Aufwind für nachhaltigen Wasserstoff


Aufwind für nachhaltigen Wasserstoff

Wie Raffinerien einen schnellen Markthochlauf und die Dekarbonisierung des Verkehrssektors unterstützen

von Wolfgang Langhoff

Die Änderung des Klimaschutzgesetzes vor der parlamentarischen Pause sendet eine deutliche  Botschaft: Die Politik drückt auf das Tempo, damit die Klimaziele tatsächlich erreicht werden. Beim Thema Wasserstoff hat die Bundesregierung bereits eine beeindruckende Geschwindigkeit an den Tag gelegt. Die im vergangenen Jahr vorgelegte Nationale Wasserstoffstrategie wurde nicht nur schnell erarbeitet, sondern liefert mit ihren 38 Maßnahmen eine relativ konkrete und überzeugende Roadmap für den dringend notwendigen Markthochlauf.

Politik und Wirtschaft sind sich hier einig: In der Industrie und im Verkehr wird Wasserstoff ein wichtiger Baustein auf dem Weg zur Klimaneutralität sein. Mit der Wasserstoffstrategie und weiteren regulatorischen Anpassungen wurde ein Grundstein dafür gelegt, dieses Potenzial zu nutzen. So ist Deutschland das erste europäische Land, das die RED2-Richtlinie zur Anerkennung der THG-Reduktion durch grünen Wasserstoff umgesetzt und zusätzlich eine Power-to-Liquids-Quote für Kerosin eingeführt hat.

Raffinerien sorgen für Nachfrage und Investitionen
Diese Spitzenposition sollte auch in der nächsten Etappe gemeinsamer Anspruch bleiben. Denn nur mit grünem und auch blauem Wasserstoff wird es uns gelingen, industrielle Prozesse, in denen zwangsläufig CO2-Emissionen anfallen, klimaneutral zu gestalten. Ein entscheidender Taktgeber auf diesem Weg sind unsere Raffinerien, in denen Kraftstoffe für Pkw, Lkw und Flugzeuge sowie petrochemische Vorprodukte für die chemische Industrie produziert werden. Hier kommen heute bereits 40 bis 45 Prozent des gesamten Wasserstoffs in Deutschland zum Einsatz. Für den Markthochlauf zu grünem Wasserstoff spielen sie deshalb eine wichtige Rolle. Denn für eine positive Investitionsentscheidung bei großindustriellen Elektrolysekapazitäten wird eine wirtschaftlich gesicherte Abnahme vorausgesetzt. Dass Raffinerien als Ankerkunden fungieren und den Infrastrukturausbau befördern können, beweist das Projekt GetH2Nukleus. Gemeinsam mit sechs Partnern planen wir eine 300 MW Elektrolysekapazität südlich von Lingen sowie eine Transportinfrastruktur für grünen Wasserstoff bis zur bp Raffinerie in Gelsenkirchen. Denn auch für uns als Unternehmen ist und bleibt Wasserstoff ein wichtiger Baustein auf dem Weg zu unserem Ziel, bis 2050 oder früher klimaneutral zu sein.

Schneller zur Verkehrswende
Positive Effekte folgen dann auch im Verkehrssektor. Mit synthetischem Kerosin aus grünem Wasserstoff wird CO2-neutrales Fliegen vom Wunschgedanken zur Realität. Auch auf der Straße könnte eine Umstellung von grauem  zu nachhaltigem Wasserstoff in der Kraftstoffproduktion viel bewirken. Denn 2030 werden etwa 35 bis 40 Millionen Pkw mit Verbrennungsmotor in der Bundesrepublik unterwegs sein. Eine Dekarbonisierung des Verkehrssektors gelingt bis dahin also nur mit einer Dekarbonisierung der Kraftstoffe. Um diese Chancen zu nutzen, planen wir in Lingen gemeinsam mit Ørsted zusätzlich zum GetH2Nukleus Projekt eine eigene 60 Megawatt Elektrolyse – mit einer perspektivischen Ausweitung auf 500 Megawatt vor 2030.

Erfolg entscheidet sich auf der Langstrecke
Das Potenzial für die Dekarbonisierung des Verkehrs und zur Transformation hin zu einer nachhaltigen industriellen Produktion ist damit enorm. Regulatorisch und auch von Seiten der Wirtschaft wurde bereits viel angestoßen, um es zu nutzen. Doch der Aufbau der Wasserstoffwirtschaft ist eine Langstrecke. Der Infrastrukturausbau, die Weiterentwicklung der Wasserstofftechnologien, der Aufbau ausreichender Elektrolysekapazitäten und eine Importstrategie liegen noch vor uns.

Deshalb gilt es jetzt, den „Wasserstoff-Zug“ weiterhin in hohem Tempo auf Kurs zu halten. Die nächsten Weichenstellungen dazu wurden im Klimapaket der Bundesregierung bereits  getroffen. Doch es gilt auch – etwa bei der EEG-Umlage-Begrenzung für Joint Ventures – das ein oder andere Hindernis vom Gleis zu räumen. Wir brauchen Rahmenbedingungen, die Investitionen weiter vorantreiben und nicht hemmen. Die bisherige Dynamik stimmt positiv: Wir hatten einen guten Start und wenn Politik und Wirtschaft weiter an einem Strang ziehen, werden wir den Rest der Strecke gemeinsame erfolgreich meistern und so auch den ambitionierten deutschen Klimazielen einen entscheidenden Schritt näherkommen.

In der Industrie und im Verkehr wird Wasserstoff ein wichtiger Baustein auf dem Weg zur Klimaneutralität sein.

langhoffWolfgang Langhoff
Vorstandsvorsitzender
BP Europa SE

bp

www.bp.com

Dieser Artikel ist im aktuellen Handelsblatt Journal „Energiewirtschaft“ erschienen.

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