„In den kommenden Jahren wird sich die TUI zu einem Digital- und Plattformunternehmen weiterentwickeln“ – Interview mit Birgit Conix (TUI)


„In den kommenden Jahren wird sich die TUI zu einem Digital- und Plattformunternehmen weiterentwickeln“ – Interview mit Birgit Conix (TUI)

TUI ist nicht mehr die TUI wie vor fünf Jahren, sagt Birgit Conix. Wie der Konzern seiner Konkurrenz weiterhin voraus bleiben möchten, verrät die TUI-CFO im Interview.

Birgit Conix ist CFO der TUI AG. Mehr über Birgit Conix, ihre Karriere und ihre Arbeitsphilosophie, erfahren Sie am 04. Juli 2019 auf dem Handelsblatt CFO-Kongress in Frankfurt.

Interview mit Birgit Conix, CFO, TUI

Frau Conix, nach dem Rekordergebnis in 2018 erwirtschaftete TUI im ersten Quartal des Geschäftsjahr 2019 zwar mehr Umsatz mit mehr Kunden, aber geringere Margen. Was sind die wesentlichen Gründe für diese Entwicklung?

Die Herausforderungen beziehen sich ausschließlich auf das Veranstaltergeschäft, das nur 30% unseres operativen Ergebnisses ausmacht. Die niedrigeren Margen resultierten aus der Pfund-Schwäche nach dem Brexit, aus dem außergewöhnlich langen und heißen Sommer im vergangenen Jahr, der die Kunden veranlasst hat, kurzfristiger zu buchen und durch Überkapazitäten in Spanien, weil die Kunden wieder mehr in die Türkei fahren. Wir haben aber bereits konkrete Maßnahmen eingeleitet, um diese Entwicklungen und Herausforderungen erfolgreich zu adressieren.

Wie gehen Sie mit dem steigenden Konsolidierungsdruck um?

Unser operatives Ergebnis ist in den vergangenen vier Jahren zweistellig gestiegen. Wir haben in die Transformation der TUI durch den Ausbau unseres Hotel- und Kreuzfahrtgeschäftes stark investiert und es gleichzeitig geschafft unseren Schuldendeckungsgrad zu verbessern. Außerdem haben wir die höchste Dividende in der Geschichte des Unternehmens ausgeschüttet. Unsere strategische Ausrichtung, das Wachstum im Kerngeschäft mit Urlaubserlebnissen und unsere starke finanzielle Basis machen die TUI kerngesund und zukunftssicher. Daher sehen wir uns als Gewinner einer möglichen Marktkonsolidierung, von der wir aufgrund der anhaltenden Herausforderungen ausgehen.

Die TUI Group hat sich in den letzten Jahren vom traditionellen Reiseveranstaltermodell verabschiedet. Wie sieht die neue Ausrichtung des Unternehmens aus?

Wir waren früher ein klassischer Reiseveranstalter, also ein Händler von Reisen. In den vergangenen vier Jahren hat sich die TUI dramatisch gewandelt und ist ein komplett anderes Unternehmen geworden. Heute sind wir Entwickler, Investor und Betreiber von Hotel- und Kreuzfahrtgesellschaften und bauen unser Geschäft mit Zusatzleistungen in den Destinationen stark aus. 70 Prozent unseres operativen Ergebnisses stammen heute aus diesen Urlaubserlebnissen. Der Veranstalter und die Airlines tragen noch 30 Prozent dazu bei. Die Veranstalter mit Zugang zu 23 Millionen Kunden behalten ihre enorm wichtige Funktion, wenn es um Marktzugang geht – sie sind der Vertrieb und sichern eine hohe Auslastung und gute Raten in unseren Hotels und Kreuzfahrtschiffen. Der Konzern bleibt aber im Wandel: in den kommenden Jahren wird sich die TUI nochmals weiterentwickeln zu einem Digital- und Plattformunternehmen.

Diese neue Strategie hatte zahlreiche Verkäufe von nicht zum Kerngeschäft gehörenden Tochtergesellschaften zur Folge. Wo investierten Sie das frei gewordene Kapital?

Wir haben mit den Verkäufen seit 2015 Erlöse in Höhe von rund zwei Milliarden Euro erzielt und einen Großteil in unser Kerngeschäft, also Hotels und Kreuzfahrten, investiert. Das tun wir auch weiterhin. Wir wollen in diesem Jahr 28 neue Hotels eröffnen und von 2019 bis 2026 insgesamt acht Kreuzfahrtschiffe in Dienst stellen. Darüber hinaus investieren wir verstärkt in den Bereich der Aktivitäten und Services in den Destinationen und natürlich in IT, künstliche Intelligenz und digitale Plattformen.

Der Erfolg scheint Ihrer neuen Ausrichtung Recht zu geben. TUI ist der weltweit führende Touristik-Konzern. Was machen Sie besser als Ihre Wettbewerber?

Die TUI ist nicht mehr die TUI wie vor fünf Jahren. Wir haben frühzeitig entsprechende Weichenstellungen vorgenommen, die uns robuster und zukunftsfähiger machen. Als integrierter Tourismuskonzern mit Schwerpunkt auf den bereits erwähnten Urlaubserlebnissen, sind wir heute ein vollständig anderes Unternehmen mit einem ganz anderen Geschäftsmodell als unsere Wettbewerber.

„Mit dem Thema Digitalisierung haben wir eine klare Agenda für unser zukünftiges Wachstum definiert.“ Das waren Ihre Worte auf der Hauptversammlung im Februar dieses Jahres. Was bedeutet das konkret?

Konkret bedeutet das, dass wir auf der einen Seite unsere Prozesse digitalisieren und effizienter werden. So hilft uns beispielsweise die Blockchain ein Organisations-Problem zu lösen. Modernste Technologie liefert eine einheitliche Plattform für Hotel-Verträge und verfügbare Kapazitäten, die wir entsprechend besser und effizienter managen können. Auf der anderen Seite investieren wir in innovative IT, künstliche Intelligenz und einheitliche Systeme zur Kundenbetreuung, um unseren Kunden passgenauere Angebote und Services machen zu können. Ein Gast bekommt individualisierte und relevante Angebote – vom Wunschzimmer im Hotel, über maßgeschneiderte Ausflüge bis hin zur Reservierung im Spa. Wir versprechen uns mit diesen Maßnahmen nicht nur Kostenvorteile sondern vor allem signifikante Zusatzerlöse.

In welchem Geschäftssegment erwarten Sie das größte Wachstumspotential?

Der Markt für Ausflüge und Services in den Destinationen bietet weltweit riesiges Potential. Wir bauen daher das Geschäft mit Zusatzleistungen verstärkt aus und wollen zur führenden Plattform für dieses Segment werden. Wir haben mit dem italienischen Start-Up Musement die technisch beste Plattform für Touren und Aktivitäten weltweit übernommen, die wir mit unseren 23 Millionen Kunden sowie Drittkunden zusammenbringen. Hierzu zählt zum Beispiel auch die Kooperation mit Ctrip, dem führenden chinesischen Online-Anbieter. Über diese digitale Plattform kombinieren wir insgesamt 150.000 Musement und TUI Touren und Aktivitäten und sehen zusätzliches Wachstumspotenzial mit weiteren Drittanbietern. Wir sind mittlerweile in 50 Urlaubsregionen weltweit mit eigenen Teams vor Ort und können so den Kunden individuell betreuen und unsere hohen Qualitätsstandards gewährleisten.

Haben Sie Ihren Sommerurlaub für 2019 schon gebucht?

Ja, die ganze Familie fliegt mit TUI nach Süd-Frankreich, wo wir ein Haus haben. Das ist eine Tradition geworden um sich gemeinsam zu treffen, weil die Kinder in verschiedenen Ländern wohnen oder studieren. Ich freue mich sehr darauf.