Entscheidendes Jahrzehnt – jetzt Weichen für Klimaneutralität stellen

von Dr. Thomas König

Flüge gestrichen, Mitarbeiter im Homeoffice, Industrie gebremst – sollte Deutschland sein Klimaziel für 2020 doch noch erreicht haben, wäre das trügerisch. Auch die Corona-Pandemie hatte schließlich Anteil daran, dass der CO2-Ausstoß auf der Zielgeraden deutlich gesunken ist. Umso wichtiger ist es, bei der Energiewende noch einen Gang zuzulegen. Der Wiederaufbau unserer Wirtschaft muss ein umfassender Aufbruch in eine grüne Zukunft werden. Denn in einer Welt nach der Pandemie soll Nachhaltigkeit nicht Verzicht bedeuten, sondern neue gesellschaftliche und ökonomische Perspektiven schaffen. Dahinter steht die große Chance, jetzt auf der Pionierarbeit der Energiewirtschaft aufzusetzen und grüne Energie in allen Teilen unseres Zusammenlebens verfügbar zu machen.

Wie wichtig und eilbedürftig dieser Aufbruch ist, steht trotz der andauernden Corona-Pandemie außer Frage. So sagte UN-Generalsekretär Guterres völlig zurecht: „Kein Land ist immun gegen die Klimakrise“. Dieses Verständnis findet sich auch im Green Deal der Europäischen Union wieder. Das darin postulierte Ziel einer Null-Emissionen-Gesellschaft bis 2050 bildet das Dach für eine umfassende gesellschaftliche Transformation. Der Gestaltungsauftrag richtet sich an uns alle: Jedes Land und jede Regierung in Europa, jede Kommune und jedes Unternehmen.

Verteilnetze als wichtiger Baustein
In unserem Verteilnetzgeschäft erlebe ich den dafür benötigten Pioniergeist tagtäglich. Wir setzen Künstliche Intelligenz und digitale Zwillinge zur Netzsteuerung ein, investieren in digitale Betriebsmittel und automatisieren unsere Prozesse. Die Digitalisierung, Automatisierung und Standardisierung unserer Branche macht sich bezahlt: So bescheinigte der Präsident der Bundesnetzagentur Jochen Homann den Netzbetreibern inmitten der Pandemie die höchste Versorgungssicherheit seit Aufzeichnung der Messungen. Gemeinsam mit einem Erneuerbarenanteil an der Stromerzeugung von bereits über 50 Prozent ist das ein bemerkenswerter Leistungsnachweis der deutschen Energiewirtschaft.

Auf dem Weg zur Klimaneutralität bis 2050 werden die Aufgaben nun immer größer. Agora-Berechnungen zufolge müsste die Grünstromquote schon bis 2030 auf 70% steigen, um die gesetzten Klimaschutzziele zu erreichen. Dafür bräuchte es zudem etwa 14 Millionen Elektrofahrzeuge und rund 6 Millionen Wärmpumpen, die parallel zu den Erneuerbaren Energien in die Verteilnetze integriert werden müssten. Die nächsten zehn Jahre sind entscheidend; es kommt neben dem weiteren Ausbau der Erneuerbaren auf Fortschritte in Verkehr und Wärmewirtschaft an. Unverzichtbare Grundlage für diese Fortschritte bleibt eine leistungsfähige Netzinfrastruktur. Denn ohne angemessene und kontinuierliche Investitionen in Deutschlands Netze gibt es keine erfolgreiche Energiewende und keinen erfolgreichen Klimaschutz. Leistungsfähige Netze ermöglichen nicht nur klimafreundliche Investitionen in anderen Sektoren. Netzbetreiber tragen als „Konjunkturlokomotive“ auch selbst erheblich zur lokalen Wertschöpfung bei. Unsere Branche hat allein im letzten Jahr rund 11 Mrd. Euro in den Ausbau und in die Modernisierung der Übertragungsund Verteilnetze investiert. Doch nicht die Investitionen in die Energienetze sind der volkswirtschaftliche Kostentreiber auf dem Weg in die Null-Emissionen-Gesellschaft. Der wahre Kostentreiber wäre ein Ausbleiben dieser Investitionen.

Investitionen sind unausweichlich
Das unterstreicht eine aktuelle Studie von Frontier Economics und dem IAEW der RWTH Aachen. Sie rechnet mit einem Investitionsbedarf von mindestens 111 Mrd. Euro bis zum Jahr 2050, um das Verteilnetz für die Energiewende zu rüsten. Sonst müssten wir unseren so dringend benötigten Grünstrom zunehmend abregeln und ihn aus Gaskraftwerken ersetzen. Das würde nicht nur den Ausbau der Erneuerbaren konterkarieren, es wäre auch teuer: Die zusätzlichen Systemkosten einer langfristigen Unterdimensionierung der Verteilnetze lägen im Jahr 2030 zunächst bei bis zu 300 Millionen Euro und steigen dann bis 2050 auf bis zu 4,2 Milliarden Euro jährlich an. Langfristig hätte es also volkswirtschaftlich gesehen fatale Folgen, wenn notwendige Investitionen ausbleiben.

Die Zeit drängt. Damit nun in nötigem Maße in die Netze investiert werden kann, bedarf es einer Modernisierung des bestehenden Regulierungsrahmens. Die Energiewirtschaft steht bereit, und die Kapitalgeber blicken verstärkt auf nachhaltige Investitionsziele. In ihren Augen allerdings muss sich das deutsche Energiesystem gegenüber höheren Renditeperspektiven in anderen Staaten behaupten. Und das wiederum bedeutet: Ein internationaler Bezug bei der Eigenkapitalzins-Berechnung könnte verhindern, dass Deutschland weiter an Anschluss verliert.

Zudem sollte man auch in Frage stellen, ob der bestehende Fokus auf Kostenreduzierung – ausgedrückt durch den Produktivitätsfaktor Xgen – noch zeitgemäß ist angesichts der so dringlichen ökologischen Transformation unserer Volkswirtschaft. Nach über einem Jahrzehnt Anreizregulierung sind die verbleibenden Effizienzpotenziale überschaubar. Dem gegenüber stehen aber enorme Potenziale durch Investitionen in leistungsfähige Verteilnetze. Hier können wir die Zukunft der Energieversorgung auf Nachhaltigkeit programmieren – durch Innovationen und Digitalisierung. Eine Generationenaufgabe, die in den kommenden Jahren durch digital-affine Menschen fortgesetzt werden muss und in den gesellschaftlichen Fokus gehört.

Brücken für die Zukunft
Es ist daher gut, dass die Energiewende auch im Krisenjahr 2020 einen zentralen Platz im öffentlichen Diskurs bewahrt hat. Und es ist nur richtig, dabei verstärkt in industriellen Maßstäben zu denken. Letztlich geht es auch bei einem großen Thema wie Wasserstoff nicht nur um das Aufstellen von Elektrolyseuren, sondern zugleich um sektorübergreifende Schnittstellen und eine optimale Integration in unser Energiesystem. In diesem Fall durch die Anbindung an eine nachhaltige Stromerzeugung und Einbettung in eine wasserstofftaugliche Gasinfrastruktur.

Genau deshalb kommt es in dieser Phase der Energiewende verstärkt darauf an, Brücken zu bauen. Technologische Brücken zwischen den vielen Akteuren einer klimafreundlichen Zukunft. Brücken zu den Kommunen, um gemeinsam passgenaue Lösungen für ein nachhaltiges Leben in Städten und Gemeinden zu finden. Brücken zur Industrie und gewerblichen Großkunden, die sie zum Erreichen ihrer spezifischen CO2-Minderungsziele befähigen. Brücken von Start-ups bis hin zu großen Unternehmen, um die längst notwendige digitale Transformation der Energiebranche gemeinsam voranzutreiben. Und auch Brücken innerhalb der Energiewirtschaft, so wie es bei der Vergabe der 450 MHz-Funkfrequenz so erfolgreich gelungen ist. Oder um es anders auszudrücken: Die Zeiten der deutschen Energiewende, in denen jeder auf sich geschaut hat, gehören ein für alle Mal beendet. Denn unser Aufbruch zur Null-Emissionen-Gesellschaft ist eine Gemeinschaftsaufgabe. Wir müssen jetzt noch viel stärker zusammenarbeiten. Dann ist unsere Zukunft nicht durch Verzicht geprägt, sondern ein Gewinn für uns alle.

Ohne angemessene und kontinuierliche Investitionen in Deutschlands Netze gibt es keine erfolgreiche Energiewende und keinen erfolgreichen Klimaschutz.

Dr. Thomas KönigDr. Thomas König
Mitglied des Vorstandes
E.ON SE

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