FinTechs als Katalysator für Nachhaltigkeit im Finanzsystem


FinTechs als Katalysator für Nachhaltigkeit im Finanzsystem

von Dr. Thomas Puschmann

Die Rolle des Finanzsystems bei der Erreichung der siebzehn von den United Nations definierten «Sustainable Development Goals» (SDGs) wurde in den letzten Jahren in den Medien intensiv diskutiert. Zu den Beispielen gehört die Rolle von Banken, die immer noch in Unternehmen investieren, welche dem Klimawandel schaden, die Arbeiter schlecht bezahlen oder auf Kinderarbeit angewiesen sind.

Gemäß Studien von Harvard und der Global Sustainable Investment Alliance sind heute schätzungsweise nur zwischen 5 bis 35 % aller Vermögenswerte weltweit nachhaltig investiert. Um dies zu verändern, sind jüngst auf internationaler Ebene einige Initiativen entstanden. Hierzu gehören beispielsweise die Task Force on Digital Financing of Sustainable Development des United Nations Environment Programme (UNEP), die G20 Green Finance Study Group (GFSG), die Financial Stability Board Task Force on Climate-related Financial Disclosures (TCFD), die von Chile und Finnland ins Leben gerufene Coalition of Finance  Ministers for Climate Action oder der Aktionsplan der EU für nachhaltige Finanzanlagen.

Der Finanzsektor hat Aufholbedarf
Trotz dieser zahlreichen Initiativen haben bislang nur einige wenige große Finanzunternehmen damit begonnen, ihre bestehenden Geschäftsmodelle an den SDGs auszurichten. Parallel ist jedoch eine wachsende Zahl von SDG-fokussierten Startups entstanden, welche explizit SDG-orientierte Ziele in ihre Geschäftsmodelle integrieren. Sie betrachten einen SDG-Ansatz als Wettbewerbsvorteil, der es ihnen ermöglicht, sowohl einen geschäftlichen als auch einen Nachhaltigkeitsnutzen zu stiften. Dabei verwenden sie sehr oft FinTech als Grundlage. Fin-Tech-Lösungen haben ein enormes Potenzial zur Erreichung der Nachhaltigkeitsziele. Sie stellen nicht nur den Konsumenten stärker in den Mittelpunkt des Handelns, sondern schaffen auch mehr Transparenz. Beispiele sind etwa Robo-Advisor, welche sich auf nachhaltige Geldanlagen fokussieren, Finanzierungsplattformen, welche ausschliesslich nur Startups berücksichtigen, die auch Nachhaltigkeitsziele verfolgen, oder Indexversicherungslösungen, die sich auf die Auswirkungen von Klimawandel und Naturkatastrophen konzentrieren.

Noch wenige Radikalinnovationen
In einer weltweiten Analyse von 126 Startups konnte das Swiss FinTech Innovation Lab der Universität Zürich Muster identifizieren, welche die aktuellen Entwicklungen charakterisieren. So stammen derzeit die meisten der identifizierten Startups aus den USA (20%), gefolgt von der Schweiz (16%), Großbritannien (14%) und Deutschland (10%), die zusammen 60% aller Startups in diesem Bereich repräsentieren. Der Rest verteilt sich auf die Niederlande (6%), Singapur (4%), Australien, Israel, Spanien (jeweils 3%), Kanada, Schweden, China, Finnland, Frankreich und Gibraltar ( jeweils 2%) sowie weitere Länder (9%). Die Analyse ergab zudem, dass die meisten Startups ihre Geschäftsmodelle primär noch auf inkrementelle Verbesserungen (89%) des Status Quo ausgerichtet haben und sich weniger auf Radikalinnovationen (11%) konzentrieren. Zudem zeigen die Ergebnisse einen starken Fokus auf Peer-to-Peer-Netzwerke (48%), während sich eine kleinere Zahl auf den inner- (33%) und überbetrieblichen Bereich (19%) konzentriert. Aus prozessorientierter Sicht dominieren der Finanzierungsbereich (37%), der Handel mit Wertpapieren oder Zertifikaten (33%), Anlagelösungen (26%) und die Beratung (23%), während das Risikomanagement (13%), Zahlungslösungen (7%) sowie Lebens- und Nicht-Lebensversicherungen ( je 6%) Stand heute unterrepräsentiert sind.

Branchenübergreifende Ökosysteme
Der Finanzsektor nimmt darüber hinaus in vielen anderen Branchen eine wichtige Schnittstellenfunktion ein. Hierzu gehören etwa der Energiesektor und der öffentliche Bereich. Beispiele für den erstgenannten Bereich sind die Plattform Share&Charge zum Laden von  Elektrofahrzeugen oder WePower, ein Marktplatz, der Unternehmen direkt mit Produzenten von Ökostrom verbindet, sowie Power Ledger, eine Energiehandelsplattform, die den Kauf und Verkauf von erneuerbarer Energie ermöglicht. So hat Share&Charge beispielsweise die Senkung der Transaktionskosten lieferantenübergreifender Zahlungen beim Laden von  Elektrofahrzeugen mithilfe der Blockchain-Technologie zum Ziel. Indem Elektrofahrzeuge kundenfreundlicher werden, trägt diese Bezahllösung indirekt zur Verhaltensänderung von Konsumenten bei. Für den öffentlichen Sektor sind dies beispielsweise der C02-Zertifikatehandel und digitale IDs. Auf dieser Grundlage können andere Dienstleistungen wie Bargeldüberweisungen effizienter, transparenter und sicherer durch digitale Gutscheine und Wallets bereitgestellt werden.

FinTech-Lösungen haben ein enormes Nachhaltigkeitspotenzial: Sie stellen nicht nur die Konsument:innen stärker in den Mittelpunkt, sondern schaffen auch mehr Transparenz.

Dr. Thomas Puschmann, Direktor Swiss FinTech Innovation Lab, Universität Zürich

 

Dieser Artikel ist im aktuellen Handelsblatt Journal „Banking“ erschienen.

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