Werden Banken obsolet?

Jonathan McPhail

Interview mit Jonathan McPhail, Global Innovation Lead bei Finastra

Technologische Herausforderungen, die der Digitalisierung geschuldet sind, sowie komplexe Regulierungen, steigende Anforderungen der Kunden und der Aufstieg von Fintechs können als die Triebfedern der Disruption des Bankensektors gesehen werden. Jonathan McPhail, Global Innovation Lead bei Finastra, einem der weltweit größten Finanztechnologieanbieter, zeigt auf wohin die Reise führt.

Welchen Wandel im Bankgeschäft beobachten Sie derzeit?

Der Wandel im Privatkundengeschäft wird durch die Nachfrage der Kunden nach Finanzprodukten und -dienstleistungen vorangetrieben, die kontextabhängig als integrierte Erlebnisse über verschiedene Kanäle angeboten werden sollten. Die Herausforderung für die Banken besteht darin, dass sie oft nicht Eigentümer dieser Vertriebskanäle sind, also des Kontextes, in dem die Dienstleistungen erbracht werden müssen.

Der Wechsel von der direkten, bewussten Interaktion mit einer Bank zur Erfüllung finanzieller Angelegenheiten hin zu einem kontextbezogenen, indirekten Konsum ist sowohl eine Chance als auch eine Bedrohung.

Wie werden Banken mit dem neuen kontextbezogenen Modell Geld verdienen?

Durch den Konsum von Finanzprodukten und -dienstleistungen wird Banking-as-a-Service (BaaS) monetarisiert. Der klare Fokus für BaaS muss daher auf der Ermöglichung der Nutzung liegen. Für Nutzer ist es entscheidend, sich auf diskrete, profitable und differenzierende Use Cases zu fokussieren, die mit der eigenen Strategie im Einklang stehen. Wenn beispielsweise eine Marke wie eine Fluggesellschaft damit beginnt, eingebettete Finanzprodukte in ihrem Kontext anzubieten, muss sie nicht nur Girokonten in mehreren Währungen für ihre treuen Kunden anbieten, sondern auch angrenzende Produkte wie grenzüberschreitende Zahlungen, Hypotheken, Kreditkarten und Anlagedienste. Die Banken, die es Marken ermöglichen, aus einem Produktspektrum von hilfreichen Dienstleistungen auszuwählen, werden als lizenzierte Produktanbieter an erster Stelle stehen.

Die Marktchancen von Banking-as-a-Service sind enorm und werden bis zum Jahr 2030 auf mehr als 3,6 Billionen Dollar Umsatz geschätzt. Die Umstellung auf das neue kontextbezogene Geschäftsmodell erfordert für viele Finanzdienstleister neben der richtigen Technologie auch eine Abkehr von der etablierten Software und den traditionellen Prozessen.

Also halten Sie Banking-as-a-Service für die Zukunft der Banken?

Ja, absolut. Banking-as-a-Service wird einen völlig neuen Markt für bislang unerfüllte Finanzbedürfnisse schaffen. Die aktuellen Probleme werden sich in Chancen verwandeln. Einem Teilnehmer in der Baubranche beispielsweise könnte eine App zur Verfügung gestellt werden, die es ermöglicht, verfügbare Immobilien zu finden, Kauf- und Entwicklungskosten sofort zu finanzieren, Materialien und Dienstleistungen von lokalen Auftragnehmern zu beschaffen, elektronische Rechnungen zu empfangen und zu versenden und einen maßgeschneiderten Versicherungsschutz zu erhalten. Dies erfordert eine Reihe von Dienstleistungen und Produkten, die nahtlos in den Wertschöpfungszyklus der Immobilienentwicklung integriert werden müssen. Um hier eine führende Rolle zu spielen, müssen die Banken ihre Kernaktivitäten öffnen. Wer sich dem Paradigma des Open Finance zuwendet, wird First Mover Vorteile haben.

Warum gibt es überhaupt noch Banken? Benötigen Unternehmen in Zukunft weiterhin eine Bank zur Erbringung ihrer Dienstleistung oder werden sie komplett eigene Finanzdienstleistungen anbieten können?

Die Bereitstellung lizenzierter Finanzdienstleistungen wird immer die Einbeziehung einer Bank erfordern. Die Kernaussage ist, dass der Kontext, in dem die lizenzierte Dienstleistung erbracht wird, einen wesentlichen Mehrwert über die Banklizenz hinaus hat. Unternehmen sollten aktiv nach Möglichkeiten suchen, den Wert von kontextbezogenem Banking zu heben, indem sie selbst Anbieter werden oder sich mit anderen Anbietern zusammenschließen, die Finanzprodukte im Rahmen von Banking-as-a-Service bereitstellen.

Zudem können Banken und die Unternehmen, mit denen sie zusammenarbeiten, aus dem Vertrauen, das Banken sich bei Konsumenten aufgebaut haben, Kapital schlagen, indem sie zeigen, dass die vertrauenswürdige Marke der Bank hinter den BaaS-Funktionen steht. Also warum nicht ein Bankkonto bei einem Supermarkt, einer Fast-Fashion-Kette oder einem Fußballverein eröffnen, bei dem man sowieso schon Kunde ist.