„Technologisch brauchen wir uns Deutschland nicht zu verstecken.“ – Interview mit Ralf Keuper

„Technologisch brauchen wir uns Deutschland nicht zu verstecken.“ – Interview mit Ralf Keuper

Als Bank- und Diplomkaufmann beschäftigt sich Ralf Keuper auf seinem Blog „Bankstil“ schon seit einiger Zeit mit der Akzentverschiebung im Banking durch die Digitalisierung. Im Interview erläutert uns der Finanz-Blogger, warum es aktuell zwar nicht für die Poleposition reicht, sich die deutsche Finanzbranche technologisch aber keineswegs verstecken muss.

Was sind aus Ihrer Sicht die drei wichtigsten Zukunftstrends im Finanzsektor?

Die größte Bedeutung in den kommenden Jahren im Finanzsektor hat das Management der digitalen Identitäten, da sie darüber entscheiden, ob die Banken sich gegen die großen Internetkonzerne wie Apple, Google oder Amazon, noch behaupten und den direkten Kontakt zu ihren Kunden aufrechterhalten können. Die Antwort sind u.a. Banken für digitale Ethik und Personal Data Banks. Digitale Identitäten erlangen den Status eines Zahlungsmittels.
Wichtig ist auch die Entwicklung im Bereich der neuen Technologien; genannt seien die Blockchain und künstliche Intelligenz. In den nächsten Jahren bewegen wir uns in Richtung eines post-digitalen Bankings, in dem die Kooperation der Medien (Smartphones, Tablet PCs, Smartwachtches, Internet der Dinge, Chatbots) das klassische Banking überlagert.
Weiterhin werden wir sehen, wie Banken ihr Organisationsmodell ändern, wobei sie sich an der sog. Plattformökonomie orientieren, d.h. die Öffnung für Dritte, wie Fintech-Startups, und der Aufbau und die Pflege eines Ökosystems.

Aktuell kommt es einem vor, als würde die deutsche Finanzbranche im internationalen Wettbewerb immer weiter nach hinten durchgereicht. Täuscht der Eindruck?

Der Eindruck kann entstehen, wenn man den Blick ausschließlich auf die aktuellen Ertragszahlen sowie die Bilanzsummen heftet. In der Vergangenheit hat das, wie derzeit wieder, zu der Forderung geführt, dem Beispiel der US-amerikanischen und britischen Geldhäuser zu folgen, was sich im Nachhinein in vielen Fällen als desaströs erwiesen hat. Die amerikanischen, britischen und asiatischen Banken müssen erst noch zeigen, wie nachhaltig ihr Geschäftsmodell ist. Solange das Investmentbanking alten Stils, oder, wie in China das florierende Schattenbankensystem, für die Gewinnsteigerungen in hohem Maß verantwortlich sind, tun die deutschen Institute gut daran, die Mühen der Ebene zu wählen, da es unserem Wirtschafts- und Bankstil am ehesten entspricht – in der Schweiz hat man sich anscheinend für diesen Weg entschieden. Nötig sind neue, solide Einnahmequellen abseits des klassischen Bankings.
Technologisch brauchen wir uns, vor allem mit Blick auf die Fintech-Szene, in Deutschland nicht zu verstecken. Wir verfügen hierzulande über ein robustes und vielseitiges Fintech-Startup-Ökosystem mit den Hauptzentren Berlin und Frankfurt und weiteren Zentren, wie in München und Hamburg, welche inzwischen die gesamte Bandbreite abdecken. Die Investitionssummen in Fintech-Startups sind im internationalen Vergleich in den letzten Jahren deutlich gestiegen, während sie woanders zurückgehen, was aber wohl daran liegt, dass der Investitionsboom dort schon eher eingesetzt hat als hier.
Die deutschen Banken sind in den letzten anderthalb Jahren dazu übergegangen, sich dem Stilwandel, der nicht nur technologisch getrieben ist, sondern auch vom Zeitgeist und vom Wertewandel, zu öffnen, u.a. durch die Gründung von Inkubatoren und Innovationslabs. Übrigens: Mit dem HBCI-Standard haben die deutschen Banken bereits in den 1990er Jahren das geschaffen, was heute unter dem Schlagwort Open Banking kursiert.

Welche Länder sehen Sie im international Vergleich in Sachen Innovationen ganz vorne?

Im Banking vorne sind derzeit, so weit ich sehen kann, die skandinavischen Länder und einige asiatische wie Singapur, Hong Kong und in Teilen Südkorea. Japan fällt im Vergleich derzeit noch zurück. Und nicht zu vergessen: Großbritannien mit dem weltweit führend Fintech-Hub London. In China beschränken sich die Innovationen nach meinem Eindruck auf Alibaba/Ant Financials/Alipay und Tencent/WeChat. In Indien gilt das für Paytm. Die letztgenannten Länder werden, alleine ihrer Größe wegen, in den nächsten Jahren deutlich aufholen und in Sachen Innovationen zum Taktgeber werden. Die USA sind im Banking bei weitem nicht so innovativ, wie hierzulande angenommen und häufig kolportiert wird. Da ist Kanada zielstrebiger, wenngleich unter dem Radar.
Deutschland würde ich ähnlich wie die Schweiz und Österreich im guten Mittelfeld sehen – also keinesfalls abgehängt. Der Befund gilt m.E. für Kontinentaleuropa, mit leichten Abstrichen für Osteuropa, insgesamt. Australien ist vielleicht der interessanteste Markt, da hier die verschiedenen Entwicklungen, sowohl technologischer wie organisatorischer Art, in komprimierter Form ablaufen und sich dort besonders gut beobachten lassen.

Glauben Sie, dass die PSD2-Richtlinie einen Innovationsschub im Finanzsektor auslösen wird?

PSD2 wird zu einem Innovationsschub führen, vor allem was die Schaffung neuer Organisationsmodelle/Kooperationsmodelle betrifft. Vorstellbar ist, dass wir Data bzw. Identity Broker und Trusted Service-Anbeiter bekommen, die sich zwischen die Banken und die Kunden schalten. Das Einsatzfeld reicht dabei von Vergleichsplattformen, das digitale Onboarding über Cybersicherheit bis hin zu sog. Datenaggregatoren. Weitere Modelle, die wir heute noch nicht sehen, sind wahrscheinlich.

Haben die klassischen Banken auf lange Sicht überhaupt noch eine Zukunft?

Klassische Banken, wie die alte Universalbank mit ausgedehntem Filialnetz und als Haupteinnahmequelle die Zinsdifferenz, werden in Zukunft kaum noch eine Chance haben. Die Bank, wie wir sie heute noch kennen, wird es in Zukunft nicht mehr geben. Banken werden die Gestalt digitaler Plattformen annehmen, um so im Alltag der Kunden noch wahrgenommen zu werden. Die Filiale wird nicht völlig verschwinden, jedoch an Bedeutung für die Kommunikation mit den Kunden weiter abnehmen. Die Banken werden sich neue Erlösquellen suchen müssen. Die klassischen Zinsen und Gebühren werden dazu allein nicht mehr reich. Insofern könnte sich in den nächsten Jahren die Prognose von Ulrich Cartellieri aus dem Jahr 1990 bewahrheiten, wonach die Bankbranche die Stahlbranche der Zukunft ist.

Welcher Finanz-/Zahlungsdienstleister ist aus Ihrer Sicht besonders innovativ und warum?

Eindeutig Wirecard. Wirecard hat es bis jetzt geschafft, sich in dem hartumkämpften Payments-Markt zu behaupten, ihre Marktposition ebenso wie ihr Leistungsangebot auszubauen und die Internationalisierung (Beispiel Alipay) voranzutreiben. Dabei legen sie ein hohes Tempo vor.

Welche Bedeutung haben die neuen Technologien im Finanzsektor für…
…Kunden:
Um von jedem Ort zu jeder Zeit ihre Bankgeschäfte abwickeln zu können.
…Banken:
Um den Anschluss an die Entwicklung nicht zu verlieren.
…Investoren:
Um an den Chancen des Wandels im Banking zu partizipieren.
…Fintechs:
Um ihren Vorsprung gegenüber den Banken zu halten und so als Partner interessant zu bleiben.

Welche drei Fintechs aus Deutschland sollte man auf jeden Fall im Auge behalten?
– WeltSparen
– N26
– figo


Als Bank- und Diplomkaufmann beschäftigt sich Ralf Keuper auf seinem Blog „Bankstil“ schon seit einiger Zeit mit der Akzentverschiebung im Banking durch die Digitalisierung. Als Folge dieses Richtungswechsels entstehen neue Geschäftsmodelle, die zu einer Disintermediation im Banking führen, d.h. die Rolle der Banken als „Hüter des Geldes“ gerät ins Wanken. An vielen Orten entstehen derzeit FinTech-Startup-Ökosysteme, die stellvertretend für den Wandel im Banking stehen.
Das alles ist Ausdruck eines Stilwandels im Banking, der weit über das Thema Technologie hinaus geht. Daher auch der Name des Blogs – Bankstil.
Digitales Magazin zur Banken im Umbruch 2017
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