Ein Flexibilitätsmarkt für die Energiewende

Ein Flexibilitätsmarkt für die Energiewende

Ein Gastbeitrag von Gero Lücking, Geschäftsführung Energiewirtschaft, LichtBlick SE

Die Energiemärkte wandeln sich rasant, sie werden dezentraler und flexibler. Immer mehr Menschen erzeugen und speichern saubere Energie vor Ort. Häuser werden zu Kraftwerken und Speichern, Elektroautos werden den Markt erobern, auch Wärme wird künftig mit Ökostrom erzeugt. Die Bereiche Strom, Wärme und Mobilität wachsen zusammen. Megatrends wie Digitalisierung und Big Data und dezentrale Konzepte stellen die Energiemärkte auf den Kopf.

Als „Prosumer“ fragen die Verbraucher neue Dienstleistungen nach. Dezentrale Anlagen müssen sinnvoll in die Energiesysteme integriert werden, um künftig Netzstabilität und Versorgungssicherheit zu garantieren. Verbraucher profitieren von der Marktintegration ihrer Anlagen – dadurch amortisieren sich Investitionen in neue Technologien zügiger. Die Markteinführung von Elektroautos und Batteriespeichern kann so beschleunigt werden.
Der rasante Preisverfall bei der Photovoltaik und bei den Batteriespeichern wird unsere Energieinfrastruktur nachhaltig verändern. Millionen dezentraler Anlagen lösen zentralistische Strukturen deutlich schneller ab, als viele Experten erwarten. Wir bei LichtBlick sind überzeugt: die Zukunft der Energie ist 100 Prozent erneuerbar, 100 Prozent dezentral und 100 Prozent elektrisch.

Die Digitalisierung ermöglicht und beschleunigt den Wandel. IT und Energie wachsen zusammen. LichtBlick stellt sich als IT- und Energieunternehmen diesen Herausforderungen. Im Rahmen unserer SchwarmEnergie-Strategie setzen wir schon heute neue, dezentrale Geschäftsmodelle um. Grundlage dafür ist unsere innovative IT-Plattform SchwarmDirigent.
Bereits 2013 haben wir in Berlin-Marzahn Deutschlands größtes Mieterstromprojekt gestartet. Wir vernetzen und optimieren bundesweit mehr als 1.000 eigene und fremde Kraftwerke. Mit namenhaften Partnern erforschen wir in Berlin die Einbindung von E-Autos in die Energieinfrastruktur. Und wir entwickeln das SchwarmHaus, das Energiehaus der Zukunft.

Die Stellschrauben des Flexibilitätsmarkts

Von der Politik erwarten wir, dass sie die vorhandenen Hemmnisse für dezentrale Geschäftsmodelle und Konzepte wie virtuelle Kraftwerke, Mieterstrom und Ökostromvermarktung zügig abbaut, alle Maßnahmen zur Flexibilisierung des Systems konsequent aufgreift und unterstützt. Das jetzt vom Wirtschaftsministerium vorgelegte Weißbuch geht in vielen Punkten in die richtige Richtung. Ziel muss es sein, eine verbraucherorientierte, kostengünstige und markt- und wettbewerblich organisierte Energiewende zu ermöglichen:

Batterien: Gleichstellung von stationären und mobilen Speicher

  • Durch den rasanten Preisverfall werden Kurzzeitspeicher kurzfristig eine immer wichtigere Rolle spielen und massenhaft zum Einsatz kommen.
  • Dezentrale Solarbatterien und auch die Batterien von E-Mobilen können im Pool vernetzt Regelenergie bereitstellen. Die Vorschläge im Weißbuch zur Öffnung des Regelenergiemarktes gehen hierbei bereits in die richtige Richtung. Jetzt kommt es darauf an, alle Speicher, die Regelenergie liefern gleich zu behandeln und von Netzentgelten und EEG-Umlage zu befreien.
  • Es muss ein Rechtsrahmen für Speicher geschaffen werden, der die derzeit auf viele einzelne Gesetze und Verordnungen verteilten Regelungen zusammenführt.

Elektromobilität: Diskriminierungsfreier Zugang zu öffentlichen Ladesäulen

  • Die Ladeinfrastruktur ist das zentrale Thema des zweiten, in 2016 zu verabschiedenden Elektromobilitätsgesetzes. Dort muss das Recht auf diskriminierungsfreien Netzzugang an allen öffentlichen Ladesäulen analog zu § 20 Absatz 1 Energiewirtschaftsgesetz umgesetzt werden.
  • Die Ladeinfrastruktur im öffentlichen Raum muss Teil des Verteilnetzes werden. Ansonsten wird sich die Marktdurchdringung von Elektrofahrzeugen weiter verzögern und zudem erheblich verteuern. Die bisherigen Beistellungs- bzw. Roaming-Modelle (z.B. Hubject, Ladenetz, etc.) etablieren eine völlig unnötige Zusatzebene zwischen Verbraucher und Netz. Sie sind mit erheblichen Mehrkosten verbunden.
  • Die Verteilnetzbetreiber müssen die Kosten dieses Ladesäulen-Ausbaus im Rahmen der Netzentgeltregulierung anerkannt bekommen. Der Ausbau der Ladeinfrastruktur kann durch die Bundesnetzagentur im Rahmen ihrer bestehenden Fachaufgaben zur Netzausbauplanung sachgerecht und entsprechend der Marktdurchdringung von Elektrofahrzeugen gesteuert werden.
  • Nur so können die Verbraucher an jeder öffentlichen Ladesäule den Strom ihres Anbieters in gewohnter Qualität, zum gewohnten Preis und Kundenservice beziehen und über ihre Strom-rechnung bezahlen. Erst wenn die Ladeinfrastruktur Teil des Verteilnetzes und der diskriminierungsfreie Netzzugang implementiert ist, können Zusatzdienstleistungen wie gesteuertes Laden angeboten und die Batterien der Fahrzeuge in die Energiemärkte integriert werden.

Mieterstrom: Gleichstellung von Mietern und Eigenheimbesitzern

  • Mieter zahlen seit der EEG-Reform 2014 100 Prozent der EEG-Umlage, Eigenheimbesitzer bis 10 kW gar keine. Diese Diskriminierung von Mietern gegenüber Eigenheimbesitzern muss beendet werden. Viele Mieterstromprojekte werden durch diese Zusatzbelastung unwirtschaftlich.
  • Mieterstromprojekte müssen im Rahmen der Einführung des Grünstrom-Markt-Modells (siehe unten) berücksichtigt werden. Sollte dies nicht geschehen, müssen Mieter bei der nächsten EEG-Novelle mit Eigenversorgern gleich gestellt werden.

Smart Markets / Messwesen: Faire Kosten, effiziente Prozesse

  • Wir begrüßen das Digitalisierungs-Gesetz der Bundesregierung.
  • Es geht dabei nicht nur um günstige und sichere Smart Meter, sondern auch um die Abschaffung ungerechtfertigter Kosten wie bspw. die Abrechnungsentgelte der Verteilnetzbetreiber.
  • Die Liberalisierung des Messwesens muss konsequent weiter vorangetrieben werden. Effiziente und massenmarktfähige Prozesse müssen verbindlich eingeführt werden.
  • Einen staatlich verordneten Smart Meter Rollout und wettbewerbsverhindernde Höchstpreise für Smart Meter lehnen wir ab. Smart Meter müssen und werden immer dort installiert werden, wo die entsprechenden Geschäftsmodelle und Dienstleistungen dies erfordern.

Grünstrom-Markt-Modell: EEG-Strom kostenneutral an Endkunden vermarkten

  • Das von vielen Unternehmen und Verbänden unterstützte Grünstrom-Markt-Modell bietet eine für das EEG kostenneutrale Möglichkeit, Verbraucher und Unternehmen mit Strom direkt aus EEG-Anlagen zur versorgen: www.gruenstrom-markt-modell.de. In der Direktvermarktung über die Marktprämie ist dies derzeit nicht möglich.

Strommarktdesign: Flexibilität belohnen

  • Ein neues Strommarktdesign muss nicht Kapazitäten subventionieren, sondern Flexibilität fördern. Die von LichtBlick und BEE veröffentlichte Studie „Strommarkt-Flexibilisierung“ zeigt Hemmnisse für dezentrale Geschäftsmodelle auf und macht Vorschläge zu deren Beseitigung: http://tinyurl.com/flexistudie. Der bne hat hier zudem in seinem Papier „Der Flexmarkt“ weitere Vorschläge unterbreitet www.neue-energieanbieter.de/de/bne-flexmarkt

Gero LückingVerpassen Sie nicht den Vortrag Gero Lückings, im Rahmen der 23. Handelsblatt Jahrestagung 2016. In seinem Vortrag erfahren Sie, warum die Energiewende ein neues Marktdesign erfordert und der Flexibilitätsmarkt eine echte Alternative zum Kapazitätsmarkt ist.

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