Die Zukunft der Kreislaufwirtschaft: Haben wir die richtigen Rahmenbedingungen, um den Wandel erfolgreich zu gestalten?


Die Zukunft der Kreislaufwirtschaft: Haben wir die richtigen Rahmenbedingungen, um den Wandel erfolgreich zu gestalten?

Von PETER VANACKER, PRÄSIDENT UND CEO, NESTE

Wenn es in der Welt der Wirtschaft allein ums Wachstum ginge, könnte sich die Chemiebranche für die kommenden Jahrzehnte einigermaßen entspannt zurücklehnen. Immerhin wird sich der weltweite Bedarf an Kunststoffen bis 2050 voraussichtlich vervierfachen.[1]

Doch dieses Wachstum hat auch eine Kehrseite: Für den gleichen Zeitraum wird erwartet, dass das jährliche Gesamtaufkommen an Siedlungsabfällen weltweit um 70 Prozent zunehmen wird.[2] Es ist also klar, dass wir etwas verändern müssen. Und mit dem European Green Deal hat die Europäische Union diesen Veränderungsbedarf bereits in eine konkrete politische Strategie übersetzt. Der wichtigste Meilenstein: 2050. Bis zu diesem Zeitpunkt brauchen wir eine vollständig CO2-neutrale Kreislaufwirtschaft in Europa. Das bedeutet, dass bis 2050 nahezu alle von uns verwendeten Ressourcen aus erneuerbaren Quellen oder aus Rezyklat stammen müssen – entsprechend den Prinzipien der Bioökonomie und der Kreislaufwirtschaft. Auch die Produkte, die wir daraus herstellen, müssen wiederum rezyklierbar sein. Es ist deshalb höchste Zeit, dass wir mit dem Aufbau von Prozessketten beginnen, die beide Ansätze verbinden: mit dem Aufbau einer zirkulären Bioökonomie.

Für die Chemiebranche bedeutet das, dass wir enormen Herausforderungen gegenüberstehen. Wir leben bereits in dem Jahrzehnt, das die Zukunft unserer Branche, unserer Gesellschaft und unseres Planeten bestimmen wird. Die Uhr tickt schnell in Richtung 2050.

Wir sind längst über den Punkt hinaus, an dem es ausreicht, wieder nur neue, hehre Ziele zu setzen. Wir müssen jetzt anfangen, uns für nachhaltigere Lösungen zu entscheiden. Und diese Lösungen sind bereits verfügbar. Eine ganz entscheidende Frage lautet jedoch: Haben wir die richtigen Rahmenbedingungen, um diese Lösungen auch in der Praxis zu etablieren und so den Wandel unserer Branche wirksam voranzubringen?

Was wir sicher wissen, ist, dass die aktuellen Herausforderungen zu groß sind, um ihnen mit einer einzigen Lösung beizukommen. Wir können es uns nicht erlauben, Sektoren und Technologien gegeneinander auszuspielen. Wirklich weiterhelfen wird uns nur das Zusammenspiel einer Vielzahl von Lösungen, auch in sektorübergreifenden Partnerschaften. Was wir brauchen, ist Teamwork, Technologieoffenheit und unvoreingenommene Antworten auf die Frage: Wie erreichen wir beim Umwelt- und Klimaschutz den größtmöglichen Effekt – in der kurzen Zeit, die uns zur Verfügung steht?

Wir bei Neste haben aus erster Hand miterlebt, wie engagierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit Innovationsgeist und Anpacker-Mentalität gemeinsam und in Zusammenarbeit mit den richtigen Partnern grundlegende Veränderungsprozesse zum Erfolg führen können. Wir haben bewiesen, dass die Transformation eines Geschäftsmodells für ein Unternehmen neue, aufregende Marktchancen eröffnen kann.

Heute veredeln wir Abfälle, Rückstände und innovative Rohstoffe zu nachwachsenden Brennstoffen und nachhaltigen Ausgangsstoffen für Chemikalien, Kunststoffe und andere Materialien. Im vergangenen Jahr, 2020, halfen Nestes erneuerbare Produkte unseren Kunden, ihre Treibhausgasemissionen um 10 Millionen Tonnen zu reduzieren, was der durchschnittlichen CO2-Bilanz von 1,5 Millionen EU-Bürgern oder der jährlich zurückgelegten Entfernung von 3,7 Millionen PKW entspricht. Um sich diesen Klimabeitrag besser vorstellen zu können: 3,7 Millionen PKW hieße, die Städte Berlin, München, Köln, Hamburg, Frankfurt und Leipzig wären sozusagen „autofrei“.

Allerdings: Während Biokraftstoffe schon heute über das Potenzial verfügen, die Kohlenstoffbilanz des Straßen- und Flugverkehrs erheblich zu reduzieren, müssen für andere, aufstrebende, aber noch nicht wirtschaftlich tragfähige Lösungen wie das Power-to-Liquid-Konzept (PtL) konkrete Richtlinien erst noch durch die Politik festgelegt werden. Die Politik wird hier maßgeblich darüber mitentscheiden, welche Technologiepfade Wirtschaft und Gesellschaft einschlagen können.

Ähnlich wird auch die Marktakzeptanz für Kunststoffe aus erneuerbaren und recycelten Rohstoffen entscheidend von den gesetzlichen Rahmenbedingungen geprägt – beispielsweise von einer möglichen Erhöhung der Pflichtquoten in Kunststoffprodukten. Und für Recycling-Technologie gilt: Zum Erreichen der bestehenden Recyclingziele der EU für Kunststoffe würde selbst eine ambitionierte Vervierfachung der mechanischen Recyclingkapazitäten allein nicht ausreichen. Die Zeit des Wunschdenkens ist vorbei – wir müssen alle verfügbaren Lösungen anwenden. Mit dem chemischen Recycling haben wir eine zweite, ergänzende Lösung zur Hand.

Wichtig ist, dass wir in der aktuellen, weitreichenden und notwendigerweise oft abstrakten Debatte um den Wandel unserer Wirtschaft nicht den Zugang zu konkreten Lösungen übersehen, die uns mit Blick auf unsere Klimaziele unmittelbar weiterhelfen können.

Was brauchen wir also, um den Wandel mit ganzer Kraft angehen zu können?

Wenn wir die zirkuläre Bioökonomie wirklich voranbringen, den Einsatz fossiler Rohstoffe reduzieren und die Transformation zum Erfolg machen wollen, können wir nicht außer Acht lassen, dass neue Lösungen und Technologien in der Praxis immer auch größere Investitionen erfordern. Solche Investitionen setzen allerdings ein vorhersehbares Geschäftsumfeld ebenso voraus wie Richtlinien, die Innovationen fördern. Denn Innovationszyklen – insbesondere in der chemischen Industrie – benötigen Jahre, wenn nicht sogar Jahrzehnte, bis die neu entwickelten Technologien praxisreif werden. Fortschrittliche, technologisch vorausschauende und einheitliche Rahmenbedingungen würden somit alle Akteure der Branche ermutigen, Innovationen voranzutreiben und so das Beste aus den Ressourcen zu machen, die uns zur Verfügung stehen.

Wenn diese Voraussetzungen erfüllt sind – dann sind wir startbereit, die Transformation zur zirkulären Bioökonomie voranzutreiben.

[1] Statista: Global cumulative production of plastic 1950-2050.

[2] World Bank (2018), What a Waste 2.0: A Global Snapshot of Solid Waste Management to 2050.

www.neste.de