„Ich bin davon überzeugt, dass wir bereits jetzt ein Tech-Unternehmen sind.“ – Interview mit Alexander Alten-Lorenz, EON


„Wir wollen die Nummer eins bei digitalen Energielösungen werden“, sagt Alexander Alten-Lorenz, Chief Architect Global Platform/Technology bei E.ON SE. Wie der Energiekonzern dieses ehrgeizige Ziel erreichen will, erklärt Technologieexperte Alten-Lorenz in folgendem Interview.

Alexander Alten-LorenzAlexander Alten-Lorenz ist Chief Architect Global Platform/Technology bei E.ON SE. In seiner Keynote auf dem Handelsblatt Energy Boot Camp, am 21.05.19 spricht er zum Thema „VOM FOLLOWER ZUM EXPERTEN: SYNERGIEN AUS (CROSS) INDUSTRIELLEN KOOPERATIONEN FÜR DIE ENERGIEWIRTSCHAFT NUTZEN“.

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Interview mit Alexander Alten-Lorenz, EON

Herr Alten-Lorenz, Sie sind Chief Global Platform Development bei E.ON. Was genau sind Ihre Aufgaben?

Gemeinsam mit meinem Team schaffe ich die erforderlichen Rahmenbedingungen für die digitale Transformation bei E.ON. Dazu sind wir in engem Kontakt mit den einzelnen Geschäftseinheiten und entwickeln Produkte und Lösungen, die jeder im Konzern nutzen kann. Wir verknüpfen Technologien miteinander, sodass bei minimalen Kosten der maximale Nutzen entsteht.
So entwickeln wir beispielsweise eine sogenannte Internet-of-Things-Plattform, die es uns ermöglicht, Daten von Verbrauchern und Erzeugern zusammenzubringen und die Energieströme im Netz in Echtzeit zu visualisieren. Damit sind wir in der Lage, auf Veränderungen im Energiemarkt agil und flexibel zu reagieren.

Auf der E.ON Homepage heißt es „Neue Energie erfordert einen neuen Ansatz“. Wie sieht dieser neue Ansatz aus?

Die Energiewelt wandelt sich – früher wurde Energie in wenigen Großkraftwerken erzeugt und über Stromautobahnen verteilt. Heute gibt es viele kleine dezentrale Energiequellen, aus denen Energie in das Netz eingespeist wird. Verbraucher werden immer häufiger zu sogenannten Prosumern, die nicht nur Energie verbrauchen, sondern auch selbst erzeugen. Das Energiesystem der Zukunft wird also dezentraler, grüner und eben auch digitaler.
Wir bei E.ON möchten als Innovationstreiber die Energiewende voranbringen – gemeinsam mit unseren Kunden. Digitale Lösungen eröffnen dabei eine völlig neue Welt der Möglichkeiten. Sie helfen uns, eine individuellere, direktere und transparentere Beziehung zu unseren Kunden aufzubauen. Wir können viel besser auf die Bedürfnisse des Kunden eingehen und ihm dabei helfen, an der Energiewende mitzuwirken. So können wir ihm zum Beispiel künftig ermöglichen, seine Erzeugungsanlage im Keller über ein virtuelles Kraftwerk ans Netz zu bringen oder seinen Energieverbrauch über einen Smart Meter selbst im Blick zu behalten – um nur wenige Beispiele für Energielösungen der „neuen Energiewelt“ zu nennen.

In welchen Geschäftsfeldern können Plattformen den größten Nutzen für die Energiebranche bringen?

Ich sehe Plattformen als verbindendes Element: Sie können verschiedene Geschäftsfelder miteinander vernetzen und so den optimalen Nutzen bringen. Beispielsweise entwickeln wir Tools für unsere Plattform, die eine Antwort auf die Frage geben soll „Wie kann man grünen Strom aus vielen kleinen dezentralen Erzeugungsanlagen in großem Maßstab so verteilen, dass Ein- und Ausspeisung möglichst ausgeglichen sind, Spannungen im Netz dadurch reduziert werden und möglichst wenig Energie verloren geht?“ Dabei geht es um das sogenannte Smart Grid, also das intelligente Verteilnetz, das sozusagen das Rückgrat der Energiewende ist. Durch den Wandel der Energiewelt entstehen aber zurzeit ganz neue Lösungen und Geschäftsfelder und dadurch auch neue Märkte. Wir wollen also ganz ausdrücklich nicht nur einzelne Geschäftsfelder abbilden, sondern verschiedene Lösungen zusammenbringen und miteinander kombinieren.

Wird der Energiekonzern E.ON zum Tech-Unternehmen?

Ich bin davon überzeugt, dass wir bereits jetzt ein Tech-Unternehmen sind – aber das ist auch eine Definitionsfrage. Ich will damit nicht sagen, dass E.ON ein Software-Konzern ist oder werden will. Aber wir bei E.ON sehen in der Digitalisierung eine große Chance. Digitalisierung ist wichtig für das Kundenerlebnis, die Prozessautomatisierung, das Re-Design bestimmter Geschäftsaktivitäten und die Entwicklung neuer Lösungen und Innovationen. Natürlich stehen wir nicht still: Wir wandeln uns zu einem Unternehmen, in dem die digitale Technik immer mehr im Mittelpunkt unseres Handelns steht. Auf den Punkt gebracht: Wir wollen die Nummer eins bei digitalen Energielösungen werden. Dazu digitalisieren wir unsere Prozesse und Abläufe, unsere Kultur- und Arbeitsweise und auch den Umgang mit Kunden – und zwar so, dass wir optimal auf die Bedürfnisse unserer Kunden eingehen können.

In welche Technologien wird E.ON neben Plattformen in den kommenden Jahren verstärkt investieren und mit welchem Ziel?

Die digitale Transformation eines Konzerns bedeutet weit mehr als die Einführung von neuen Plattformen. Insbesondere der Bereich der fortgeschrittenen Datenanalyse − basierend auf Technologien wie dem Machine-Learning und der Künstlichen Intelligenz – birgt für uns enorme Potenziale. Wir können unser Netz immer effizienter gestalten – zum Beispiel durch eine automatische Steuerung. In der Produktion können wir unsere Windparks durch ein bloßes Softwareupdate im Ertrag deutlich steigern.

Doch auch außerhalb des digitalen Umfeldes gibt es zahlreiche neue Technologien und Innovationen, die wir weiter vorantreiben möchten. Momentan haben wir alleine im deutschen Netzbereich über 140 Innovationsprojekte. Dazu gehören Lösungen wie Power to Gas, also die Kopplung von Wind- oder Solarparks mit Power-to-Gas-Anlagen zur Speicherung von grünem Strom bzw. zur Herstellung von grünem Gas. Wir möchten außerdem den Anteil von Erneuerbaren Energien am Endenergieverbrauch in den Sektoren Wärme und Verkehr erhöhen und so dazu beitragen, dass die Stromwende zur Energiewende wird. Das übergeordnete Ziel ist es, optimal auf die Bedürfnisse unserer Kunden eingehen zu können und die Energiewende in Deutschland und Europa zum Erfolg zu führen.