IoT based finance: Wie der Finanzdienstleister Siemens Financial Services IoT zur Erweiterung der Geschäftsmodelle nutzt


IoT based finance: Wie der Finanzdienstleister Siemens Financial Services IoT zur Erweiterung der Geschäftsmodelle nutzt

Interview mit David Vorih, CIO, Siemens Financial Services

1. Herr Vorih, welche Chancen bietet Industrie 4.0 dem Finanzdienstleistungssektor? Und welche neuen Geschäftsmodelle entstehen dabei?

Vernetzte Maschinen sowie die zunehmende Nutzung von Echtzeitdaten verändern derzeit die Wertschöpfungsketten und Geschäftsmodelle ganzer Branchen und beeinflussen somit auch die Beziehung zwischen Unternehmen und ihren Kunden. Gleichzeitig ermöglicht die Kommunikation zwischen Maschinen und anderen Assets noch nie dagewesene Einblicke und Erkenntnisse, die die Bewertung wesentlicher Chancen und Risiken – seit jeher die Grundlage jeglicher Formen von Finanzierung – nachhaltig verändern.

Industrie 4.0, und insbesondere das Internet der Dinge (IoT), eröffnen dem industriellen Ökosystem und damit unseren Industriekunden zahlreiche neue Möglichkeiten im Hinblick auf die Entwicklung innovativer Geschäftsmodelle. Für Finanzdienstleister wie Siemens Financial Services (SFS) ist die zentrale Frage, wie sie ihre Industriekunden bei dieser digitalen Transformation unterstützen können.

Eine enge Zusammenarbeit mit Partnern und Kunden in diesen engmaschigen digitalen Ökosystemen wird künftig zunehmend wichtiger. Nur so können wir gemeinsam integrierte Ansätze und innovative, flexible Lösungen entwickeln, die unseren Kunden helfen, ihre Wettbewerbsfähigkeit in einer Welt des kontinuierlichen Wandels zu erhalten und auszubauen. Beispiele für diese neuen Ansätze und Geschäftsmodelle sind aus Finanzdienstleistersicht sicherlich die sogenannten „Anything as a Service“ oder AaaS-Modelle, angefangen bei einfachen „Pay per Use“-Optionen, über Subscription- und Managed Service-Modelle bis hin zu Performance-basierten Modellen, bei denen eine Dienstleistung komplett in die Geschäftsprozesse des Kunden integriert wird.

2. Ein aktuelles Schlagwort in diesem Kontext ist „Use of Industrial Data“. Können Sie erklären, was dahintersteckt, und wie Sie Daten gewinnbringend nutzen?

Dank der zunehmenden Vernetzung von Maschinen, Anlagen und Produkten durch Industrie 4.0 entstehen immer größere Datenmengen. Diese können bei Siemens in unserer Cloud-basierten IoT-Plattform MindSphere systematisch erfasst und über verschiedene digitale Anwendungen zugänglich gemacht werden. Als konzerneigener B2B-Finanzdienstleister von Siemens, einem führenden, globalen Technologiekonzern für die Bereiche Industrie, Infrastruktur und Mobilität, stehen uns diese Daten bei Einverständnis des Kunden je nach Anwendungsfall ebenfalls zur Nutzung zur Verfügung. Dank innovativer Technologien wie künstliche Intelligenz (KI), Data Analytics oder API können diese Daten für Finanzprozesse verwertbar gemacht werden. Hier nehmen IT-Organisationen eine Schlüsselrolle ein, da sie den Prozess von der Ideengenerierung über die Entwicklung bis zur Implementierung aufgrund der Expertise aktiv mitgestalten. Dank ihrer Nähe zum Siemens-Konzern besitzt die SFS ein umfangreiches technologisches Fach- und Branchenwissen. In Kombination mit unserem eigenen Finanzierungs-Know-How profitieren vor allem unsere Kunden, denen wir dadurch noch passgenauere und liquiditätsschonendere Finanzierungen anbieten und gleichzeitig Investitionskosten geringhalten können.

3. Welche Rolle spielt dabei der Datenschutz?

Die digitale Transformation kann nur dann erfolgreich sein, wenn es uns gelingt, die Sicherheit von Daten und vernetzten Systemen durchgängig zu gewährleisten. Insbesondere im Hinblick auf diese neuen Geschäftsmodelle, bei denen die Nutzung von Daten den eigentlichen Mehrwert für den Kunden bringen, ist das Vertrauen in uns und unsere Lösungen der alles entscheidende Faktor. Daher haben die Bereiche Cybersicherheit und Datenschutz bei Siemens und SFS höchste Priorität. Das allein ist jedoch nicht ausreichend. In einer global vernetzen Welt sind alle Teilnehmer des neuen digitalen Ökosystems gefordert.

Aus diesem Grund hat Siemens 2018 die Charter of Trust (CoT) ins Leben gerufen. Diese Cybersicherheit-Initiative umfasst heute 16 starke internationale Partner aus den unterschiedlichsten Industrien und Bereichen und hat das Ziel, das Vertrauen der Menschen in die digitale Welt zu stärken.

4. Setzen Sie bei Siemens Financial Services auf KI und wie weit ist die Anwendung bereits bei Ihnen fortgeschritten?

Künstliche Intelligenz (KI), die selbstständig lernt und sich dadurch kontinuierlich weiterentwickelt und optimiert, steigert auch den geschäftlichen Nutzen. Daher wird KI auch für Finanzdienstleister immer wichtiger. Laut einer gemeinsam von der University of Cambridge und dem Weltwirtschaftsforum durchgeführten Studie erwarten 77 % aller Finanzunternehmen, dass KI im Jahr 2022 zu einem zentralen Treiber ihres Geschäfts werden wird. Als einer unserer strategischen Eckpfeiler ist der Einsatz künstlicher Intelligenz auch bei SFS von entscheidender Bedeutung, um unsere Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten und noch weiter zu steigern. Dank der Automatisierung manueller Prozesse reduzieren wir so die Durchlaufzeiten um ein Vielfaches, beispielsweise im Back Office Bereich oder der Entscheidungsfindung im Rahmen von Kreditvergaben, und legen gleichzeitig den Grundstein für eine umfassende Nutzung von künstlicher Intelligenz. So können unsere Finanzexperten noch präzisere Vorhersagen treffen und unseren Kunden damit noch spezifischere, maßgeschneiderte Finanzierungen anbieten.

Bereits heute gibt es bei SFS zahlreiche produktive Anwendungsfälle, wie beispielweise eine Lending App. Ein funktionsübergreifendes Team entwickelte auf Basis der Siemens-eigenen Low-Code-Plattform Mendix eine KI-gestützte Lösung, beispielsweise mit NLP-Komponenten, für das Konsortialkreditgeschäft, die monatlich mehr als 8.000 eingehende E-Mails und Faxe filtert, kategorisiert und relevante Informationen extrahiert. Das Ergebnis: massive Kapazitätseinsparungen von 70 %, eine Senkung der Betriebskosten und eine erhebliche Steigerung der Genauigkeit und der Effizienz – und das alles bei 100-%iger Transparenz. Um die Standardisierung in unserem Vorgehen weiter voranzutreiben und unsere Partner im Ökosystem bestmöglich zu nutzen, bauen wir gerade eine KI-Plattform auf und werden so die Umsetzung weiterer innovativer Use Cases beschleunigen.

Über all dem dürfen wir jedoch nicht vergessen, dass KI letztendlich nur einer der Hebel ist, um die digitale Transformation bei SFS voranzubringen. Digitale Plattformen, Cloud-Dienste oder API-Technologien ermöglichen es uns, die gesamte Customer Journey an die sich verändernden Kundenerwartungen anzupassen und unsere Finanzierungsprodukte und Dienstleistungen in neue Marktplätze zu integrieren.

5. Ein weiterer Mega-Trend sind Ökosysteme. Wie sehen Sie die Entwicklung und welche Rolle kann Siemens Financial Services dabei spielen?

Als konzerneigene Finanzierungsgesellschaft sind das Denken in Ökosystemen und die Nutzung von Synergieeffekten seit unserer Gründung vor 25 Jahren tief verankert. Neben Siemens-internen Partnern, beispielsweise unserem Team für Versicherungsleistungen, welches wir zur Risikobewertung einbeziehen, arbeiten wir auch eng mit externen Finanzdienstleistern zusammen, wobei die umfangreiche Technologie-, Branchen- und Marktexpertise von SFS sich hier immer wieder als besondere Stärke erweist. Die komplexen Herausforderungen unserer Zeit lassen sich von einzelnen Unternehmen nicht im Alleingang bewältigen. Unsere etablierten Partnerschaften gewinnen demzufolge immer mehr an Bedeutung. SFS versteht sich dabei vor allem als Integrator und geht neue Partnerschaften ein – auch um IoT-basierte Geschäftsmodelle zu erproben. Im Rahmen eines Pilotprojekts mit Siemens Digital Industries, ausgewählten Kunden, führenden Köpfen aus der Fintech und IoT-Branche sowie Kooperationspartnern der MindSphere World e.V. analysieren wir beispielsweise gerade, ob und welchen Einfluss Industriedaten auf unsere Risikobewertung haben, um auf Basis der Erkenntnisse unseren Kunden eine noch transparentere Risikobewertung in nahezu Echtzeit zu ermöglichen. Nur wenn alle an einem Ökosystem Beteiligten einen aktiven Beitrag leisten, werden wir die Kundenreichweite in einer plattformbasierten Wirtschaft erhöhen, unsere interne Produktivität steigern und die Möglichkeiten von Industrie 4.0 voll ausschöpfen.