„Die Bürger brauchen eine verlässliche Linie, keinen politischen Zickzack-Kurs“


Lars Golatka

Lars Golatka, Zurich Gruppe Deutschland

Die Debatten zu neuen Lösungen in der Altersvorsorge halten an. Viele zweifeln noch immer: Eine betriebliche Altersversorgung ohne Garantien ist möglich, aber ist sie auch sicher genug? Die Entscheidung einer Gewerkschaft sich der reinen Beitragszusage, dem sogenannten Sozialpartnermodel, zu öffnen, sorgt nun für die nötige Signalwirkung. Es könnte eine wichtige Blaupause für die gesamte Branche und auch darüber hinaus sein. Insgesamt bewegt sich derzeit aber noch zu wenig. Die Bürger brauchen eine klare verlässliche Linie, keinen politischen Zickzack-Kurs. Wir wünschen uns vor allem einen Zuwachs an Vertrauen zur bestehenden betrieblichen Altersversorgung und in das neue Sozialpartnermodell.

Seit Oktober 2019 liegen konkrete Pläne vor, ein Sozialpartnermodell einzuführen. Das Konsortium von Zurich und Talanx „Die Deutsche Betriebsrente“ und die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft ver.di haben sich im Rahmen ihrer Verhandlungen darauf verständigt, das erste Sozialpartnermodell in Deutschland zu etablieren. Die Umsetzung des Haustarifs für die rund 12.000 inländischen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer des Talanx Konzerns erfolgt 2020, sobald die Verhandlungen abgeschlossen sind und die Zustimmung der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) vorliegt.

Der Ball liegt nun im Feld der Sozialpartner. Sobald hier etwas in Bewegung geraten ist, werden sich auch die bisher noch zurückhaltenderen Parteien mit den neuen Lösungen auseinandersetzen müssen. Die ersten konkreten Ausschreibungen arbeitgeberseitig gibt es bereits.

Vorbehalte abbauen und Blockaden verringern

Ohne Zweifel – der Weg hinzu mehr Vertrauen, dass Sicherheit auch ohne feste Garantien funktioniert, ist ein Paradigmenwechsel. Der Verzicht auf Garantien ermöglicht den Zugang zum freien Kapitalmarkt. Trotz der niedrigen Zinsen können Arbeitnehmer so von höheren Erträgen und damit Renten profitieren. Dass eine Betriebsrente auch ohne Garantien sicher sein kann, ist in der deutschen Denke ein Stück weit erklärungsbedürftig. International aber bereits bekannt: Die Zurich Versicherung hat beispielsweise Erfahrungswerte, die zeigen, dass das System sehr gut funktioniert. Das Modell gibt es schon viele Jahre in der Vita Stiftung in der Schweiz. Beteiligt sind 20.000 Unternehmen mit einem zweistelligen Milliardenbetrag.

In Deutschland braucht es weiterhin intensive Gespräche hinter den Kulissen und öffentliche Aufklärungsarbeit. Und wir, Zurich als Konsortialführer der „Die Deutsche Betriebsrente“ müssen uns an unserem Versprechen messen lassen – Mehr Rente für mehr Menschen.

Klar ist, der Bedarf im Markt ist da. Man geht davon aus, dass eine Mehrheit der neuen Mitarbeitenden das neue Modell bevorzugen würden. Ob das Sozialpartnermodell für jeden das Richtige ist, kann jeder selber entscheiden. Die reine Beitragszusage kann das bessere Modell sein, weil die Renditechancen höher sein werden. Garantien begrenzen hingegen nicht nur die Kapitalanlage, sondern verursachen auf der anderen Seite auch weitere Kosten. Das kann schnell in Richtung Rentenlücke führen. Die Betriebsrente nach dem Sozialpartnermodell ist nicht als Modell für Gutverdiener konzipiert. Insbesondere Menschen, die es schwer haben ihre Rentenlücke zu füllen, sollen angesprochen werden. Für sie besteht nun die Option, mit deutlich weniger Aufwand ausreichende Vorsorge zu betreiben.

Digitalisierung ist zentraler Erfolgsfaktor für die Reform der Altersvorsorge

Die Beratung und Informationsübermittlung müssen persönlich und digital erfolgen – so wie es der Kunde wünscht. Insbesondere für spezialisierte bAV-Berater besteht die Chance zum wichtigen Begleiter der Arbeitgeber und Sozialpartner zu werden. Da die Akzeptanz in der Mitarbeiterschaft entscheidend für den Erfolg eines Sozialpartnermodells ist, sollte man allen Mitarbeitenden vielfältige und einfache Zugangswege eröffnen. Das heißt, die Verwaltung der Konten sollte soweit wie möglich digital und automatisiert erfolgen, um damit nicht nur einen einfachen und schnellen Zugriff auf die eigenen Daten zu ermöglichen, sondern auch Sorge zu tragen, dass reduzierte Verwaltungskosten den Anlagebetrag erhöhen. Es ist das Ziel, den Verwaltungsaufwand auf ein Minimum zu reduzieren, die Verständlichkeit der Produktwelt zu vereinfachen und Transparenz zu fördern.

Forderung an die Politik: Klarheit schaffen

Im Betriebsrentenstärkungsgesetz (BRSG) gibt es Potenziale, die bereits durch leichte Justierungen gehoben werden können. Bereits bekannte Hemmnisse müssen ausgebessert werden. Im Zentrum steht dabei die Hauptzielgruppe des BRSG: die kleinen und mittelgroßen Unternehmen. Ihnen muss der Zugang zum Sozialpartnermoder erleichtert werden.

Im Markt kursiert teils weiterhin die Meinung, die betriebliche Altersversorgung sei durch die anteilige Reduktion der gesetzlichen Rentenanwartschaft nicht rentabel. Das verstärkt Vorbehalte. Diese Annahme lässt sich aber mit Blick auf den 15%igen Arbeitgeberzuschuss eindeutig widerlegen – vorhandene Analysen bestätigen das. Entscheidend ist hier die sachlich korrekte Diskussion, um am Ende Entscheidungen im Sinne der Arbeitnehmer treffen zu können.

Schließlich ist es unerlässlich, in die geschaffenen Möglichkeiten durch das BRSG zu vertrauen – das gilt insbesondere für den Gesetzgeber. Immer wieder neue Ideen zu diskutieren, bis hin zu staatlichen Zwangslösungen, verunsichert die Entscheidungsträger. Arbeitgeber-, Gewerkschafts- und Anbieterseite brauchen Konsistenz und Klarheit, aber keinen Aktionismus.

Gleichzeitig ist die kontrovers geführte Debatte über die betriebliche Altersversorgung von Vorteil. Das Thema scheint in der Politik und in der Gesellschaft angekommen zu sein.

Die Einsicht, dass die betriebliche Altersversorgung neben der gesetzlichen Rente aber auch neben der privaten Altersversorgung eine wichtige Rolle spielt, wird auch das Sozialpartnermodell stärken.