„Zu unserer „neuen Realität“ gehört, dass sich die Karten neu mischen und klassische Rollen der Marktteilnehmer neu verteilt werden.“ – Interview mit Tamaz Georgadze (WeltSparen/Raisin)


Tamaz Georgadze hat mit WeltSparen eines der erfolgreichsten deutschen Fintechs aufgebaut. Das Unternehmen bringt Sparer und Banken über das Internet zusammen und hilft seinen Kunden auch dabei die Zinseinnahmen zu versteuern. Der jüngste Clou des Berliner Startups war die Übernahme der MHB-Bank. Wie es zu diesem Schachzug kam, verrät Tamaz Georgadze im Interview.

Tamaz Georgadze ist CEO des Berliner Fintechs WeltSparen, international unter der Marke Raisin bekannt. Seit 2013 hat das Unternehmen mit seinem Geschäftsmodell mehr als 175.000 Kunden aus über 31 europäischen Ländern erericht. Das Start-up zählt zu den Top 5 Fintechs der renommierten FinTech50-Awards und wird von namhaften europäischen und US-amerikanischen Investoren wie PayPal, Thrive Capital, Index Ventures und Ribbit Capital unterstützt.

Erleben Sie Tamaz Georgadze auf dem Handelsblatt Banken-Gipfel, am 4. – 5. September 2019, Frankfurt am Main.

Interview mit Tamaz Georgadze, CEO, WeltSparen/Raisin

Herr Georgadze, welche Herausforderungen sehen Sie für das Bankgeschäft und wie sieht Ihr Plan für die Zukunft aus?
Die Herausforderungen für das Bankgeschäft stehen seit Jahren vor der Haustür. Digitalisierung und wie Banken sowie neue Marktteilnehmer damit umgehen, ist sicherlich die größte Herausforderung aus struktureller Sicht. Zudem erwarten die Kunden zunehmend bessere, transparentere und fairere Lösungen. Genau an dem Punkt wollen wir mit WeltSparen ansetzen und sowohl für Kunden als auch für Banken die besten Lösungen am Markt anbieten. Dazu gehört für uns in der Zukunft eine zunehmende Vertiefung und Erweiterung unseres Geschäftsfeldes.

Sie haben kürzlich eine Bank gekauft. Ist das jetzt die „neue Realität“, dass Fintechs Banken kaufen statt umgekehrt?
Sicherlich ist dieser Schritt noch eine Ausnahme. Trotzdem sehen wir, wie etablierte Fintechs wachsen und zunehmend den Markt mitgestalten. Zu unserer „neuen Realität“ gehört, dass sich die Karten neu mischen und klassische Rollen der Marktteilnehmer neu verteilt werden. Ich persönlich schätze diese Entwicklungen, weil sie häufig aus einer Zusammenarbeit entstehen – so wie bei uns mit der MHB-Bank.

175.000 Kunden in sechs Jahren, zwölf Milliarden Euro in Festgeld oder Tagesgeld, Zinsgewinne von über 90 Millionen Euro. Wie groß kann Ihr Unternehmen noch werden?
Raisin will für Anleger aus ganz Europa das Sparen und Investieren zu guten Konditionen leicht machen. Der Markt hierfür ist riesig und der volkswirtschaftliche Nutzen enorm. Wenn wir es schaffen, für 15 Billionen Euro Privatkundenvermögen in Europa nur 0,1% bessere Rendite zu ermöglichen, dann würden wir allein dadurch 15 Milliarden Euro zusätzliches Vermögen Jahr für Jahr schaffen.

Denken Sie, dass der Brexit und das angespannte politische Klima sich negativ Ihr Geschäftsmodell und die Fintech-Szene auswirken werden?
Grundsätzlich ist Unsicherheit nie förderlich. Unsicherheit führt zu Vertrauensverlust, verzögert Entscheidungen und sorgt so oft für Stillstand – zumindest zeigt der Brexit Instabilität und die fehlenden finalen Regelungen sowie ständigen Verschiebungen setzen diese Situation für alle Marktteilnehmer fort. Das gilt für Kunden sowie alle Unternehmen. Für einige Unternehmen der Fintech-Szene, die international aufgestellt sind, ist die aktuell unklare Situation besonders brenzlig, da Großbritannien und insbesondere London in Europa eine wichtige Stellung einnehmen.

Der Brexit widerstrebt unserer Vision vom Einreißen von Grenzen sowie eines pan-europäischen Marktplatzes. Dennoch, wir haben uns frühzeitig auf den Brexit vorbereitet und wollten uns langfristig Unabhängigkeit sowie den Marktzugang sichern. Unsere Lösung im Zuge unserer UK-Expansion war, dass wir einfach britisches Start-up gekauft haben. So haben wir ein voll lizenziertes lokales britisches Unternehmen mit britischen Mitarbeitern, um selbst bei einem kalten Brexit unabhängig agieren können. Demnach beeinflusst uns ein Brexit nicht so stark wie andere Fintech-Unternehmen.