Saubere Revolution ohne Deutschland?


Deutschland steuert auf die Rolle als neuer „Kranker Mann Europas“ im Solarzeitalter zu, warnt Professor Daniel Kray. Der Experte für Erneuerbare Energien, Photovoltaik und Pflanzenkohle fordert mehr politischen Mut, um einen Systemwandel hin zu dezentraler, regenerativer Energie und Prosumern voranzutreiben und die Lust auf Teilhabe an der sauberen Revolution neu zu entfachen. 

Interview mit Daniel Kray

Professor Kray, Deutschland kommt bei Senkung der Treibhausgas-Emissionen nur langsam voran. Woran liegt das?

Das ist die Konsequenz der Energiepolitik der Bundesregierung der letzten 9 Jahre. Die Rahmenbedingungen für die saubere Revolution dezentraler günstiger Erneuerbarer Energie wurden konsequent verschlechtert. Alle Maßnahmen dienten letztlich dem Weiterbetrieb des fossil-nuklearen zentralistischen Systems der (noch) großen Energieversorger. Die Schlote der Kohlekraftwerke qualmen inzwischen sogar vielfach nur noch für den Export – und verhindern eine Senkung der Emissionen. Binnen 18 Jahren wurde das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) von 12 auf 104 Paragraphen bürokratisch aufgebläht. Lähmende Ausschreibungen haben den bis 2012 dynamischen Ausbau der Photovoltaik auf ein Zehntel des faktisch Notwendigen gebremst. Dabei ist der Verlust von etwa 80.000 Arbeitsplätzen sowie der Ausverkauf der bis dahin führenden deutschen Solarwirtschaft nach Asien billigend in Kauf genommen worden. Diese Maßnahmen wurden mit haltlosen Argumenten begründet, die keiner sachlichen Analyse standhalten. Da die Photovoltaik inzwischen fast überall die günstigste Form der Stromerzeugung ist, ist die konsequente Umstellung auf dezentrale erneuerbare Energien schon rein ökonomisch geboten.
Auch im Wärme- und Mobilitätssektor bleibt die Regierung enorm hinter ihren Möglichkeiten zurück. Anstatt den Herstellern klare Leitplanken vorzugeben, werden die wichtigsten Zukunftsthemen ausgesessen. Das völkerrechtlich bindende Paris-Abkommen kann nur erreicht werden, wenn schmutzige Technologien zeitnah abgelöst werden, z.B. Gas- und Ölheizungen bis 2020 durch Wärmepumpen, Autos mit Verbrennungsmotoren durch Elektroautos bis 2025. Hier wird zudem die Industrie nur auf den ersten Blick geschont. Die weltweiten Disruptionswellen von günstigem, dezentralen Solarstrom, Elektroautos und autonomen Autos werden die Firmen hinwegfegen, die sich nicht heute schon auf die kommenden Änderungen einstellen.

Bisher kann die Regierung den Wähler*innen diese Klimafolklore verkaufen. Wie lange diese sich jedoch bei einem so elementar wichtigen Thema ein X für ein U vormachen lassen, ist fraglich. Die Folgen des ungezügelten Ausstoßes von Treibhausgasen waren in diesem Sommer für jeden direkt spürbar.

Was machen andere Länder besser?

Schauen Sie z.B. nach Großbritannien, dem Mutterland der Kohle. Hier hat man es geschafft, durch eine nationale CO2-Abgabe (carbon price floor) von lediglich 20€/t binnen 5 Jahren vollständig aus der Kohle auszusteigen und die nationalen Emissionen um fast 50% zu senken. Schauen Sie nach Japan, dort hat die Automobilindustrie mit der Regierung ein Enddatum für den Verbrennungsmotor vereinbart. Schauen Sie nach Norwegen, die Hälfte aller Neuzulassungen sind heute schon Elektroautos. Schauen Sie nach China. Dort gibt es Regierungsvorgaben, in der gesamten solaren Wertschöpfungskette der Photovoltaik Nr. 1 weltweit zu sein. 1,2 Millionen neue Elektroautos in 2017 zugelassen, Millionenstädte, die binnen eines Jahres alle Busse auf Elektroantrieb umgestellt haben.

Ganz klar: Andere Länder haben Visionen statt German Angst. Und sie haben große Pläne, die über eine Legislaturperiode oder die nächste Bilanzpressekonferenz hinausgehen. Die saubere Revolution kommt weltweit bis 2030. Mit business opportunities im Billionen-Dollar-Maßstab. Deutschland wird mit Verbrennungsmotoren, Kohlekraftwerken und einer fahrlässig ins Ausland vertriebenen, nun schmerzliche fehlenden eigenen Solarindustrie keinen wesentlichen Anteil an diesen Märkten haben. Die bisherige Strategie der Bundesregierung kommt quasi einer Deindustrialisierung gleich. Wo ist die Lust auf Technologie? Die Lust auf eine saubere Zukunft? Die Lust auf Teilhabe an der sauberen Revolution? Deutschland als neuer Kranker Mann Europas im Solarzeitalter?

Wieso ist die Entwicklung der erneuerbaren Energien, trotz der Aussicht auf steigende Erträge, vergleichsweise unbeliebt für Energieunternehmen?

Die alten Energieunternehmen können nicht aus ihren eingefahrenen Denkmustern „Großkraftwerke – Fernleitungen – Energieverbraucher“ ausbrechen. Es ist wie bei Kodak, das selbst die erste digitale Kamera entwickelt hatte. Trotzdem beharrte Kodak bis zum Konkurs auf der Analogtechnik. Ähnlich wird es den (noch) großen Energieversorgern mit dem günstigen Solarstrom gehen. Jeder kann ihn vor Ort selbst erzeugen und speichern. Dessen Kosten sind heute schon oftmals niedriger als die reinen Transportkosten über das Fernleitungsnetz. Würden Sie in Freiburg Tomaten aus Hamburg bestellen, wenn die Versandkosten alleine schon höher wären, als die Preise der Tomaten vor Ort? So verhält es sich mit den unsinnigen Fernleitungen, die quer durch Deutschland gebaut werden sollen, um angeblich Windstrom aus Nord- und Ostsee in den Süden zu bringen. Ein ökonomisches Desaster. Hier werden unsinnige Milliardengeschenke an Netzbetreiber verteilt anstatt diese mit dem Geld die dringend benötigten Langzeitspeicher bauen zu lassen: Nach der aktuellen Gesetzeslage dürfen die Netzbetreiber Speicher nämlich noch nicht bauen und betreiben. Das muss dringend geändert werden.
Der Systemwandel hin zu dezentraler sauberer Energie und Prosumern kann nicht durch das Denken der alten Energiewirtschaft erfolgen. Hier braucht es politischen Mut, diese verkrusteten Strukturen aufzubrechen. Dieser fehlt leider seit langem in Deutschland.

Welche Auswirkungen hat die Energiewende auf dem Arbeitsmarkt. Sind durch eine schnelle Umstellung auf erneuerbare Energien nicht zahlreiche Jobs in Gefahr?

Das ist ein klassisches Märchen der Energiewende-Gegner. Erneuerbare Energien sind ein Jobmotor: Heute arbeiten schon ca. 350.000 Menschen in diesem Bereich, fast halb so viel wie in der Autoindustrie. Natürlich werden Arbeitsplätze in Technologien wegfallen, die auf der Nutzung fossil-nuklearer Rohstoffe beruhen: Schon bald wird niemand mehr z.B. Kohlekraftwerke, Ölheizungen und Verbrennungsmotoren bauen. Das wird so kommen, ob man den Kopf in den Sand steckt oder nicht. Heute gibt es bereits mehr Betriebe (Ca. 34.000) bei den Erneuerbaren als Beschäftigte in der Braunkohlebranche. Das neue, saubere und dezentrale Energiesystem benötigt viel mehr Beschäftigte als das alte zentralistische System der Großkraftwerke.
Durch das Festhalten am alten System sind bereits ca. 80.000 Arbeitsplätze alleine in der PV in Deutschland weggefallen. Dem stehen 20.000 Kohlekumpel entgegen. Diesen Menschen müssen Angebote gemacht werden, wie sie ihr Einkommen anders sichern können, als durch die Beeinträchtigung unserer Lebensgrundlagen. Ein beherzter Neustart der Energiewende wird diese geringen Arbeitsplatzverluste um ein Vielfaches kompensieren. Das zeigen alle wissenschaftlichen Studien.

Wie kann der steigende Anteil an Elektromobilität dem Umstieg auf erneuerbare Energien helfen?

Kostengünstiger Solarstrom und Elektromobilität sind zwei disruptive Entwicklungen, die sich gegenseitig beschleunigen. Je schneller die Kosten für Solarstrom fallen, umso schneller werden die Vollkosten von Elektroautos unter die von Autos mit Verbrennungsmotor fallen. Je mehr Elektroautos verkauft werden, je höher der Bedarf an lokaler sauberer Stromproduktion durch Photovoltaik. Da die Kostendegression von Solarmodulen nahezu identisch zu jener von Lithium-Ionen-Batterien verläuft (dem größten Kostenfaktor von Elektroautos derzeit), verstärken sich die weltweiten Entwicklungen gegenseitig auf ideale Weise. Alles deutet darauf hin, dass zwischen 2024 und 2026 der letzte Verbrennungsmotor auf dem Planeten verkauft wird. Der Strom für die Elektroautos wird selbstverständlich zum Großteil aus Photovoltaik kommen, da dies die günstigste Möglichkeit ist, diesen zu erzeugen. Überall direkt vor Ort und sehr schnell installiert. Mit Batteriespeicher verfügbar rund um die Uhr.

Einer Ihrer Forschungsschwerpunkte sind nachhaltige Solarmodule. Wie kann die Photovoltaiktechnologie noch umweltfreundlicher werden?
Mein Ansatz ist es, insbesondere die Kunststoff-Folien in PV-Modulen zu eliminieren. Diese erschweren das Recycling der Module, da sie alle Bauteile dauerhaft miteinander verkleben. Außerdem möchte ich den Zinn-, Blei- und Silberverbrauch auf Null reduzieren, indem keine Lötverbindungen oder Silberkontakte mehr verwendet werden. Die ökologischen „All Copper NICE“ Module sind eine Weiterentwicklung der Technologie von Apollon Solar in Frankreich. Da die Solarzellen wie in einem Isolierglas-Fenster lediglich mechanisch zusammengepresst werden, ist das Recycling kinderleicht: Wird die Randisolation durchtrennt, zerfällt das Modul in seine Einzelteile, die dann repariert oder sogar wiederverwendet werden können. Details dazu können Sie z.B. auf YouTube in meinem Science-Slam-Video erfahren.

Gibt es weitere regenerative Energieformen neben der Solarenergie und der Windkraft, die in Zukunft eine wichtige Rolle spielen werden?

Ja, die Pflanzenkohle. Ca. 25% der weltweiten Treibhausgas-Emissionen stammen aus der Landwirtschaft. Um diese zu reduzieren, muss mit zusätzlichen Technologien gearbeitet werden. Eine Schlüsselrolle kommt hier der Pflanzenkohle zu. Diese wird durch Erhitzen von biologischen Reststoffen unter Sauerstoffausschluss (die sogenannte Pyrolyse) hergestellt. Sie wird stofflich genutzt, also keinesfalls verbrannt: In den Boden ausgebracht oder z.B. in der Viehwirtschaft eingesetzt kann sie direkte und indirekte Emissionen mindern und gleichzeitig CO2 auf Dauer und ungefährlich im Boden speichern. So entsteht eine saubere Landwirtschaft, die netto mehr CO2 bindet, als sie emittiert. Wir nennen dies „Landwirtschaft 5.0“. Meines Erachtens steht die Pflanzenkohle heute dort, wo die Photovoltaik vor 20 Jahren stand. Pflanzenkohle wird ein Next Big Thing.

Über Daniel Kray:

Prof. Dr. rer. nat. Daniel Kray, Dipl.-Physiker, promovierte am Fraunhofer ISE über Photovoltaik, arbeitete ab 2009 in der PV-Industrie und ist seit 2012 Professor für Erneuerbare Energien an der Hochschule Offenburg mit den Schwerpunkten PV und Pflanzenkohle.

Schnittstelle Energie Vol. 3 – Interaktive Insights zur Energiewirtschaft

Das Interview mit Daniel Kray finden Sie auch in der dritten Ausgabe unseres digitalen Magazins.

Schnittstelle Energie Vol. 3 – Interaktive Insights zur Energiewirtschaft
Weitere Themen:

  • Streitfrage „Kohle“ – können wir auf sie verzichten?
  • Einblicke in die Zukunftsstrategien führender Energiemanager, wie EnBW, RWE, Open Grid Europe
    Grüne Innovationen, die Sie kennen sollten.
  • Saubere Revolution ohne Deutschland?
Jetzt lesen.