Die neue Virtualität der Realität

Dieser Beitrag wurde am von in Allgemein, News veröffentlicht. Schlagworte: .


Die neue Virtualität der Realität

von Thomas Haldenwang

Große Krisen haben die Welt in den vergangenen 20 Jahren erschüttert und verändert: Die Terroranschläge vom 11. September 2001, die Finanzkrise von 2008 oder die aktuelle Covid-19-Pandemie. Sie schärfen schlagartig das Bewusstsein für den resilienten Staat, der Leib und Leben seiner Bürger vor Katastrohen, Krieg oder Terrorismus schützt und die Infrastruktur,  Gesundheit und öffentliche Güter sichert. Gegenwärtig ist die Bereitstellung eines scheinbar billigen Ein-Euro-Produkts – die Mund-Nase-Schutzmaske – das sichtbare Symbol für Prävention, Sicherheit und staatliche Fürsorge.

Generationenaufgabe Cybersicherheit
Anders verhält es sich in Fragen der Cybersicherheit und der digitalen Souveränität unseres Landes: Sie sind keine Ein-Euro-Produkte, sondern eine kostenintensive Generationenaufgabe. Die Digitalisierung ist keine Krise, die über uns hereinbricht, sondern eine technologische Erfolgsgeschichte, die seit Jahrzehnten und mit steigender Intensität unsere Lebenswirklichkeit transformiert. Die omnipräsenten Cybertechnologien prägen unser Alltagsverhalten, unsere Meinungsbildung, unseren Wohlstand und Fortschritt. Dies macht sie zwangsläufig zu maßgeblichen Faktoren der Sicherheitslage.

Ihre große Relevanz im Arbeitsalltag von Sicherheitsbehörden resultiert aus dem „Dual-Use-Charakter“ digitaler Technologie: Es werden enorme Fähigkeiten und Möglichkeiten freigesetzt, die in den Händen von Extremisten, Terroristen und fremden Geheimdiensten zu Waffen und Werkzeugen der Spionage, Sabotage, Einflussnahme oder Propaganda verkommen können. Zugleich entstehen durch Algorithmen, personalisierte Suchergebnisse und soziale Medienportale isolierte Informationsräume, die gesellschaftlicher Fragmentierung und Polarisierung Vorschub leisten. In diesem Fahrwasser steigen immer mehr Individuen, Gruppen, Unternehmen und Staaten zu potenten Akteuren mit weitreichenden Mitteln, Medien und Mobilisierungspotenzialen auf.

Gerade destruktive Kräfte profitieren von den Entgrenzungseffekten der Digitalisierung, nutzen deren asymmetrischen Möglichkeiten und verfolgen mit Hilfe von Cybertechnologien unlautere Ziele.

Im Fokus des Bundesamtes für Verfassungsschutz
Infolgedessen stellt die Cyberabwehr des Bundesamtes für Verfassungsschutz weiterhin eine  hohe Zahl von Cyberangriffskampagnen fest, wobei neben der Quantität auch die zunehmende Qualität der Angriffe alarmierend ist. Angreifende Cybergruppierungen bringen mitunter hochkomplexe Schadsoftware zum Einsatz und attackieren auf breiter Basis deutsche Behörden und Wirtschaftsunternehmen – mit den bekannten Gefahren und Kosten für Regierung und Verwaltung, Wirtschaft und Forschung.

Im Angesicht der Covid-19-Pandemie sind naturgemäß der Forschungssektor und Pharmamarkt gefährdete Spionageziele. Auch wenn wir noch keinen Angriff auf ein deutsches Pharmaunternehmen bestätigen können, nahmen wir dennoch technische Vorbereitungshandlungen wahr, sodass wir entsprechende deutsche Einrichtungen und Firmen mit Warnhinweisen unterrichteten und fortlaufend über geeignete Kanäle sensibilisieren.

Daneben wissen wir, dass nach wie vor auch einzelne Komponenten wie Router und deutsche Betreiber von Kritischen Infrastrukturen im Aufklärungsfokus liegen. Damit ist die Gefahr von Sabotage weiterhin virulent – und deren Abwehr ein hoch priorisierter Schwerpunkt unserer Arbeit. Auch wenn bislang keine schwerwiegenden Fälle von Cybersabotage in Deutschland identifiziert wurden und sich Attacken aus extremistischen und terroristischen Phänomenbereichen bisher auf geringwertige DDoS (Distributed Denial of Service)-Angriffe oder die propagandistische Manipulation von Internetseiten beschränkten, existiert auch hier mit dem Aufwuchs an technischen Mitteln und Know-how eine abstrakte Bedrohung.

Jenseits möglicher Szenarien von Cyberterrorismus ist durch die enorme Wirkung digitaler Technologie auf unsere Gesellschaft der heutige Extremismus und Terrorismus bereits spürbar im Wandel begriffen. Indoktrinierung und Mobilisierung sind in den virtuellen Resonanzräumen verschlüsselter Messaging-Dienste, wo diffuse Verschwörungstheorien und diffamierender Hass große Schallwellen produzieren und mitunter ein blutiges Echo finden, besonders erfolgversprechend.

So ist der rechtsextremistische Anschlag auf eine Synagoge in Halle im Oktober 2019 ein bedrückendes Beispiel für extremistische Radikalisierung und terroristische Inszenierung im Digitalzeitalter. Der Attentäter lud vor dem Anschlag menschenverachtende Schriftsätze auf ein Imageboard, übertrug das Tatgeschehen aus einer Ego-Shooter-Perspektive ins Internet und kommentierte den Livestream im Stile der Gaming-Szene. Er steht damit paradigmatisch für einen Tätertypus, der durch virtuellen Eskapismus realweltliche Ohnmacht bewältigt, in hasserfüllten Parallelwelten Bestätigung sucht und vor einem globalen Online-Publikum einen Anschlag mit möglichst vielen Opfern begeht, um Nachahmer zu inspirieren.

Unsere Aufstellung für die neue Virtualität der Realität
Im Jahre 2020 ist damit die Unterscheidung von virtuellem und realweltlichem Raum für Sicherheitsbehörden zunehmend obsolet. Alle Indikatoren und Trends sprechen für eine fortschreitende Dynamik der Digitalisierung – und für eine steigende Vulnerabilität unserer Demokratie. Das Bundesamt für Verfassungsschutz reagiert seit Jahren umfassend, tiefgreifend und mit großem Einsatz. Wir haben die operative Internetbeschaffung enorm ausgeweitet. Unsere virtuellen Agenten agieren auf einschlägigen Plattformen, um Radikalisierungsprozesse zu erkennen, Netzwerke nachzuzeichnen und potentielle gewaltorientierte Täter frühzeitig zu identifizieren. Unsere Cyberabwehr festigt mit ihren Erkenntnissen zu Tools, Techniken und Modi Operandi von Cyberangriffen ihre wichtige Rolle innerhalb der deutschen  Cybersicherheitsarchitektur. Mehrfach konnten wir gefährdeten Unternehmen oder Institutionen Ersthinweise auf eine Infektion geben, sodass die Betroffenen geeignete Gegenmaßnahmen einleiten konnten. Zuletzt warnten wir mit eigens erstellten technischen Indikatoren deutsche Wirtschaftsunternehmen vor der Schadsoftware „GoldenSpy“, durch die Dritte Zugriff auf die Netzwerke der betroffenen Unternehmen erlangen.

Um im täglichen Einsatz für die Sicherheit unseres Landes erfolgreich sein zu können, richten wir unser Augenmerk auch auf die notwendigen evolutiven Prozesse innerhalb der Behörde. Unser Anspruch ist ein Nachrichtendienst mit innovativer Technikkultur und flexibler Organisationsstruktur – entsprechend der operativen Bedarfe. Wir beobachten den Markt und entwickeln eigenständig Produkte, um bei der Analyse von Massendaten spürbare Erfolge generieren zu können. Unsere Neuausrichtung von IT und Technik fokussiert die Bereiche Big Data, Künstliche Intelligenz und Data Science. Wir werben offensiv um qualifiziertes Personal – und um angemessene rechtliche Befugnisse.

An dieser Stelle ist die überholte Unterscheidung von virtuellem und realweltlichem Raum noch nicht ausreichend aufgehoben. Hier hinken wir der neuen Lebenswirklichkeit oftmals hinterher. Das Bundesamt für Verfassungsschutz stellt sich mit seinen Maßnahmen der neuen Realität unserer Sicherheitslage. Denn im 21. Jahrhundert kann die Demokratie nur wehrhaft bleiben, wenn sie auch im Cyberraum souverän ist.

Im Jahre 2020 ist die Unterscheidung von virtuellem und realweltlichem Raum für Sicherheitsbehörden zunehmend obsolet.

Thomas HaldenwangThomas Haldenwang
Präsident
Bundesamt für Verfassungsschutz

Das aktuelle Handelsblatt Journal

Mehr erfahren