Interview – Elektroautos auf Deutschlands Straßen

walcher

Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass ein bis zwei Jahre später auf jeden Fall viele Millionen E-Fahrzeuge auf Deutschlands Straßen unterwegs sein werden.

1. Die Bundesregierung will bis zum Jahr 2022 eine Million Elektroautos auf Deutschlands Straßen bringen. Halten Sie das für ein realistisches Ziel?
Ob die Zahl realistisch ist, kann ich nicht sagen. Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass ein bis zwei Jahre später auf jeden Fall viele Millionen E-Fahrzeuge auf Deutschlands Straßen unterwegs sein werden.

Der Grund hierfür liegt darin, dass ab 2021 Fahrzeuge nur noch 95g CO2 ausstoßen dürfen. Hinzu kommt, dass dann endlich wettbewerbsfähige Fahrzeuge auf dem Markt sein werden. Wettbewerbsfähig bedeutet in diesem Zusammenhang, dass bezogen auf Preis und Reichweite keine Nachteile mehr gegenüber Verbrennungsmotoren vorhanden sein werden. Große Teile der Bevölkerung werden sich erst dann ein Elektroauto kaufen, wenn es entscheidende Vorteile gegenüber Verbrennern bietet.

2. Wer künftig ein Elektromobil als Dienstwagen nutzt, soll künftig nur noch die Hälfte des geldwerten Vorteils versteuern müssen. Wird das das Interesse steigern?
Das ist ja logisch. Allerdings muss hierfür auch eine ausreichende Auswahl an geeigneten Fahrzeugen auf dem Markt sein. Mein Lieblingswitz hierzu lautet übrigens: wann gibt es wirklich tolle elektrische Autos? In zwei Jahren! Diesen Witz erzähle ich übrigens schon seit zehn Jahren.

3. Die Zulassungszahlen sind in Deutschland derzeit noch bescheiden. Warum ist das Interesse an Elektrofahrzeugen nicht größer? Liegt es an den Fahrzeugpreisen, an der Ladeinfrastruktur oder am Modellangebot?
Es liegt natürlich am Preis und an der Reichweite und nicht an der Infrastruktur. Die Infrastruktur wächst überproportional. Wir haben die Anzahl der Ladepunkte innerhalb eines Jahres mehr als verdreifacht, sodass wir auf knapp 3.000 Ladepunkte bis Ende des Jahres kommen. Aber ich habe noch keine Warteschlangen davor gesehen. Ich behaupte, dass das Argument der mangelnden Infrastruktur vor einem Jahr nur zeitweise von den Automobilherstellern bespielt wurde, um von deren Lieferproblemen abzulenken. Dadurch, dass wir ladenetz.de innerhalb eines Jahres von 80 auf mittlerweile rund 170 Stadtwerke ausbauen konnten, kann man mittlerweile mehr oder weniger mit einer Stadtwerkeladekarte quer durch Deutschland reisen.

5. Zum Thema Ladeinfrastruktur: Stehen die Ladesäulen heute an den richtigen Stellen?
Dies ist fast schon eine philosophische Frage! Meiner Meinung nach ja, aber ich stehe ja auch als Repräsentant für 170 Stadtwerke und habe da vielleicht eine etwas subjektiv gefärbte Meinung. Aber wenn ich mich in meiner Rolle als Elektroautofahrer sehe, freue ich mich auf jeden Fall wenn in einer Stadt ausreichend AC-Ladestationen vorhanden sind.

6. Warum gibt es nicht mehr Schnellladesäulen?
Meiner Meinung nach sind Schnellladestationen nur dort notwendig, wo ich unbedingt schnell laden muss. Für Privatpersonen ist dies nur dann der Fall, wenn ich zu Hause über keine Lademöglichkeit verfüge oder Langstrecken zurücklegen muss, wie beispielsweise Urlaubsfahrten. Trotzdem bauen wir in den nächsten Wochen in Aachen bereits die 200. deutschlandweite Schnellladestation auf.

7. Warum ist es heute noch so kompliziert, den Ladestrom zu bezahlen? Warum geht es nicht einfach mit einer EC-Karte?
Das frage ich mich auch! Bei uns kann man mit der EC Karte Strom tanken. Voraussetzung hierfür ist, dass der Hersteller die Ladesäule technisch vorkonfiguriert hat. Aber für viele Kunden ist es nach wie vor sehr bequem, mit ihrer RFID Karte die Säule zu öffnen. Bei unseren rund 200.000 Ladevorgängen dieses Jahr sind dies noch immer weit über 90 %.

8. Lässt sich heute mit dem Verkauf von Strom überhaupt schon Geld verdienen?
Natürlich nicht, deshalb wird man auch grundsätzlich bei DC-Chargern keine Erträge in nennenswertem Umfang generieren können. Daher rate ich unseren Stadtwerken auch attraktivere Pakete bestehend aus PV Anlagen, Speichern und regionalem kostenlosen Tanken anzubieten. Zukünftig werden Autos tendenziell noch mehr zu Hause geladen werden. Da die Reichweite, meiner Meinung nach, bis Ende der zwanziger Jahre auf bis zu 1000 km steigen wird. Man kann davon ausgehen, dass jedes neue Fahrzeug einem Vier-Personenhaushalt im Strom-Absatz entspricht.

9. Muss dazu der Strom erst so teuer wie Benzin werden?
Hier bin ich bereit eine Wette einzugehen, dass dies nicht geschehen wird. Grund hierfür ist, dass Strom ein Massenprodukt ist, welches ohne großen Aufwand selbst produziert werden kann. Benzin dagegen wird von einem Oligopol vertrieben. Im Gegensatz zu Strom kann Benzin immer künstlich verknappt werden. Dies ist im Übrigen auch der Grund, warum sich Elektrofahrzeuge durchsetzen werden. Einzige Ausnahme hierbei bildet der Staat, er allein kann letztlich bestimmen wie viele Steuern auf den Strom kommen.

Dr. Mark Steffen Walcher
Geschäftsführer der smartlab Innovationsgesellschaft mbH

Nach dem Studium der Verwaltungswissenschaften war Dr. Mark Steffen Walcher Mitglied der internationalen Doktorandengruppe der damaligen Daimler Benz AG. Er arbeitete zugleich in der Lenkungssparte von Mercedes Benz. Von 2000 – 2004 war er Mitarbeiter im Vorstandsstab des Vorsitzenden der BVG Berliner Verkehrsbetriebe. Dort war er für innovative Produkte zuständig. Er verfügt über langjährige Berufserfahrung als Verantwortlicher diverser interdisziplinärer Veränderungsprojekte in der Energie-, Mobilitäts- und Automobilwirtschaft. Bei der Dornier Consulting GmbH war er jahrelang für die Entwicklung und Erstellung von Produktkonzepten für Elektromobilität im kommunalen, betrieblichen und Privatkundensegment verantwortlich.

Seit Januar 2013 ist er Geschäftsführer der smartlab Innovationsgesellschaft mbH. Sein Ziel ist die Vernetzung von Stadtwerken im Verbund ladenetz.de sowie weiteren wichtigen Akteuren der Elektromobilität im Board. Mittlerweile ist die smartlab mit ladenetz.de zum Marktführer im kommunalen Bereich aufgestiegen. Aktuell nutzen über 170 Stadtwerke ladenetz.de als Basis für Ihre Aktivitäten im Bereich Elektromobilität. Bei der europaweiten Datendrehscheibe e-clearing.net sind es sogar 300.000 aktive Nutzer von über 60 Unternehmen die dafür sorgen, dass europaweit jede zweite Transaktion über e-clearing.net abgewickelt wird. Er vertritt die smartlab in verschiedenen Arbeitsgruppen der Nationalen Plattform Elektromobilität und ist Vorstandsmitglied der offenen eRoaming-Plattform e-clearing.net.