Ohne Aktie geht es nicht: Chancen für die Vermögensbildung in Deutschland


Es ist keine neue Erkenntnis, dass die Altersvorsorge in Deutschland vor großen Herausforderungen steht. Politik, Wirtschaft und Finanzindustrie diskutieren seit bald zwei Jahrzehnten intensiv über Lösungen hin zu einem Modell, das den privaten Haushalten angesichts der demographischen Entwicklung und einer längeren Lebensarbeitszeit Möglichkeiten einer gezielten und von der gesetzlichen Rente unabhängigeren Altersvorsorge einräumt. Die verschiedenen Vorschläge zu einer stärkeren Aktivierung der betrieblichen und privaten Vorsorge zeigen aber bislang keinen wirklich durchschlagenden Erfolg.

Das Thema Altersvorsorge bekommt neue Dynamik

Vor dem Hintergrund der wohl realistischen Annahme, dass wir noch eine längere Phase sehr niedriger Zinsen vor uns haben, bekommt das Thema Altersvorsorge nun auch wieder eine gewisse politische Dynamik. Aus unserer Sicht braucht es in diesem Umfeld gemeinsame Anstrengungen von Politik, Wirtschaft und Finanzindustrie, um Wege aus dem deutschen Rentendilemma heraus zu finden.

Es ist zunächst unerlässlich, einige gesellschaftliche Realitäten klar zu sehen:

■ Die Deutschen sind realistisch, wenn es um die
Einschätzung ihrer Rente geht. Sie sparen fleißig,
und trotzdem in vielen Fällen falsch.

■ Die Formen der Vermögensbildung sind dabei
höchst unterschiedlich und bei weitem nicht
so effektiv, wie sie trotz des Zinsumfelds sein
könnten. Mit anderen Worten: Die meisten privaten
Haushalte nutzen die Chancen nicht, die
es gegenwärtig gibt.

■ Es gibt – anders als etwa in den USA und vielen
anderen Ländern auf der Welt – in Deutschland
keine Aktienkultur. Als Sachwerte werden
in Deutschland trotz der vergleichsweise niedrigen
Eigenheimquote immer noch Immobilen,
aber auch Gold, Sparbücher und „Bargeld
unter dem Kopfkissen“ angesehen, nicht dagegen
die Beteiligung an Unternehmen.

Deutsche sparen am meisten für die Rente

Eine repräsentative, von BlackRock seit vier Jahren in Deutschland durchgeführte Studie über das Anlageverhalten der Deutschen zeigt, dass deutsche Sparer im europäischen Vergleich am stärksten im Hinblick auf die persönliche Altersvorsorge sparen. Im Gegensatz zu vielen anderen Ländern halten sie ihr Erspartes aber vor allem in Barmitteln. Seit 2014 ist der Baranteil am Vermögen der Deutschen zwar leicht gesunken. Aber immer noch halten die Deutschen zwei Drittel ihrer Ersparnisse in Spareinlagen und Tagesgeldern.

Traditionelle Sparformen reichen nicht

Mit Hinblick auf den demographischen Wandel und die Notwendigkeit, aktiv für den eigenen Ruhestand vorzusorgen, werden traditionelle Sparformen zukünftig nicht mehr ausreichen. Dieses Problem ist einer Mehrheit der Deutschen durchaus bewusst: Vermögensverlust infolge zu konservativer Geldanlage wird zunehmend als Problem erkannt, aber es wird noch nicht entsprechend gehandelt. Anlagen, die für breit gestreute Portfolios elementar sind, bleiben unterrepräsentiert: Aktien machen im Schnitt 15 Prozent der Portfolios deutscher Sparer aus, Immobilien kommen auf fünf Prozent und Anleihen auf drei Prozent. Aktive Geldanlage wird nach wie vor von vielen als unsicher empfunden und mit „Spekulation“ gleichgesetzt.

Neue Wege aufzeigen

Den politischen Akteuren wie auch uns als Finanzdienstleistern kommt deshalb die Aufgabe zu, diese Unsicherheit zu adressieren und Wege aufzuzeigen, wie Menschen in Deutschland durch einen Dreiklang aus gesetzlicher, betrieblicher und privater Altersvorsorge zu einem auskommlichen Einkommen im Alter gelangen können. Es muss dabei deutlich gemacht werden, dass dieses Ziel ohne den Einsatz von Kapitalmarktprodukten nicht zu erreichen sein wird.

Neuer Normalzustand Niedrigzinsumfeld

Eine langfristige Verschärfung des Rentennotstands stellt heute das weltweit ausgeprägte Niedrigzinsumfeld dar, mit dem wir in Folge der globalen Finanzkrise von 2008 konfrontiert sind, und die allmählich zu einem neuen Normalzustand für viele Länder dieser Welt wird. Anleger, die heute nicht bereit sind, über ein bestimmtes Maß hinaus Risiken einzugehen, stehen plötzlich ohne Verzinsung ihrer Ersparnisse da. Genau dies passiert zurzeit in Deutschland, und genau deshalb wird die Europäische Zentralbank (EZB) für diese gefühlte „Enteignung der deutschen Sparer“ kritisiert. Das Absinken der Umlaufrendite auf nahe null ist zum guten Teil eine Folge der EZB-Anleihekaufe.

Deutschland fehlt eine Aktienkultur

Wenn Sparer, die kaum noch Ertrag auf Finanzanlagen erhalten, ihre Sparziele nicht reduzieren wollen, werden sie Monat für Monat mehr zurücklegen müssen um ihr Zielvermögen doch noch zu erreichen. Blickt man auf die Altersvorsorge, stellt sich genau diese Herausforderung, denn hier können Sparer an den für das Rentenalter geplanten Ersparniszielen keine (weiteren) Abstriche machen, wenn sie im Alter ihren angestrebten Lebensstandard halten wollen. Die Minimierung des Zinseszinseffektes zwingt sie zu höherer Sparleistung für das Alter mit dem Ergebnis, dass weniger Geld für den Konsum in der Gegenwart zur Verfügung steht.

Die anhaltende Unsicherheit vieler Sparer in Deutschland, wie sie in einem lang anhaltenden Niedrigzinsumfeld richtig anlegen und vorsorgen sollen, liegt auch im Fehlen einer Aktienkultur in unserem Land begründet. Das spezifisch deutsche Misstrauen in die Kapitalmärkte ist vornehmlich das Ergebnis zweier großer politischer Fehlentscheidungen in Deutschland im Zuge der Privatisierung von Volkswagen in den 50er Jahren und dann der Telekom-Privatisierung in den 90er Jahren. Diese im Prinzip richtigen Privatisierungsentscheidungen gingen einher mit der Aufforderung an die Bevölkerung, Aktien dieser beiden Unternehmen in großem Umfang zu kaufen. Viele deutsche Sparer haben aus den schlechten Erfahrungen mit diesen Aktienkäufen den (unzutreffenden) Schluss gezogen, dass eine Anlage in Aktien langfristig eher Nachteile als Vorteile bringt.

Besser über Kapitalanlage informieren

Ein solcher Fehler darf sich nicht wiederholen. Daher ist es eine drängende Aufgabe der Verantwortlichen in unserem Land, gezielt und umfassend über die Vorteile einer starker kapitalgedeckten Altersvorsorge aufzuklären, aber gleichzeitig darauf hinzuweisen, dass dafür niemals die Investition in wenige oder gar nur einen Aktientitel die richtige Strategie ist. Die Finanzindustrie, namentlich Banken, Versicherungen und Vermögensverwalter, müssen zukünftig umfassender und besser über Chancen und Risiken der Kapitalanlage und ihrer unterschiedlichen Formen informieren, damit auf lange Sicht ein wirklicher Versorgungsnotstand in Deutschland erst gar nicht entsteht.

Friedrich Merz

Über den Autor:

Friedrich Merz ist Chairman bei BlackRock Deutschland.


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