Dr.-Ing. Frank Jenner über die digitale Transformation in der chemischen Industrie.


Dr. Frank Jenner

Wie verändert die digitale Transformation die Betriebsabläufe in der Chemischen Industrie? Welche Möglichkeiten eröffnen neue Technologien den Unternehmen in dieser Branche?

Ich denke, wir müssen zuerst den Begriff der digitalen Transformation diskutieren. Im Hinblick auf die Digitalisierung der Betriebe der chemischen Industrie, konzentrierten sich diese Bemühungen weitgehend auf die Produktion, die Instandhaltung der Anlagen und die Lieferkette etc. um eine Steigerung der Effizienz und Produktivität zu erzielen. Die Digitalisierung findet heute in zwei Dritteln der Process Reengineering-Aktivitäten statt. Aber eine digitale Transformation ist etwas völlig anders: sie wird im gesamten Unternehmen stattfinden. Ein Beispiel dafür ist die Einführung neuer oder auch angepasster Geschäftsmodelle, für neue oder modifizierte Umsatzströme, die dem Unternehmen über Plattformen und aus Ökosystemen zufließen.

Was sind die Vorteile für Chemieunternehmen, die aktiv einen digitalen Transformationsprozess verfolgen? Und wo liegen andererseits die größten Risiken?

Auf jeden Fall überwiegen die Effizienzgewinne – diese sind auch am sichtbarsten. Neue Technologien ermöglichen Produktionsverbesserungen und eine effizientere Wartung. Beispielsweise durch Drohnen, die über Anlagen Inspektionsrunden fliegen oder die Verwendung der Augmented-Reality-Brille HoloLens bei Wartungs- und Reparaturarbeiten. Dies ist jedoch nicht mit einer Transformation des gesamten Unternehmens gleichzusetzen, sondern nur ein Teil davon. Ein potentielles Risiko, das bedacht werden sollte, stellt eine eventuell unzureichende Wertschätzung und Berücksichtigung der herkömmlichen Produkte und Vertriebswege während des Transformationsprozesses dar.

Angesichts der Komplexität der digitalen Welt: Welche praktischen Strategien können Unternehmen anwenden, um die Planung und Umsetzung der digitalen Transformation in ihrem gesamten Unternehmen zu unterstützen?

Eine digitale Transformation ist ein ganzheitlicher Ansatz zur Modifikation des aktuellen Geschäftsmodells. Digitale Technologien verändern die Unternehmensstrukturen und -prozesse von Grund auf. Zusammen mit neuen Plattformen und Ökosystemen ermöglichen sie einem Unternehmen, sich völlig neu aufzustellen. Derzeit sehen wir eine Vielzahl von Transformationsansätzen, die zunächst in einem überschaubaren Umfeld ausgearbeitet und erprobt werden können. Meiner Ansicht nach ist dies eine sinnvolle Vorgehensweise: erst Erfahrungen sammeln und dann auf dieser Grundlage entscheiden, was für alle Beteiligten am besten funktioniert. Beispielsweise erproben wir derzeit, bei einem Unternehmen, ein umfassendes agrochemisches Geschäftsmodell in Afrika.

Könnten Sie Beispiele für digitale Projekte nennen, die den Betrieb der chemischen Industrie erheblich verändert haben? Welche Lehren können Unternehmen aus der Umsetzung digitaler Strategien ziehen, um Veränderungen herbeizuführen?

In den letzten vier Jahren haben Chemieunternehmen begonnen, ihre digitalen Strategien zu entwickeln, indem sie ihre Wertschöpfungsketten und Funktionen durchleuchtet und viele intelligente Ideen entwickelt haben. Darunter auch interessante Pilotprojekte, die das Potenzial der Zukunft aufzeigen. Dies war ein allmählicher Prozess. Probleme kamen jedoch auf, als sie begannen, alle diese Pilotprojekte in ihre bestehende IT-Landschaft und Prozessinfrastruktur zu integrieren. Die Überwindung dieser Fallen erfordert ein Umdenken in der Geschäfts- und IT-Infrastruktur der nächsten Generation. Insgesamt fehlen derzeit die Geschäftsprozessarchitektur und die digital aktivierte Backbone-Infrastruktur. Dies verlangsamt den Innovationsprozess. Wir müssen zuerst die Grundlage schaffen, um alle diese Übergangsprojekte miteinander zu verbinden, zu vernetzen, zu verwalten und zu steuern. Erst dann können wir uns an der vertikalen und horizontalen Echtzeitintegration entlang der gesamten Wertschöpfungskette versuchen – intern, über alle Unternehmensbereiche und Teilbereiche hinweg und extern, bei Lieferanten und, noch kritischer, bei den Kunden. Aber die Digitalisierung und Anwendung neuer technologischer Features (wie 3D-Druck, Virtual und Augmented Reality, RoboticProcessAutomation, Machine Learning und – in naher Zukunft – künstliche Intelligenz) sind ein anspruchsvolles Unterfangen. Unternehmen können Effizienzvorteile erzielen, indem sie Arbeitsabläufe in Produktion und Logistik modernisieren – zum Beispiel durch autonomes Fahren zwischen Produktionsanlagen und Lägern – und in den Backend-Funktionen, durch prädiktive Datenanalyse und Data Sciences.

Müssen Unternehmen bei der digitalen Transformation bestimmte rechtliche oder regulatorische Gesichtspunkte bedenken? Besteht beispielsweise die Möglichkeit, die Compliance zu verbessern?

Durch die Digitalisierung lässt sich die Transparenz entlang der Lieferkette eines Chemieunternehmens steigern – beispielsweise bei Nebenprodukten, Zwischenprodukten über die gesamte Wertschöpfungskette hinweg. Mit der Blockchain Technologie und dem Internet der Dinge können Materialien leichter identifiziert und ihre Verwendung einfacher überprüft werden. Beispiele sind Herkunftsbescheinigungen und „Green Credits“ für Endprodukte, für deren Herstellung in den nachgelagerten Prozessen umweltfreundliche Rohstoffe verwendet wurden. Aus Compliance-Sicht müssen Unternehmen sicherstellen, dass das neue Geschäftsmodell nicht gegen die geltenden Vorschriften zum Gesundheitsschutz, zur Arbeitssicherheit und zum Umweltschutz und insbesondere nicht gegen die Europäische Chemikalienverordnung zur Registrierung, Bewertung, Zulassung und Beschränkung chemischer Stoffe (REACH) verstößt. Zugleich ermöglicht die Digitalisierung gründlichere und effizientere Kontrollmaßnahmen.

Welchen abschließenden Ratschlag würden Sie Chemieunternehmen mit auf den Weg geben, damit sie ihren digitalen Transformationsprozess erfolgreich zu Ende führen können?

Damit der digitale Transformationsprozess eines Chemieunternehmens erfolgreich sein kann, muss er von der Unternehmensleitung vorangetrieben werden –und deren Vorsitzender muss an der Spitze stehen. Auf keinen Fall darf diese Aufgabe an andere Personen, wie den Chief Digital Officer oder die IT-Abteilung, delegiert werden.

Wie sehen Sie die Auswirkungen der digitalen Transformation auf die Chemieindustrie in den kommenden Jahren? Gibt es bestimmte Trends und Entwicklungen, die Sie in diesem Bereich erwarten?

Die Veränderungen zeichnen sich bereits deutlich ab. Die Wertschöpfungsketten von Chemieunternehmen müssen sowohl in horizontaler als auch in vertikaler Richtung von Grund auf umgestaltet werden, damit sie erfolgreich in die Unternehmensplattformen und die Plattformen der Ökosysteme integriert werden können. Hinsichtlich der Entwicklung der chemischen Industrie innerhalb des nächsten Jahrzehnts erwarten wir, dass sich drei Ebenen der Marktintegration und Interaktion herausbilden. In der Fundamentschicht werden Basischemikalien über Plattformen an den Markt geliefert, wobei die Plattformen Nachfrage und Angebot auf globaler Ebene kontrollieren. Diese Plattformen gehören zu verschiedenen Geschäftsschichten eines Ökosystems und verbinden jeweils verschiedene Geschäftspartner. So lassen sich die Anforderungen des Endkunden- sowie des B2B-Geschäfts durch eine völlig neuartige Form der Interaktion und Integration von Geschäftspartnern erfüllen.

Dr.-Ing. Frank Jenner, Managing Partner, Global Chemical Industry Leader, EY