Carve-out im Chemiesektor


Dr. Urszula Nartowska, LL.M.

Dr. Urszula Nartowska

Die M&A-Aktivität im Chemiesektor ist trotz der Covid-19-Pandemie nach wie vor relativ hoch. Es wird auch erwartet, dass die Pandemie verstärkt zur Überprüfung der bestehenden Geschäftsbereiche und Carve-outs führen wird. Im Fall eines Carve-out im Chemiesektor und insbesondere eines Asset Deals im Chemiepark stellen sich zahlreiche Trennungsfragen, die zum Teil erhebliche Kostenfolgen haben und in der Verhandlung und im Kaufvertrag adressiert werden sollten.

Verkäufer sollte vorbereitend bestehende Schnittstellen sorgfältig prüfen

Findet die Transaktion unter Zeitdruck statt oder wird jedenfalls keine klassische Verkäufer-Due Diligence durchgeführt, läuft insbesondere der Verkäufer das Risiko, in den Verhandlungen mit nicht bedachten Kostenfolgen des Carve-outs überrascht zu werden. Deshalb sollte der Verkäufer zur Vorbereitung der Transaktion gemeinsam mit externen Beratern eine sorgfältige Analyse der bestehenden Schnittstellen durchführen, idealerweise und vorbehaltlich ggfs. übergeordneter Vertraulichkeitsaspekte unter Einbeziehung der Geschäftsführung des zu verkaufenden Geschäftsbereichs bzw. des Managements der zu verkaufenden Anlagen. Dabei sollten konkrete Lösungsvorschläge erarbeitet werden.

Schnittstellen sind vielfältig und kostspielig

Die Bandbreite der möglichen relevanten Schnittstellen ist groß. Als nur ausgewählte Beispiele seien genannt:

Grundstücke und grundstücksgleiche Rechte: Sind nicht alle auf einem Grundstück oder Erbbaurecht befindlichen Anlagen Teil der Transaktion, stellt sich die Frage nach geeigneten Dienstbarkeiten und wechselseitigen Zugangsrechten.

Umwelthaftung: Ein künftiges Nebeneinander der Anlagen bedingt die Frage nach künftiger Abgrenzung einer möglichen Umwelthaftung zwischen Verkäufer und Käufer.

Verträge: Geprüft werden sollte nicht nur die Frage einer Übertragbarkeit (Asset Deal) oder Kündbarkeit (Share Deal), die mitunter auch eine längere Fortsetzung des Vertrags durch den Verkäufer auf Rechnung des Käufers erfordern kann, sondern auch die Frage einer möglichen Vertragsteilung und Anpassung der kommerziellen Konditionen. Steht eine Konditionenanpassung im Raum, hat dies ggfs. Einfluss auf den Kaufpreis. Regelmäßig müssen auch Term Sheets für die Belieferung mit Energie, Medien und Dienstleistungen in einem Chemiepark für den Käufer neu verhandelt werden.

Leitungen: Unter Umständen werden für das Geschäft benötigte Pipelines in separaten Joint Venture-Gesellschaften gehalten. Der Gesellschaftsvertrag entscheidet dann über die Möglichkeit des Beitritts des Käufers als neuer Gesellschafter.

Genehmigungen, REACH: Die Übertragbarkeit von Genehmigungen und künftige Handhabung von eventuell von beiden Parteien benötigten REACH-Registrierungen sind zu klären.

Anlagen: Die Transaktion kann auch die Notwendigkeit bedingen, Anlagen zu verändern, Steuerungseinheiten oder Stromkreise abzutrennen etc. Damit sind regulatorische Fragen z.B. der Energieversorgung betroffen, mit zum Teil erheblichen Kostenfolgen.

Transitional Services: Carve-outs im Chemiesektor gehen oft mit Transitional Services oder aber auch längerfristigen Manufacturing- oder Lieferverträgen zwischen Verkäufer und Käufer einher.

Auch kommerziell stellen sich Fragen mit erheblicher Auswirkung auf den Kaufpreis, z.B. die richtige Definition und Abgrenzung des Umlaufvermögens oder des Capex-Bedarfs.

Fazit

Ein Carve-out im Chemiesektor erfordert oft Liebe zum Detail. Eine unsaubere Definition von Schnittstellen (oder deren Übersehen) kann zu Streitigkeiten zwischen Verkäufer und Käufer bereits zwischen Signing und Closing oder jedenfalls zu Überraschungen nach dem Closing führen. Zu empfehlen ist daher eine sorgfältige vorbereitende Analyse und Zusammenarbeit zwischen dem internen Team und den externen Beratern.