Kein Neuland mehr – Energie goes digital


von Dr. Marie-Luise Wolff

Wie verdient man mit Digitalisierung Geld? Wohl eine der spannendsten Fragen der Energie-wirtschaft heute. Kann man damit in unserem Geschäft überhaupt Geld verdienen? Kein Versorgungsunternehmen hat schließlich bisher ein digitales Produkt erfunden, aus dem die Golddukaten nur so heraus purzeln.

Zu Beginn des Internet-Zeitalters war es allerdings genauso. Wir konnten uns kaum vorstellen, dass man mit dem Internet etwas anderes als E-Mails schreiben oder Suchmaschinen ansteuern konnte. Dann gab es plötzlich Preisportale. Es dauerte ein paar Jahre, dann verdienten sie auch Geld. Und wir schauten hinterher.

Mit der Digitalisierung sollte uns das nicht passieren. Denn der rasante technische Wandel bietet mehr Chancen als Risiken. Und wir wissen, dass die Risiken der Digitalisierung durch kluges Handeln zu minimieren sind. Für Unternehmen ist Digitalisierung sozusagen ein Innen- und ein Außenprojekt. Den allermeisten Unternehmen hilft Digitalisierung sehr merkbar, ihre Prozesse besser zu organisieren. Die Energiewirtschaft hat das begriffen und sich auf den Weg gemacht; die meisten Unternehmen haben längst mit „digitaler Ordnung“ im Inneren begonnen. Nicht der Weg (oder in diesem Fall der Prozess) ist jedoch das Ziel, sondern ein schnell bedienter und zufriedener Kunde. Und es geht weiter: Vorausschauende Anlagen- Instandhaltung, unterbrechungsfreie Stromversorgung, auch in der Dunkelflaute, der kostengünstige Stromeinkauf durch eine automatisierte Handelssoftware, selbstverständlich 24/7, also rund um die Uhr, 365 Tage im Jahr. All dies sind Prozesse, die schon heute in der Energiewirtschaft ganz selbstverständlich digital gemanagt werden. Hinzu kommen End-to-End Serviceplattformen, digitale Lead-Management-Systeme, oder ein Kundenkontakt-Center 4.0.

Rein technisch gesehen hilft uns die Digitalisierung vor allem bei zwei Dingen: Dem Management der Energiewende und der Kundenzentrierung. Mit derzeit fast zwei Millionen Erzeugungsanlagen in Deutschland, hat sich die Stromproduktionswelt im auslaufenden Jahrzehnt so radikal verändert wie niemals zuvor in der Geschichte der Elektrizität. Und das ist erst der Anfang. Diese Entwicklung wird weiter gehen, sie ist technisch und auch finanztechnisch getrieben. Wir entwickeln uns immer weiter weg von Großkraftwerken, hin zu einer äußerst flexiblen dezentralen Erzeugungsflotte, betrieben durch etliche zum Teil professionelle, zum Teil aber auch weniger professionelle Akteure. Die Weiterentwicklung dieser Produktionslandschaft ist ohne die Hilfe der Digitalisierung schlicht nicht machbar. Nur mit Hilfe der neuen technischen Möglichkeiten eines Netzbetreibers 4.0 lässt sich die notwendig gewordene umfassende Vernetzung und intelligente Steuerung und Koordinierung des Stromflusses durch die Netze überhaupt realisieren.

Es geht darum, jedem Kunden genau das liefern zu können, was er nicht nur von seinem Energieversorger erwartet, sondern vor allem, was er ganz persönlich und individuell will und braucht.

Das Gespenst der Digitalisierung wurde im Jahr 2013 geboren. In diesem Jahr brachten Frey und Osborne die sogenannte „Oxford-Studie“ heraus. Sie besagte, dass die Digitalisierung die Arbeitsplätze auf der Welt halbieren würde. Die Oxford-Studie ist jedoch nichts anderes als eine Schätzung. Aus einer Hand voll von Zahlen wurde ziemlich stark hochgerechnet. Prognosen über Arbeitsmarktentwicklungen sind schwer. Im Moment sieht es so aus, als erlebten wir einen ganz anderen Verlauf. Massiven Fachkräftemangel und eine große Schar von Babyboomern, die in den Energieunternehmen fast gleichzeitig in den Ruhestand gehen. Die Arbeitsmärkte sind leergefegt. Um Digitalisierung in Energieunternehmen

umzusetzen, brauchen wir nicht weniger, sondern im Gegenteil noch besser aus- und fortgebildete Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Alle Energie unternehmen werden zu Digitalunternehmen. Und sie bieten gute und spannende Arbeitsplätze bei verhältnismäßig ordentlicher Bezahlung. Gerade kleine und mittlere Stadtwerke stehen jedoch im Kampf um die Gewinnung digital affiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zum einen in starkem Konkurrenzkampf untereinander, aber auch zu anderen Branchen. Und wir alle merken, es gibt viel zu wenige digitale Fachkräfte in Deutschland. Hier sollte auch die Politik endlich begreifen, dass Digitalisierung kein „Neuland“ mehr ist. Es bedarf neuer Ausbildungs- und Studienschwerpunkte, wir benötigen ein deutlich ausgeweitetes Angebot an Fort- und Weiterbildungsmöglichkeiten sowie endlich ein zukunftsfähiges Konzept der Fachkräfteentwicklung im Bereich digitaler Technologien.

Die wichtigsten Gewinner der umfassenden Digitalisierung der Energiewirtschaft werden unsere Kundinnen und Kunden sein. Am Anfang steht auch hier, dass wir durch intelligente Analyseinstrumente den Kunden und seine Bedürfnisse viel besser verstehen, als noch vor einigen Jahren. Auch hier sind übrigens in der öffentlichen Debatte die vermeintlich negativen Aspekte oft zu stark im Vordergrund: Es geht gerade uns Stadtwerken und Regionalversorgern doch nicht um Datenhandel oder den ausgeforschten Kunden. Wir wären ja nahezu verrückt, unsere zum Teil seit über einem Jahrhundert erarbeitete Glaubwürdigkeit und Vertrauensbasis vor Ort zu verspielen. Es geht vielmehr darum, jedem Kunden genau das liefern zu können, was er nicht nur von seinem Energieversorger erwartet, sondern vor allem, was er ganz persönlich und individuell will und braucht. Dabei helfen uns neue, digitale Kommunikationsmöglichkeiten mit denen wir Kunden zielgenauer und persönlicher ansprechen können. Chatbots, Customer Self-Service-Portale, aktives Management verschiedener Vertriebskanäle, Verbesserung von Backend-Prozessen sind da nur einige Stichworte. Damit haben wir die Chance, unsere neuen Geschäftsmodelle individuell zuzuschneiden und damit nicht nur neue Kunden zu gewinnen, sondern auch die bereits vorhandenen zufriedener zu machen und zu halten. Da wird gerade viel ausprobiert, im Tarifbereich der ENTEGA zum Beispiel, die erfolgreiche Flatrate für Strom und Internet.

Und das ist auch ein letzter von zahlreichen Vorteilen der Digitalisierung, den ich nicht unerwähnt lassen möchte: Alles ist smarter, dezentraler, direkter geworden. Deswegen müssen wir Unternehmer nicht mehr unbedingt Millionenbeträge für Marketing und Marktforschung in die Hand nehmen, um zu wissen, was bei unseren Kunden ankommt. Bei der ENTEGA-Flatrate wussten wir zum Beispiel nicht von Anfang an, dass die Menschen auf einen solchen Tarif gewartet haben. Ein kleiner, kostengünstiger Feldversuch in einem Testgebiet hat dann gezeigt, dass die Nachfrage groß ist. Wenige Monate später hatte ENTEGA in dem neuen Tarif über 5000 Kundinnen und Kunden gewonnen. Die Digitalisierung macht´s möglich.