Wer jetzt nicht digitalisiert, überlässt die Wertschöpfung anderen

Depiereux Digitalisierung

Vielen Unternehmen fällt die Digitalisierung schwer, dabei gewinnt dieser Teil im Unternehmen immer mehr an Bedeutung. Deswegen hat Philipp Depiereux zusammen mit seinen Partnern Philipp Herrmann und Christian Lüdtke im Jahr 2010 etventure mit der Vision gegründet, die Erfahrungen als Unternehmer und Innovationstreiber im Mittelstand, in der Konzernwelt, in Startups sowie in Digitalprojekten im Silicon Valley in einem Unternehmen zu bündeln. Im Vorfeld zur „C-Suite – Next Level Leadership“ verrät er die 5 essentiellen Regeln zur erfolgreichen Bewältigung der digitalen Transformation.

Sie haben gerade in Zusammenarbeit mit der GfK Nürnberg eine Studie zum Thema „Digitale Transformation“ veröffentlicht*. Was sind die wichtigsten Ergebnisse?

Die Studie zeigt, dass die Unternehmen nach wie vor größte Probleme damit haben, die richtige Herangehensweise an die Digitalisierung zu finden. Über 60 Prozent der befragten Unternehmen sehen zwar die gestiegene Bedeutung der Digitalisierung für ihr Geschäftsmodell, dennoch nennen gerade einmal 35 Prozent die Digitale Transformation als eines ihrer drei Top-Themen und nur ganze sechs Prozent als das wichtigste Thema im Unternehmen.

Die Untersuchung zeigt außerdem erstmals dezidiert, was die größten Hemmnisse bei der Digitalen Transformation sind. Als das mit Abstand größte Hemmnis nennen 65 Prozent die Verteidigung bestehender Strukturen – daher spreche ich in diesem Zusammenhang gerne von der „Bewahrer-Organisation“. Außerdem wurde bemängelt, dass man in den jeweiligen Bereichen zu festgefahren sei und Führungskräfte vor den weitreichenden und radikalen Entscheidungen zurückscheuen, die aber für die Digitale Transformation essentiell sind.

Was sind in Ihren Augen die Gründe für die internen Widerstände?

Die Gründe für solche internen Widerstände sind sicherlich vielfältig, aber einige wichtige Punkte, die sich auch aus der Studie ableiten lassen, sind etwa, dass in gerade mal der Hälfte der Unternehmen (48 Prozent) die Umsetzung der Digitalen Transformation durch Mitglieder des Vorstands oder der Geschäftsführung gesteuert wird. Wenn aber komplette Geschäftsmodelle und -abläufe eines Unternehmens digitalisiert und in Frage gestellt werden sollen, greift das tief in sämtliche Prozesse sowie in die Kultur des Unternehmens ein – das funktioniert nur, wenn die oberste Führungsebene Treiber des Digitalprozesses ist. Stattdessen wird in fast drei Viertel der Unternehmen (76 Prozent) entweder die hauseigene Unternehmensentwicklung oder die IT-Abteilung mit der Digitalisierung beauftragt. Auch das ist kontraproduktiv, denn die Kernaufgabe des IT-Leiters ist es etwa, die IT-Infrastruktur fehlerfrei am Laufen zu halten und ständig weiter zu entwickeln. Die für die Digitalisierung wichtigen Voraussetzungen, wie eine schnelle Produktentwicklung, radikale Nutzerzentrierung und Datenfokussierung sind weitestgehend konträr zur eigentlichen DNA einer IT-Abteilung.

Wir erleben häufig, dass spannende Innovationsvorhaben an internen Widerständen scheitern. Daher haben Geschäftsführer von führenden Unternehmen wie Schindler, Osram oder auch Haniel, die SMS group und Klöckner entschieden, Digitalprojekte zunächst außerhalb des Unternehmens und den traditionellen Strukturen, in einem geschützten Raum, zu starten.

Was sind Handlungsempfehlungen Richtung Unternehmen?

Für uns sind es im Prinzip fünf zentrale Regeln der Digitalisierung. Zusammengefasst sind dies die gerade genannten Themen: Digitalisierung ist Chefsache und Digitalprojekte müssen zunächst außerhalb des Unternehmens, im geschützten Raum entwickelt, getestet und prototypisch umgesetzt werden. Darüber hinaus geht es um radikal nutzerzentriertes Arbeiten mit Design-Thinking-Methoden, und mit dem Lean-Startup-Ansatz in kurzen Entwicklungszyklen zu testen. Last but not least braucht es Mitarbeiter mit einer unternehmerischen Digitalkompetenz und Startup-DNA.

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Was heißt das im Einzelnen?

Der Ansatz des Design Thinking stellt den Kunden in den Mittelpunkt: Das heißt, nur die Idee, die auch wirklich ein Kundenbedürfnis bedient, setzt sich durch. Entscheidend ist, dass das Produkt auch im weiteren Verlauf nur die allernötigsten Funktionen umfasst, die man braucht, um ein Problem zu lösen.

Ergänzt wird dieses Vorgehen durch den Lean-Startup-Ansatz: Nach dem Motto „fail fast and cheap“ wird durch Lean-Startup schon in einer frühen Phase deutlich, wel- ches Geschäftsmodell Potenzial hat und welches nicht. Durch das Vorgehen mit diesen Methodiken vergehen so von der ersten Idee bis zum fertigen Produkt nur wenige Wochen. Und Schnelligkeit ist einer der Schlüssel bei der digitalen Transformation.
Um diese Methoden konsequent umzusetzen, starten wir Digitalprojekte grundsätzlich außerhalb der Unternehmen, in einem geschützten Raum. Solche Digitaleinheiten bieten den notwendigen Freiraum für innovatives Denken und agiles Testen. Außerdem wird gleichzeitig ein zeitgemäßes Ökosystem mit einer neuen Unternehmenskultur geschaffen, ein wichtiger Baustein, um die „digitalen Entrepreneure“ als Mitarbeiter zu gewinnen.

Wie gelingt dann die Übertragung von der Digitaleinheit ins Unternehmen?

Was in der Digitaleinheit erfolgreich getestet und prototypisch aufgebaut wurde, untermauert mit quantitativen und qualitativen Daten, überwindet auch interne Widerstände in der „Bewahrer-Organisation“. Auf diesem Weg gelingt die digitale Transformation der Gesamtorganisation. Diese ersten „Leuchtturmprojekte“, also digitale Geschäftsmodelle, die wir mit den neuen Methodiken extrem schnell aufbauen und die sofort Wert stiften, gewinnen die Mitarbeiter nicht nur dafür, sich neuen Geschäftsmodellen zu öffnen und mit neuen Tools zu arbeiten, sondern das Interesse für die neuen Arbeits- und Vorgehensweisen wird auch den Kulturwandel insgesamt anstoßen.

*Über die etventure Deutschlandstudie: Für die Studie „Digitale Transformation und Zusammenarbeit mit Startups in Großunternehmen“ von etventure mit Unterstützung der GfK Nürnberg wurde eine telefonische Befragung unter den 2.000 Großunternehmen in Deutschland mit einem Mindestumsatz von jährlich 250 Mio. Euro durchgeführt. Weitere Informationen unter www.etventure.com/deutschlandstudie.

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Philipp Depiereux ist Gründer und Geschäftsführer von etventure.

Er ist einer der Referenten von „C-Suite – Next Level Leadership“ und spricht zum Thema: „Lessons learned: Was wir aus gescheiterten Innovationsprozessen lernen können.“

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