Interview mit Frank Jenner, EY Global Chemical Industry Leader über die „Drei Hebel für organisches Wachstum in der Chemieindustrie“


Dr.-Ing. Frank Jenner

Laut Dr.-Ing. Frank Jenner, EY Global Chemical Industry Leader, könnte es 2020 für die Branche wieder aufwärts gehen – wenn auch nur leicht. Was die Unternehmen tun können, um wieder stabil und nachhaltig zu wachsen und welchen Einfluss die Digitalisierung hat.

Die Chemieindustrie musste im vergangenen Jahr einen deutlichen Dämpfer verkraften. Wie lautet Ihre aktuelle Einschätzung zur Marktentwicklung?

Frank Jenner: In der Tat war das Jahr 2019 geprägt von einem deutlichen Abschwung in der Chemieindustrie. Einer der Hauptgründe war der Handelskonflikt zwischen China und den USA, den zwei weltweit größten Märkten für Chemieprodukte. Anfang 2019 gab es noch einen Hoffnungsschimmer, denn es sah zunächst so aus, als ob sich China und die USA bei einem Gipfeltreffen im Frühjahr einigen würden. Doch leider ist es nicht so gekommen wie erhofft, sondern die Lage hat sich im Laufe des Jahres weiter verschlimmert. Erfreulicherweise kam es nun Mitte Dezember zu einer ersten Deeskalation. Dank der Einigung auf ein Teilabkommen, den Phase-1-Deal, haben sich die beiden Seiten nun zumindest darauf verständigt, keine neuen Strafzölle mehr gegeneinander zu verhängen. Ganz konkret: China wird keine weiteren 10 Prozent auf chemische Produkte aufschlagen. Im Gegenzug wollen die USA die Strafzölle, die zum 1. September 2019 auf einen Warenwert von rund 120 Milliarden US-Dollar verhängt wurden, von 15 auf 7,5 Prozent halbieren. Zusätzlich wollen die USA keine neuen Strafzölle zu verhängen, die ursprünglich für den 15. Dezember angekündigt waren und einen Warenwert von 160 Milliarden US-Dollar betroffen hätte. Dies führt natürlich zu einer leichten Entspannung im Markt. Bezogen auf Deutschland zeigen das die aktuellen Zahlen des ifo-Instituts zu den Produktionserwartungen in den kommenden Monaten. Demnach stieg der Index in der Chemieindustrie deutlich von minus 12,2 auf plus 8,1 Punkte. Für 2020 rechne ich daher damit, dass die Industrie etwas aufatmen kann und es – wenn auch langsam – wieder aufwärts geht.

Was können Chemieunternehmen tun, damit dieses leichte Wachstum stabil und nachhaltig ist?

Frank Jenner: Die Chemieindustrie hat sich generell in den vergangenen fünf Jahren mit organischem Wachstum schwergetan. Wachstum kam meist nur durch Mergers & Acquisitions zustande. Doch ich bin überzeugt, dass organisches Wachstum wieder gelingen kann – trotz der wirtschaftlichen Herausforderungen. Ich sehe dafür drei wesentliche Hebel: Erstens muss die Innovationsfähigkeit in den Unternehmen priorisiert und gestärkt werden – und zwar nicht nur in der Forschung und Entwicklung, sondern in allen Bereichen. Zweitens müssen Unternehmen angesichts der Volatilität der Märkte ihre Pricing-Strategie überdenken. Es gilt, den Unsicherheitsfaktor von vorneherein zu berücksichtigen. Das heißt, sie müssen in der Preisbestimmung jederzeit agil sein und auf aktuelle Entwicklungen reagieren können. Drittens wird das Thema Customer Centricity sowie die Einbeziehung der Kunden und der Kunden des Kunden ein entscheidender Weg zu neuem Wachstum darstellen.

War denn der Kunde bisher unwichtig?

Frank Jenner: Nein, sicher nicht. Aber früher haben Unternehmen ihre Produkte im Markt „abgesetzt“, quasi vor die Tür gestellt. Das hat damals funktioniert. Um heute erfolgreich zu sein, müssen sich die Unternehmen viel mehr Gedanken darüber machen, was der Kunde erwartet und wie er bestellt. Dabei sind – wie gesagt – nicht nur die B-to-B-Kunden relevant, sondern Chemieunternehmen müssen zunehmend auch den End-User oder Konsumenten im Kopf haben. Sie müssen Trends früher erkennen oder – noch besser – antizipieren, um Produkte und Services zu entwickeln, die exakt auf die Kundenbedürfnisse zugeschnitten sind. Das gilt auch für den Vertrieb und die Entwicklung von Bestellplattformen und Marktplätzen. Diese Vielzahl an Anforderungen kann ein Unternehmen allein meist gar nicht mehr erfüllen. Deshalb gewinnen Ökosysteme zunehmend an Relevanz, in denen viele Partner ihre Kompetenzen bündeln, um gemeinsam optimale Produkte und Services zu kreieren. Das bietet für jeden der beteiligten Partner die Chance, die Innovationskraft zu stärken, Zugang zu neuen Märkten oder Zielgruppen zu erschließen und letztendlich somit auch Umsatzwachstum zu erzielen.

Welche Rolle spielt die digitale Transformation der Unternehmen für das zukünftige Wachstum?

Frank Jenner: Die digitale Transformation ist für fast alle unvermeidbar. Viele Unternehmen haben das inzwischen erkannt und sich auf den Weg gemacht. Dabei ist auch den meisten klar geworden, dass es nicht reicht, das Analoge eins zu eins ins Digitale zu überführen. Sondern es braucht einen grundlegenden Wandel in der Organisation, den Strukturen und Prozessen. Es gilt, in völlig anderen Dimensionen zu denken und neue Geschäftsmodelle zu entwickeln, die weiteres Wachstum generieren. Dabei ist der Druck hoch. Denn: Der Schnelle frisst den Langsamen. Die digitale Transformation wird die Unternehmen so tiefgreifend verändern, dass Digitalisierung zum festen Bestandteil wird und wir in einigen Jahren gar nicht mehr von „digital“ sprechen. Es ist dann selbstverständlich geworden.

Wie lässt sich die digitale Transformation in Bezug auf die drei Wachstumshebel Innovation, Pricing und Kundenorientierung nutzen?

Frank Jenner: Die drei Hebel stehen zunächst für sich selbst. Aber natürlich hilft die Digitalisierung dabei, diese drei Hebel noch besser, schneller und effizienter zu bedienen. Denn digitale Tools, Techniken und Plattformen können alle drei Bereiche positiv beeinflussen. Beim Thema Innovation können künstliche Intelligenz und Data Analytics genutzt werden, um neuartige Produkte und Services zu entwickeln. Im Pricing helfen digitale Analyse-Tools, um Marktdaten in Echtzeit zu erhalten, auszuwerten und so den Preis jederzeit aktuell anzupassen. Und in Bezug auf die Kundenorientierung bieten sich Chancen durch CRM-Plattformen, mobile Apps, digitale Marktplätze, Transaktionen mithilfe der Blockchain-Technologie etc.

Sie haben gerade gesagt, dass sich die Unternehmen auf den Weg gemacht haben. Wie weit sind sie in der digitalen Transformation inzwischen gekommen?

Frank Jenner: Die Chemieindustrie hat die Disruptionen der Digitalisierung relativ spät zu spüren bekommen und daher auch vergleichsweise spät darauf reagiert. 2015 gab es in vielen Chemieunternehmen eine erste intensive Auseinandersetzung mit dem Thema und sie haben erste Digitalstrategien entwickelt. Zum Vergleich: Die Medienindustrie war zehn Jahre früher dran, da hier eben auch früher das Geschäftsmodell ins Wanken geriet. Nichtsdestotrotz hat die Chemieindustrie in den vergangenen Jahren deutlich aufgeholt, was auch die EY DigiChem SurvEY 2019 gezeigt hat. Man ist längst über den Status des Ausprobierens und Testens hinaus, sondern hat den Weg zur digitalen Transformation festgelegt und beschreitet diesen konsequent. Selbst die aktuelle wirtschaftliche Abkühlung führt nicht dazu, dass Unternehmen ihre Digital-Projekte auf Eis legen. Das ist zumindest meine Beobachtung. Derzeit läuft die Erhebung unserer zweiten Ausgabe der EY DigiChem SurvEY. Und ich bin gespannt, wie die Entwicklung in Deutschland aussieht – auch im Vergleich zu den weltweiten Zahlen, die wir in diesem Jahr erstmals erheben. Meine Prognose: Es wird hierzulande keine größeren Verschiebungen geben, aber die Zahlen in Bezug auf das Voranschreiten der digitalen Transformation werden leicht steigen, vermutlich. Gespannt bin ich auch auf den Unterschied zu anderen relevanten Chemieregionen in der Welt. Wo wird Deutschland hier seinen Platz einnehmen?

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