Product Stewardship – Bremser oder Motor?


Product-Stewardship-Programme verfolgen ein anspruchsvolles Ziel: die Einflüsse von Chemikalien auf Gesundheit, Sicherheit und Umwelt zu kontrollieren, wenn nötig auch zu minimieren. Noch sehen einige Unternehmen in der Arbeit der Stewards nur einen Kostenfaktor, der das Vorankommen ihres Unternehmens hemmt. Aber welche Vorteile bietet die kompetente Überwachung des Lebenszyklus und die Einbindung in die Kreislaufwirtschaft konkret?

Gesetzgeber, Nichtregierungsorganisationen und die breite Öffentlichkeit nehmen die chemische Industrie verstärkt ins Visier. Sie fordern Transparenz, Nachhaltigkeit und eine sichere Verwendung von Chemikalien. Vor diesem Hintergrund steigen auch die Zahl und die Komplexität der Vorschriften seit Jahren stetig an.

Konsequenterweise hat sich somit die Menge an Aufgaben im Bereich Regulatory Affairs und ganzheitlicher Produktverantwortung, auch als Product Stewardship bezeichnet, in den letzten Jahren erheblich erweitert.

Viel mehr als nur Compliance mit Produktvorschriften

Product Stewardship ist heute nicht nur eine taktische reaktive Aufgabe, sondern von strategischen Überlegungen geprägt. Es geht nicht mehr nur um Compliance- und Sicherheitsfragen von bereits auf den Markt gebrachten Produkten. Vielmehr ist es essentiell, die Produkte von morgen nicht nur effizient zu entwickeln, sondern auch sicherzustellen, dass diese nachhaltig auf den globalen Märkten vertrieben werden können. Damit wird die effektive Steuerung von Aspekten der Gesundheits- und Umweltsicherheit sowie Nachhaltigkeit zum Wettbewerbsvorteil. Der Mehrwert entsteht dabei aus einer Betrachtung der gesamten Produktlebensdauer von der Entwicklung bis zur Entsorgung. Für die Umsetzung aller Product Stewardship-bezogenen Prozesse innerhalb eines Lebenszyklus ist es dabei mittlerweile auch Standard, höchstmögliche Transparenz und Nachhaltigkeit zu demonstrieren.

Frühe Weichenstellung im Innovationsprozess

Die große Chance: Liegen den Innovatoren eines Unternehmens die jeweils aktuellsten Informationen zur Produktsicherheit und die neuesten regulatorischen Vorschriften vor, können sie bessere Lösungen für ihre Kunden entwickeln. Mit ihrem Wissen unterstützen Product Stewards sie dabei, bessere Formeln für eine sichere Verwendung von Chemikalien zu finden.

Bei besonders besorgniserregenden Stoffen zum Beispiel können Produktverantwortliche helfen, diese zu identifizieren, zu vermeiden und eventuell zu ersetzen. Themen wie Mikroplastik, Nanopartikel und Kreislaufwirtschaft erfordern nicht nur kurzfristiges Denken, sondern auch langfristige Strategien. Die Auswertung neuer regulatorischer Gesetze und Ausrichtungen beschleunigt die termingerechte Markteinführung. Mehr noch: Wenn Produktverantwortliche früh in den Innovationsprozess eingebunden sind, können sie auf eine bessere Lösung mit geeigneteren Inhaltsstoffen hinwirken, für längere Laufzeiten und eine höhere Wirtschaftlichkeit. Nicht selten entstehen aus diesen Diskussionen heraus neue Ideen und innovative Lösungen.

Information ist der Schlüssel

Der zeitnahe Zugang zu aktuellen Informationen ist ein entscheidender Faktor. So werden unter anderem Informationen über alte und neue Regularien, einschließlich deren Widersprüchlichkeiten und Anwendungsbereichen benötigt. Viele Mitarbeiter im Bereich Product Stewardship und Zulassung sind ausgesprochene Koryphäen auf ihrem Gebiet. Leider wird dieses Wissen nur selten benutzt, um Produktinnovation und Nachhaltigkeit  voranzutreiben.

Werden Informationen beginnend bei der Entwicklung nicht zeitnah mit anderen Experten geteilt, ist nur noch Reaktion möglich und proaktives Handeln praktisch ausgeschlossen. Operative Hektik und überlastete Mitarbeiter statt konstruktiver Zusammenarbeit sind die Folge. Jedenfalls sollte die Suche nach E-Mails, Excel- und Word-Dokumenten im Intranet endgültig der Vergangenheit angehören.

So stellt sich die Frage, wie die Industrie sinnvolle Lösungen zu einer funktionierenden Kreislaufwirtschaft einbringen kann, ohne vorher die Vernetzung der wichtigsten Experten auf allen Ebenen und Bereichen zu realisieren.

Motor der Transformation

Produktverantwortung sollte nie von isolierten Experten abhängen. Digitale Lösungen helfen nicht nur Experten, sondern ganze Systeme und Prozesse zu vernetzen. Es mutet wundersam an, dass die breite Öffentlichkeit bereits täglich mit modernen digitalen Lösungen umgeht, während die Industrie hier Jahre zurückliegt.

Themen wie Nachhaltigkeit und Transparenz gehören mittlerweile zu den Top Themen der chemischen Industrie und warten darauf, konkret umgesetzt zu werden. Product Stewardship kann gerade in der Produktentwicklung als zusätzlicher Motor  dienen. Wer bei neuen Vorschriften, der öffentlichen Meinung und der Kreislaufwirtschaft nicht nur reagiert, sondern Änderungen frühzeitig in Produkte und Prozesse einfließen lässt, kann letztendlich erhebliche Wettbewerbsvorteile erzielen.

 

Autor: Shawn Steuer, Director Strategy Regulatory bei Veeva.

Während der Handelsblatt Tagung Chemie 2020 diskutieren Brancheninsider am Mittwoch, den 25.03.2020, um 10:30 Uhr über das Thema “Mit Nachhaltigkeit und Transparenz an der Schwelle zum nächsten Level der digitalen Transformation”. Die Leitung und Moderation der Round-Table- Diskussion hat Shawn Steuer, Director Strategy Regulatory bei Veeva. Weitere Beiträge zum Informationsmanagement in der Chemie- und Konsumgüterindustrie finden Sie auf dem englischsprachigen Veeva Blog.