Jedem Ende wohnt ein Anfang inne – chemisches Recycling für eine ressourcenschonende Zukunft


Jedem Ende wohnt ein Anfang inne – chemisches Recycling für eine ressourcenschonende Zukunft

Von Philipp Junge, Leiter der LANXESS Konzerninitiative Elektromobilität und Kreislaufwirtschaft

Das Ziel einer Kreislaufwirtschaft ist verlockend: Anstatt immer weiter fossile Rohstoffe zu fördern, nutzen wir diejenigen, die bereits da sind – immer und immer wieder. Nicht umsonst steht dieses Konzept im Zentrum des Green Deal der EU-Kommission. Wenn wir die Erderwärmung aufhalten wollen, muss sich unsere Art des Wirtschaftens fundamental ändern.

Doch um aus politischem Willen gelebte Praxis zu machen, braucht es praktikable Lösungen für eine nachhaltige Zukunft. Zugegeben, einfach ist der Weg nicht. Denn Kreislaufwirtschaft ist weit mehr als Recycling – sie erstreckt sich entlang des gesamten Produktlebenszyklus: beginnend bei den Rohstoffen, über Design, Entwicklung, Produktion, Nutzung bis hin zur Aufbereitung der entstandenen Abfälle.

Materialien zerlegen und neu synthetisieren

Die chemische Industrie bietet in vielen dieser Lebensphasen praktische Lösungen. Ihre größte Wirkung wird sich aber wohl beim chemischen Recycling entfalten. Dabei werden – einfach gesprochen – Materialien in ihre grundlegenden Ausgangsstoffe zerlegt. Anschließend stehen sie dann zur erneuten Verwendung zur Verfügung. Auf der technischen Ebene sind sehr viele Fragen schon geklärt. Damit sich chemisches Recycling als Treiber einer Kreislaufwirtschaft durchsetzt, braucht es aber noch passende Geschäftsmodelle. Irgendjemand muss damit Geld verdienen können!

Auf dem Weg dahin müssen noch viele Hindernisse aus dem Weg geräumt werden. Sekundär-Rohstoffe sind aktuell oft noch teurer als Primärware. Das liegt unter anderem daran, dass Recycling teils so energieintensiv ist, dass es unter Umweltgesichtspunkten nachteilig wirkt. Das gilt insbesondere, wenn die Energie aus fossilen Quellen stammt – und das tut sie immer noch viel zu oft.

Doch es gibt auch wichtige positive Treiber. Kunden fragen immer stärker nachhaltig hergestellte Produkte nach, und diese Nachfrage wandert die Wertschöpfungskette zurück bis zu den Produzenten von Rohstoffen und Materialien. Parallel dazu steigt der Regulierungsdruck, und insbesondere in Europa werden die Anforderungen an Recycling immer strenger. Bei LANXESS haben wir deshalb – oft zusammen mit Partnern – viele Projekte zu Lösungen für die Kreislaufwirtschaft auf den Weg gebracht. Diese bündeln und koordinieren wir in einer Konzerninitiative und heben so weitere Potentiale.

Zusammenarbeit über Branchen und Wertschöpfungsstufen hinweg

Ein Beispiel ist der Polystyrene Loop. In diesem Gemeinschaftsprojekt mit Partnern aus der Chemie-, Bau- und Abfallwirtschaft wurde  eine Anlage gebaut für die komplette Aufbereitung von Polystyrol-Dämmschaumstoffen, die mit Flammschutzmitteln versetzt sind und aus Abbruchschutt kommen. Styrol und Brom sind nach der Aufbereitung durch chemisches Recycling wiederverwendbar. Im Juni ist die Anlage im niederländischen Terneuzen in Betrieb gegangen. Sie ist ein leuchtendes Beispiel dafür, was die Zusammenarbeit über Branchengrenzen hinweg schaffen kann.

Unser neuer Hochleistungs-Kunststoff Durethan Scopeblue ist ein Beispiel dafür, wie Kreislaufwirtschaft durch gemeinsame Standards entlang der Wertschöpfungskette möglich ist. Nicht nur unsere eigenen Produktionsstätten sind nach dem ISCC Plus Standard für nachhaltige Rohstoffe zertifiziert, sondern auch die unserer Zulieferer. Damit können wir unseren Kunden lückenlos nachweisen, dass Durethan Scopeblue zu über 90 Prozent aus biobasierten oder zirkulären Rohstoffe besteht – und unsere Kunden können diese Nachweiskette durch eigene Zertifizierung fortführen.

Diese Beispiele zeigen, dass chemisches Recycling der Gamechanger bei der Kreislaufwirtschaft sein kann. Jetzt sollte die Politik zügig die Weichen für eine Entwicklung in Richtung geschlossener Stoffkreisläufe stellen: Indem der Staat die Einsparungen von Treibhausgasen durch den Einsatz von Sekundärrohstoffen honoriert, für einheitliche Qualitätsstandards bei Recycling-Materialien sorgt, Geschäftsmodelle zum Angebot langlebiger Produkte stärker fördert und für genügend Grünstrom zu wettbewerbsfähigen Preisen sorgt. Es wären wichtige Schritte, damit eine ressourcenschonende Gesellschaft Realität werden kann.