Interview: In Elektroantrieben steckt deutlich mehr Chemie als in Verbrennern


Interview: In Elektroantrieben steckt deutlich mehr Chemie als in Verbrennern

E-Mobilität und Kreislaufwirtschaft sind entscheidende Hebel, um die Welt klimaneutral zu machen. Der Spezialchemie-Konzern LANXESS hat eine Konzern-Initiative gestartet, die beide Themen miteinander vereint. Im Interview erklärt Philipp Junge, Leiter der neuen Strategie-Einheit, wie dabei Nachhaltigkeit auf unternehmerische Chancen trifft.

E-Mobilität und Kreislaufwirtschaft sind beides wichtige Zukunftsthemen. Aber wie hängen sie zusammen?

Die Corona-Pandemie hat in den vergangenen Monaten viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen und dabei ein bisschen verdeckt, dass der Klimawandel langfristig die größte Bedrohung für die Menschheit ist. Das bedeutet unter anderem, dass Autos zukünftig mit regenerativem Strom und nicht mit Benzin fahren sollten. Und wir müssen dafür sorgen, dass Produkte aus fossilen Rohstoffen nach dem Ende ihrer Nutzung nicht einfach weggeworfen oder verbrannt, sondern vollständig recycelt werden. Beide Aufgaben sind komplex, aber wir haben die Ressourcen und Kompetenzen, dafür Lösungen zu entwickeln.

Wie viel Chemie steckt in Elektroantrieben?

Deutlich mehr als in Verbrennern. Die Kosten für eine Batteriezelle entfallen zu zwei Dritteln auf Chemikalien, für Elektrolyte, Kathoden, Anoden und so weiter. Es braucht zudem spezielle Wärmetransportflüssigkeiten um die Batterie zu kühlen, und Flammschutzmittel, falls sie doch mal zu heiß werden sollte. Und die Kunststoffe für das Batterie-Gehäuse und den Antriebsstrang, die kommen auch aus der Chemie.

LANXESS produziert demnächst Elektrolyt-Formulierungen für Batterien. Welches Potential steckt dahinter?

Unsere Kooperation mit dem chinesischen Unternehmen Guangzhou Tinci Materials Technology ist der Einstieg in ein lukratives Geschäft. Allein für Europa erwarten wir bis 2025 ein Marktvolumen von 10 Milliarden Euro für Batteriematerialien. Derzeit wird eine Batteriezellfertigung nach der anderen angekündigt, dafür braucht es auch die entsprechenden Vorprodukte und Rohstoffe. Bei zwei zentralen Rohstoffen für das häufig eingesetzte Leitsatz Lithiumhexafluorophosphat, nämlich Flusssäure und Phosphor-Chemikalien, sind wir einer der führenden Hersteller in Europa. In den USA arbeiten wir zudem an der kommerziellen Gewinnung von batteriefähigem, „grünen“ Lithium. Darüber hinaus haben wir bereits heute Lösungen für aktuelle Herausforderungen der Lithiumionenbatterie im Produktportfolio: Unsere Vorprodukte für die LFP-Batterietechnologie, Flammschutzmittel oder Wärmetransportflüssigkeiten tragen dazu bei, dass Reichweite, Ladegeschwindigkeit, Sicherheit und Nachhaltigkeit von Batterien immer besser werden.

Nicht nur bei Batterien stellt sich die Frage: wie verhindern wir, dass Produkte und die darin enthaltenen wertvollen Rohstoffe nach ihrer Nutzung verbrannt oder deponiert werden?

Die chemische Industrie zeigt ihre Innovationskraft immer wieder aufs Neue, indem sie Materialien entwickelt, die lange bestehende Probleme lösen. Aber je komplexer die Zusammensetzung dieser Materialien wird, desto schwieriger wird ihr Recycling. Aus altem PET neues PET zu machen, das geht. Aber – nur als Beispiel – aus einer alten mit Additiven versetzten Wärmedämmplatte eine neue Wärmedämmplatte zu machen, das ist schon deutlich schwieriger. Das muss aber das Ziel sein. Und wir sind überzeugt, dass chemisches Recycling in vielen Fällen dafür der vielversprechendste Ansatz ist. Das heißt: Materialien werden in ihre chemischen Grundstoffe zerlegt. Wir arbeiten derzeit an verschiedenen Projekten, das möglich zu machen.

Von einer Chemikalie von LANXESS bis zum Endprodukt ist es noch ein weiter Weg entlang der Wertschöpfungskette. Wie wollen Sie Ihre Stoffe diesen weiten Weg wieder zurückholen?

Das wird nur begrenzt möglich sein. Deshalb ist es umso wichtiger, über Industriegrenzen und Wertschöpfungsstufen hinweg neue Formen der Zusammenarbeit zu etablieren. Dabei ergeben sich ganz neue Geschäftsmodelle. Aber auch bei der Materialentwicklung ist noch viel Spielraum drin. Wir können noch viel mehr als bisher Biomasse, recycelte Materialien und Reststoffe einsetzen, anstatt auf fossile Rohstoffe zurückzugreifen.

Wieso sollten Kunden Produkte aus recycelten Materialien kaufen, wenn sie stattdessen brandneue bekommen könnten?

Die Endkunden fordern mehr und mehr nachhaltige Lösungen. Und dieser Druck wird entlang der Wertschöpfungskette immer weitergereicht, bis er bei uns in der Chemiebranche ankommt. Gleichzeitig verschärfen die Gesetzgeber weltweit ihre Regulierungen um dem Müll-Problem Herr zu werden. Es ist keine Frage, ob die Kreislaufwirtschaft kommt, sondern nur, wie sie aussehen wird. Hier wollen wir mitgestalten und sie als Chance begreifen: Chance einerseits nachhaltig der Umwelt zu helfen aber auch Chance andererseits für alle unsere Stakeholder neue Werte zu schaffen.