Bekommt die Energiewirtschaft den Struktur wandel hin?

Bekommt die Energiewirtschaft den Struktur wandel hin?
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Die Liste der Herausforderungen für die Energiewirtschaft ist lang. Für viele Unternehmen ist (zumindest gefühlt) der Umgang mit der Liberalisierung der Energiemärkte erst jüngere Geschichte. Schon geht es um weitere Veränderungen mit disruptiven Potenzial, ob dies der Ausstieg aus der Kernenergie als Lehre aus den verheerenden Reaktorunfällen im japanischen Fukushima im März 2011 ist oder die Umsetzung der Empfehlungen der von der Bundesregierung eingesetzten Kommission „Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung“. Diese hat den Weg für einen Ausstieg aus der Kohleverstromung in Deutschland bereitet und vorgeschlagen bis zum Jahr 2038 entlang eines Stufenfahrplans Kohlekraftwerke sukzessive vom Netz zu nehmen. Hinzu kommen Anforderungen, die mit der Energiewende und dem Klimaschutz auf den ersten Blick erst einmal gar nichts zu tun, es aber gleichwohl in sich haben, nämlich die Auswirkungen der fortschreitenden Digitalisierung, die auch vor der Energiewirtschaft nicht halt machen. Um die Potenziale der Digitalisierung auszuschöpfen, braucht es ganz neue Kompetenzen in den Unternehmen und auch eine andere Art von neuer Zeitrechnung aufgrund der, der Digitalisierung eigenen Dynamik.

„Der viel beschworene Schritt vom Energieversorger zum Energiedienstleister und bezogen auf die Versorgungsstabilität zum Energiesystemdienstleister steht nun wirklich an.“

Zusätzliche Kompetenzen braucht es in der Energiewirtschaft aber auch im Zuge der geänderten Erwartungshaltung der Kunden. Diese erwarten von den Unternehmen eine stärkere Serviceorientierung und entsprechende Dienstleistungsangebote, dabei am besten direkt auf sie zugeschnittene Angebote. In diese Richtung weist auch die zunehmende Tendenz der Stromkunden, ihre Stromversorgung ganz oder teilweise in die eigene Hand zu nehmen. Diese häufig auch als ProSumer bezeichneten Stromverbraucher fragen auf dem Markt ganz andere Angebote nach als die früher als mehr oder weniger Zählkunden behandelte Verbraucher. In anderen Worten ausgedrückt: der viel beschworene Schritt vom Energieversorger zum Energiedienstleister und bezogen auf die Versorgungsstabilität zum Energiesystemdienstleister steht nun wirklich an.

Damit nicht genug. Politisch stehen Entscheidungen an, die aus Gründen der Kostendeckelung eingeführte Ausbaugrenze von 52 GW bei der Photovoltaik so schnell wie möglich aufzuheben, da wir uns mit riesigen Schritten auf diese Marke zubewegen und Unsicherheiten im Markt vermeiden sollten. Fällt sie nicht, kann man getrost davon ausgehen, dass die im Koalitionsvertrag für das Jahr 2030 festgehaltene Zielmarke von 65% erneuerbare Energien in der Stromversorgung nicht gehalten werden kann. Die Erreichbarkeit dieses Ziels hängt aber vor allem auch davon ab, ob es gelingt, die vielfältigen nichtökonomischen Hindernisse beim Ausbau erneuerbarer Energien und die damit verbundenen Infrastrukturen (insbesondere die Transport und Verteilnetze) abzubauen. Wir stehen gerade ganz massiv vor der Problematik, dass der Ausbau vor allem der Windenergie aus unterschiedlichen Gründen fast vollständig zum Erliegen gekommen ist und dies obwohl die generelle Zustimmung der Bevölkerung zur Energiewende seit Jahren auf sehr hohem Niveau stabil ist. Ein Grund liegt hierbei sicherlich u.a. in den Anfangsfehlern bei der Einführung der Ausschreibungsverfahren für erneuerbare Energien im Jahr 2016, die als Instrument (zumindest für die größeren Anlagen) das fixe Stromeinspeise und Vergütungssystem des EEG abgelöst haben. Die zu Beginn für die Ausschreibungen formulierten Sonderregelungen für Bürgerwindparks sind zwar einerseits verständlich, um Akzeptanz für das neue Fördersystem auch von Seiten nicht-professioneller Investoren zu bekommen. Andererseits konnten sehr viele der Anlagen, die die Ausschreibung gewinnen konnten, bisher nicht gebaut werden bzw. haben sich nach durchgeführten Planungsprozessen als ökonomisch nicht sinnvoll umsetzbar herausgestellt.

Ein weiterer und mit Blick auf die Zukunft viel entscheidender Grund ist aber die Tatsache, dass die Widerstände vor Ort gegenüber der Windenergie nicht behoben werden konnten. Wir sprechen diesbezüglich häufig vom sogenannten „NIMBY-Effekt“ (Not in my Backyard), der zum Ausdruck bringt, dass man generell zwar der Umsetzung positiv gegenübersteht, aber bitte nicht im eigenen Garten. Dies gilt für die Windenergie genauso wie für Stromtrassen.

Wie aber lässt sich der NIMBY-Effekt überwinden. Bisher scheint die goldene Lösung diesbezüglich noch nicht gefunden zu sein und entstehen auf der Seite der Windenergiegegner immer professionellere Strukturen. Die von der Bundesregierung eingesetzte Arbeitsgemeinschaft Akzeptanz Energiewende ist bisher noch zu keinem Ergebnis gekommen und einige Bundesländer (z.B. NRW) bemühen sich durch die Einführung rigider Abstandsflächen, den Ausbau der Windenergie maßgeblich zu stoppen. Für die Überwindung des NIMBY-Effektes ist es dringend erforderlich, die Anforderungen des Klimaschutzes mit denen des Landschafts-, Natur und Artenschutzes zusammenzubringen. Optionen sind diesbezüglich sicher verbesserte (partizipative) Planungsverfahren auch und gerade bei dem jetzt in vielen Regionen vermehrt anstehenden Ersatz von Altanlagen durch neue leistungsstärkere Anlagen (Repowering). Sicher wird aber auch weiter darüber nachgedacht werden müssen, wie die angrenzenden Kommunen und ihre Einwohner von Windenergieanalgen oder Windparks profitieren können und wie entsprechende Beteiligungsanreize aussehen müssen. Eine weitere Option ist die sukzessive Verschiebung des Neubaus von Anlagen vom Binnenland auf, der Küste vorgelagerte Standorte (Wind offshore). Während Deutschland das Ausbauziel von offshore-Wind mit 15 GW bis zum Jahr 2030 noch recht moderat formuliert hat, hat Großbritannien vor wenigen Monaten angekündigt, dass sie bis zum Jahr 2020 eine Kapazität von 30 GW errichtet haben wollen.

Gerade in der Situation geringer gesellschaftlicher Akzeptanz für die Windenergie wird es auch darauf ankommen, die in den nächsten Jahren altersbedingt aus der Einspeisevergütung des Erneuerbaren Energien Gesetzes herausfallenden Anlagen zu erhalten. Mit den sogenannten Power Purchase Agreements (PPA), die in den USA schon seit vielen Jahren etabliert sind, entsteht eine Möglichkeit Strom aus diesen Anlagen direkt an Kunden zu vermarkten. Interessenten könnten zum Beispiel Industriekunden sein, die sich mit „grünem Strom“ unter kalkulierbaren Bedingungen eindecken wollen. PPA sind daher auch eine Option aus der Not, dem Herausfallen aus dem EEG eine Tugend zu machen. Hierfür müssen aber die richtigen politischen Rahmenbedingungen geschaffen werden und daran hakt es noch. Dies gilt zum Beispiel für die Laufzeit von PPAs, die nach derzeitig gültigem Regelwerk aus kartellrechtlichen Gründen auf fünf Jahre begrenzt ist, für beide Partner dadurch aber ggf. nicht die notwendige Planungssicherheit sichert.

„Warum sollte uns die Energiewirtschaft angesichts des immensen und zum Teil unerwartet schnellen Fortschritts über die letzten 20 Jahre nicht auch in den nächsten 20 Jahren positiv überraschen können?“

Es gibt also zu viel zu tun. Stellt sich daher die berechtigte Frage, ob die alles zu schaffen ist und in der notwendigen Geschwindigkeit? Eine vollständige Sicherheit gibt es dafür sicher nicht, aber eine hohe Wahrscheinlichkeit oder zumindest den berechtigten Mut daran zu glauben. Denn die Energiewirtschaft hat schon mehrmals überrascht. Wer hätte mit dem Start des Erneuerbaren Energien Gesetz im April 2000, d.h. vor fast 20 Jahren, gedacht, dass wir ausgehend von dem damaligen rund 5% Anteil erneuerbarer Energien an der Stromerzeugung heute an der 40% Schwelle stehen. Und wer hätte gedacht, dass das einhergeht mit einem weiterhin stabilen Stromsystem und dies obwohl die fluktuierenden Quellen Wind und Solarstrom den Löwenanteil des erneuerbaren Beitrags abdecken. Haben wir nicht alle noch die Stimmen im Ohr, die seinerzeit laut wurden, dass mehr als 10 oder 12% erneuerbare Energien im Stromsystem unweigerlich zum Blackout führen werden. Sicher, es hat Investitionen und einiges an Ingenieurkunst erfordert, Kraftwerke sowie Verteil und Transportnetze intelligenter und robuster zu machen und damit aufnahmefähig für eine stark volatile Stromerzeugung. Das die durchschnittlichen Ausfallzeiten von Strom heute aber sogar geringer sind als vor Beginn der Ausbaudynamik im Bereicherneuerbarer Energien vor 20 Jahren ist dann aber doch überraschend und vor allem für die Industrie ein wichtiges Signal, für die neben dem Strompreis die Verlässlichkeit der Energieversorgung ein zentraler Standortfaktor ist. Um den Faden weiter zu spinnen: Wer hätte 2000 gedacht, dass die Stromerzeugung aus Solarzellen heute in vielen Ländern der Welt die mit Abstand kostengünstigste Stromerzeugungsoption ist. Nicht viele und nur die Optimisten unter den Optimisten. Und auch in Deutschland ist Strom aus Wind und Sonne kostengünstig geworden, mit Stromgestehungskosten an guten Standorten von unter 5ct/kWh wie die Ergebnisse der letzten Ausschreibungsrunde zeigen.

Warum sollte uns die Energiewirtschaft angesichts des immensen und zum Teil unerwartet schnellen Fortschritts über die letzten 20 Jahre nicht auch in den nächsten 20 Jahren positiv überraschen können? Es spricht viel dafür auch wenn die Liste der Herausforderungen heute wie dargestellt nicht kleiner ist als vor zwei Dekaden – und dabei ist noch gar nicht darauf eingegangen worden, dass gerade im Bereich der Energieeffizienzsteigerung ein dringender Nachholbedarf in der Umsetzung und dessen politischer Flankierung besteht. Zu den oben bereits genannten Punkten kommt noch hinzu: die weitere Gestaltung der Sektorenkopplung, vor allem die sukzessive Erhöhung des Anteils von Strom im Endenergiemix, dessen direkter Einsatz aus Effizienzgründen Priorität genießen sollte. Überschreitet der Anteil erneuerbarer Energien die Zweidrittelmarke, so zeigen alle Energiemodelle unisono, braucht es eine Möglichkeit Strom über längere Zeiträume speichern zu können. Dies wird nur über einen chemischen Energieträger gehen, wobei u.a. Wasserstoff oder synthetische flüssige Brenn- und Kraftstoffe zum Einsatz kommen können. Damit ergibt sich zugleich aber die Möglichkeit diese Energieträger dort einzusetzen wo der direkten Verwendung von Strom Grenzen gesetzt sind. Dies gilt mit Sicherheit für den Luftverkehr, bestimmte Anwendungen wie Hochtemperaturprozesse in der Industrie sowie dem Schwerlastverkehr, zumindest jenseits von möglicherweise zukünftig elektrifizierten Autobahnen, sollte sich die Idee der Oberleitungs-LkW durchsetzen.

Es gibt also weiterhin viel zu tun, aber freuen wir uns doch darauf und gehen die Gestaltungsaufgabe mit Respekt aber Zuversicht zielstrebig an. Nicht zuletzt aus technologischer Sicht stecken hierin riesige Potenziale, denn längst haben sich auf allen Kontinenten Länder auf dem Weg zu einer vollständig erneuerbaren Energieversorgung gemacht. Es wär doch schade, wenn sie diesen Transformationspfad ohne Technologie „made and approved in Germany“ begehen müssten.

Prof. Dr.-Ing. Manfred Fischedick,
Vizepräsident, Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie gGmbH und
Professor an der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften
(Schumpeter School ofBusiness and Economics) an der
Bergischen Universität Wuppertal

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