Nur digital transformierte Banken und Versicherer werden langfristig überleben

von Dr. Birte Sewing

Die Corona-Pandemie hat die Nachfrage nach digitalen Finanzdienstleistungen in Deutschland weiter befeuert. Aufgrund der besonderen Situation, geschlossenen Filialen und Büros, haben Kunden digitale und mobile Produkte vermehrt zu schätzen gelernt. Statt in einer Geschäftsstelle wurden nahezu alle Anliegen – soweit diese angeboten wurden – digital abgewickelt. So ist beispielsweise die Nutzung von Online-Versicherungskanälen während der Covid 19-Krise um über 40% angestiegen. Der wachsende Bedarf nach digital verfügbaren Produkten und Prozessen ist mehr denn je ein Weckruf an die Branche, sich für die Zukunft zu rüsten.

Jedoch steht Deutschland hinsichtlich der Digitalisierung im globalen Vergleich bisher nur bedingt gut da. Andere Märkte, wie China, Indien, die USA oder auch Brasilien, sind Deutschland weit voraus, was die Infrastruktur im Allgemeinen und auch die Akzeptanz von digitalen Lösungen innerhalb der Gesellschaft und in Bezug auf Finanzdienstleistungen betrifft. Oftmals sind Prozesse und Produkte bisher nur oberflächlich digitalisiert worden und es wird an Altbewährtem festgehalten. Ein offenkundiges Beispiel ist die Bargeldnutzung: Wenngleich die Nutzung von mobilen Zahlungsmöglichkeiten in Zeiten von Corona von einem niedrigen Niveau stark angestiegen ist, hat Bargeld hierzulande weiterhin eine elementare Bedeutung.

Neue Geschäftsmodelle statt Sparprogramme
Traditionelle Banken und Versicherer erfreuen sich weiterhin einer hohen Markenbekanntheit. Jedoch sind die Kundenzahlen rückläufig und die Einnahmequellen oftmals nicht nachhaltig. In der aktuellen Krise erscheinen Sparmaßnahmen als naheliegende Lösung und kurzfristig umzusetzende Strategie. Sparmaßnahmen allein können nicht die Antwort auf Herausforderungen der Branche sein. Die fehlenden Investitionen und Budgetkürzungen wirken sich langfristig negativ auf Innovationen aus, wodurch wiederum zukünftige Einnahmen wegfallen. Die Abwärtsspirale aus Verlusten und negativem Wachstum wird so nicht durchbrochen.

Meine klare Überzeugung lautet daher: Anstatt ausschließlich Sparprogramme zu forcieren, müssen nachhaltige und zukunftsweisende Geschäftsmodelle entwickelt werden, die auf digitalen Lösungen basieren und den Kunden einen echten Mehrwert bieten. Traditionelle Anbieter können nur dann wettbewerbsfähig bleiben, wenn sie dies verinnerlichen und die digitale Transformation entschieden weiterführen.

Kontextuelles Banking als ein möglicher Lösungsansatz
Eine Möglichkeit von der zunehmenden Digitalisierung zu profitieren und zusätzliche Einnahmequellen zu erschliessen, ist der Trend zu intuitiven, kontextuellen Angeboten. Hierbei werden Finanzprodukte in andere Verkaufsprozesse oder Kundeninteraktionen integriert und dem Verbraucher im richtigen Moment angeboten – beispielsweise durch ein maßgerechtes Kredit- oder Leasingangebot auf der Webseite eines E-Bike-Verkäufers. Kontextuelles Banking basiert auf Algorithmen, die das Verhalten der Kunden analysiert. Mit diesen Informationen können Finanzprodukte an die individuellen Umstände angepasst werden. Der Kunde steht im Zentrum!

Die vielfältigen Möglichkeiten Banking in neue Kontexte zu bringen, zeigen sich am Beispiel der Solarisbank. Als Banking-as-a-Service-Plattform setzt die Solarisbank nicht nur auf die Zusammenarbeit mit Start ups, wie der Business Banking Plattform Penta, sondern bietet insbesondere auch traditionellen Unternehmen aus anderen Bereichen die Möglichkeit Bankprodukte in ihre Verkaufsprozesse zu integrieren. So ist kürzlich eine Kooperation zwischen der Solarisbank und Otto GmbH & Co KG, dem größten deutschen Onlinehändler, gestartet worden, welche zeigt, dass Finanzprodukte in alle Richtungen weitergedacht werden können. Durch diese Spieler wird der Markt erweitert und Innovationen durch neue Geschäftsmodelle vorangetrieben.

Transformation und Digitalisierung durch Zusammenarbeit beschleunigen
Traditionelle Finanzdienstleister können die Geschwindigkeit ihrer Transformation erhöhen und Umsetzungsrisiken verringern, indem sie gezielt die Zusammen arbeit mit innovativen Fintechs suchen. So schaffen bei spielsweise die PSD2 Direktive und die Weiter entwicklungen im Bereich des Open Bankings neue Möglichkeiten für Kooperationen. Mithilfe von Standard-Schnittstellen ist eine schnelle und unkomplizierte Integration möglich, um Kunden gemeinsam die besten Lösungen anzubieten. Mit Produkten wie beispielsweise dem Kontowechsel oder dem Account Information Service des SaaS-Anbieters finleap connect, werden neue, digitale Lösungen angeboten, die den Kundennutzen erhöhen. So können die Wertschöpfungsketten von Banken und Versicherern durch Fintechs positiv erweitert werden.

Genau diese Modelle der Zusammenarbeit werden in Zukunft immer relevanter und über den Erfolg der beteiligten Parteien entscheiden. Durch Kooperationen können Win-win-Situationen für die hiesige Finanzbran-
che geschaff en und die Wettbewerbsfähigkeit gesteigert werden. Hierzu müssen traditionelle Unternehmen Mut beweisen, sich auf ihre Stärken konzentrieren und Fintechs mit ihrem kundenzentrierten Ansatz partnerschaftlich einbinden. Damit bindet man langfristig Kunden und sichert Einnahmen. Hier bietet die aktuelle Krise eine ernstzunehmende Chance als Katalysator für die weitere digitale Transformation, die wir gemeinsam nutzen müssen.

„ Der wachsende Bedarf nach digital verfügbaren Produkten und Prozessen ist mehr denn je ein Weckruf an die Branche, sich für die Zukunft zu rüsten.“

 

Dr. Birte SewingDr. Birte Sewing
Geschäftsführerin und Chief Operating Officer (COO)
Finleap

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