Die Energiewende ist kein 100-Meter-Sprint, sondern ein Marathon

(Artikel zuerst erschienen am 10.09.2019)

Der Klimaschutz hat die politische Agenda in den letzten Tagen sehr dominiert. Dabei kommt häufig viel zu kurz, wie viel Deutschland bereits erreicht hat. Der Anteil der Erneuerbaren Energien am Stromverbrauch betrug im ersten Halbjahr 2019 rund 44 Prozent, der Ausstieg aus der Kernenergie geht planmäßig voran und auch die Energieeffizienz steigt stetig. Für die kommenden Jahre haben wir uns sehr ambitionierte Energieziele gesetzt und arbeiten konsequent an deren Umsetzung. Im Fokus steht dabei der Klimaschutz. Das zeigt nicht zuletzt die Einrichtung des sogenannten „Klimakabinetts“, unter Leitung der Bundeskanzlerin. In wenigen Tagen wird dieses Gremium, in dem alle für den Klimaschutz verantwortlichen Bundesministerien vertreten sind, Grundsatzentscheidungen darüber treffen, wie wir unsere Klimaziele für 2030 erreichen wollen. Was wir nun brauchen, was vor allem die Energiebranche von uns erwartet, ist rasche Planungssicherheit bei der Umsetzung der Ziele. Und wir müssen die Sektoren Verkehr und Gebäude in unsere Bemühungen einbinden. Denn die ambitionierten Ziele erfordern einen breiten Technologiemix in allen Bereichen. Hierbei müssen viele Rädchen ineinander greifen.

Der Energiesektor trägt – trotz Kernenergieausstieg – bereits einen großen Anteil zu den erreichten CO2 Reduktionen bei. Dieser Rückgang wird sich in den kommenden Jahren weiter verstetigen. Der Kohleausstieg wurde beschlossen und wird noch in diesem Jahr in einem ambitionierten Gesetzgebungspaket umgesetzt. Maßgeblich hierbei sind für uns die Empfehlungen der Kommission „Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung“, die eine massive Reduzierung der Kohleerzeugungskapazitäten von heute über 40 Gigawatt auf insgesamt noch 17 Gigawatt bis 2030 und den endgültigen Ausstieg bis spätestens 2038 vorsehen.

Gleichzeitig wollen wir den Anteil der erneuerbaren Energien am Stromverbrauch auf rund 65 Prozent im Jahr 2030 steigern. Auch wenn weite Teile der Bevölkerung hinter der Energiewende stehen, stoßen konkrete Projekte vor Ort häufig auf Widerstand. Dies gilt insbesondere für die Windenergie an Land, wie die jüngsten, deutlich unterzeichneten Ausschreibungen belegen. Die Bundesregierung nimmt Hemmnisse, etwa im Bereich Arten- und Naturschutz, in den Blick und erarbeitet derzeit Maßnahmen, mit denen die Akzeptanz der Windenergie gestärkt werden kann. Ohne den Stromnetzausbau jedoch kein Ausbau der Erneuerbaren: Eine bezahlbare und versorgungssichere Energiewende ist nur möglich, wenn viele kostengünstige Standorte zur Erzeugung von Strom aus erneuerbaren Energien erschlossen und Erzeuger und Verbraucher weiträumig miteinander verbunden werden. Die erforderlichen Maßnahmen hat Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier mit dem Aktionsplan Stromnetz im Sommer 2018 skizziert. Bei der Umsetzung sind wir mit der Novelle des Netzausbaubeschleunigungsgesetzes und der Einrichtung eines umfassenden Controlling-Systems für den Ausbau der Übertragungsnetze in diesem Jahr bereits erheblich vorangekommen.

In unserem energiepolitischen Zieldreieck stehen neben Klimaschutz die kosteneffiziente Umsetzung der Energiewende und die Gewährleistung einer sicheren Stromversorgung. Dabei spielen auch konventionelle Energieträger eine Rolle. Die wachsende Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien wird ergänzt durch flexible Kraftwerke. Erdgas wird zunehmend eine wichtigere Rolle spielen. Auch die hocheffiziente Kraft-Wärme-Kopplung (KWK) wird für die industrielle Anwendung, aber auch in Quartierslösungen eine wichtige Säule bilden. Ein weiteres entscheidendes Element wird die nationale Wasserstoffstrategie sein, an der wir mit Hochdruck arbeiten und die in diesem Jahr vorgelegt wird. Gerade Wasserstoff wird für Mobilität und Industrie in den nächsten Jahren immer wichtiger und Deutschland sollte hier die Technologieführerschaft übernehmen. Auch wollen mit den Preisträgern des Ideenwettbewerbs „Reallabore der Energiewende“ in deutschlandweit 20 Projekten neue Wasserstofftechnologien nicht nur in der Forschung, sondern auch in der Anwendung unter realen Bedingungen und im industriellen Maßstab erproben. Wie heißt es oft so schön: Die Energiewende ist kein 100-Meter-Sprint, sondern ein Marathon. Sie kann nur gelingen, wenn wir unsere Wettbewerbsfähigkeit nicht verlieren und andere Länder uns folgen. Die Energiewende ist ein Gemeinschaftsprojekt, das wir nur gemeinsam zum Erfolg führen können.

(© Jan Kopertzky)

Thomas Bareiß 
Mitglied des Deutschen Bundestages
Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister für Wirtschaft und Energie

„Eine bezahlbare und versorgungssichere Energiewende ist nur möglich, wenn viele kostengünstige Standorte zur Erzeugung von  Strom aus erneuerbaren Energien erschlossen und Erzeuger und Verbraucher weiträumig miteinander verbunden werden.“

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