur Anwendung kommen, die Vorteile gegenüber konventionellen Lösungen bieten. Zum Beispiel das Betanken von E-Fahrzeugen, grenzüberschreitend über Länder und über verschiedene Verteilnetze hinweg. Mit der jeweiligen Strom-Auswahl „meines“ Ökostrom-Erzeugers, egal an welcher Tankstelle, und mit der von mir präferierten Abrechnungsart (Kreditkarte, Konto, Kryptowährung), real-time und automatisch durch das Anstecken meines E-Autos am Ladepunkt, und das alles ganz einfach bedienbar über meine Handy-App.

Und drittens, das Thema Skalierung. Weltweit wird in den unterschiedlichsten Industrien am Einsatz von groß angelegten Blockchain-Lösungen gearbeitet. Sei es die globale Sendungsverfolgung in der Logistik von Maersk mit IBM, seien es Herkunftsnachweise und lückenlose Darstellungen der Produktions-Ketten vom Erzeuger hin bis zum Endkunden, z.B. bei Kaffee (Starbucks), bei Luxusgütern (z.B. Handtaschen von Louis Vuitton oder Diamanten von De Beers) oder seien es große Quartierlösungen mit dezentraler Solar-Stromerzeugung, Speicherung und Strom-Abrechnung unter allen Nutzern via eigener Energie-Blockchains.

Libra ist nun die erste große, globale Blockchain-Initiative, die das Potenzial zu einem gewaltigen Game Changer hat.

Aus dieser Erkenntnis heraus geht es nun darum, dass die Utility-Branche die disruptive Kraft der Digitalisierung noch viel rascher und stärker zu nutzen beginnt. Wenn über eine Milliarde Menschen keinen regelmäßigen Zugang zu Strom hat, eine Milliarde keine offizielle Identität besitzt und über zwei Milliarden Menschen kein Bankkonto besitzen, dann sind das unglaublich große Entwicklungs-, aber auch Geschäftspotenziale. Zuckerberg & Co. werden diese neuen Kunden-Gruppen zielstrebig erschließen, ein Facebook-Account plus Vorlage eines Ausweises werden zum Öffnen eines „Libra-Bankkontos“ ausreichen (ein KYC-Prozess auch ohne Banken!) und mit den Libra-Tokens werden sich die Menschen Mikro-Kredite zum Bauen von dezentralen Solarstrom- und Heimspeicher-Anlagen finanzieren können, egal wo auf diesem Planeten.

Natürlich ist die klassische Energie-Branche in den hochentwickelten Ländern aufgrund ihrer hohen Asset-Intensität und dem politischen Auftrag zur Versorgungs-Sicherheit ein „Langsamläufer“ in unserer Industriewelt. Aber das am Horizont dräuende Schicksal der Banken zeigt, dass durch die Disruption aus der Blockchain-Digitalisierung perspektivisch große Wertschöpfungs- und Leistungsketten durch Angreifer von außen verloren gehen werden, wie das z.B. bei den bisherigen Cash-Cows der Banken im internationalen Zahlungsverkehr der Fall sein wird. Die Regulierungs- und Finanzbehörden auf der ganzen Welt sind durch Libra alarmiert, ihnen geht es um Währungs-Stabilität, Liquidität (bei einer eventuellen Libra-Krise), Datenschutz sowie um Verhinderung von Geldwäsche und Terrorismus-Finanzierung. Aber es wäre das erste Mal, dass die (inter-)nationalen Behörden im Schulterschluss weltweit eine gemeinsame Finanz-Regulierung und Steuerung zustande bekämen. Bisherige Steueroasen sind ja auch bis heute aufgrund vieler Partikular-Interessen nicht geschlossen worden. Auch deswegen gibt es die neueste, zielstrebige Wette von Facebook & Co., eine eigene Zahlungs-Blockchain wird universelles Zahlungsmittel. Eine Erweiterung durch das Zusammenfließen von Libra mit den Strom- und anderen Industrie-Welten ist dann nur ein nächster logischer Schritt.

Noch ist ein Zeitfenster offen für die Utilities. Die meisten in der Branche haben ohnehin schon begonnen, sich mit der Blockchain-Technologie in Pilot-Projekten und Erstanwendungen auseinanderzusetzen. Ein nächster Schritt sollte der ambitionierte Schulterschluss über Firmengrenzen hinweg sein, in Partnerschaften mit der Forschung und akademischen Instituten sowie in der Vernetzung mit anderen Industrien zur Schaffung größerer Skalierung und Synergien. Das kann ein beherzter Ansatz sein, dass wir selbst bei den Utilities das Gesetz des Handelns ergreifen. Blockchain wird keine universelle Allheils- und Lösungs-Alternative sein, „but it is here to stay“. Es ist eine riesige Chance für uns.