Make or Buy – Mittelstand trifft neue Digitalisierungswelle




von Dr. Michael Diederich

Die Digitalisierung stellt Unternehmen zunehmend vor die Frage Make or Buy – selbst entwickeln oder kaufen? Denn es ist offensichtlich: Die Dynamik der Digitalisierung nimmt deutlich zu.

Kaum ein Unternehmen kann sich dieser Entwicklung entziehen. Jedes muss eine Antwort darauf finden, wie die Digitalisierung des eigenen Geschäftsmodells gestaltet werden kann.

Wurde die Digitalisierung bisher überwiegend dazu genutzt, bestehende Geschäftsmodelle zu optimieren oder zu erweitern, verändert sie die Geschäftsmodelle mittlerweile selbst. Getrieben wird dieser Wandel zum einen durch eine zunehmende Automatisierung der Wertschöpfungskette. Und zum anderen durch einen sich immer weiter ausbreitenden Einsatz von Robotern und automatisierten ITAnwendungen bis hin zu künstlicher Intelligenz. Das zwingt Unternehmen, sich von Liebgewonnenem zu trennen, manchmal Kerngeschäfte aufzugeben oder sogar die Branche zu wechseln. Eine Chance, die bislang vor allem große Spieler nutzen, die aber zunehmend auch dem deutschen Mittelstand neue Perspektiven eröffnet.

Die bevorstehende Einführung des 5G-Mobilfunkstandards ist dafür ein Beispiel. Sie wird die Möglichkeiten der mobilen Nutzung des Internets nochmals deutlich ausweiten. Nicht nur für die Telekommunikationsanbieter, sondern für Unternehmen aller Industrien – einschließlich der Finanzindustrie. Eine höhere Geschwindigkeit und Stabilität im Netz eröffnen für die digitale Produktion in allen Bereichen neue Perspektiven. Die Folgen: Verwerfungen in Wertschöpfungsketten, Umverteilung von Risiken, Veränderungen in der Logistik, aber auch neue Ansätze in der Unternehmenssteuerung.

Eine höhere Geschwindigkeit und Stabilität im mobilen Netz eröffnen für die digitale Produktion in allen Bereichen neue Perspektiven.

Vor diesem Hintergrund machen wir bei Gesprächen mit unseren Kunden überraschende Erfahrungen: Etwa zwei Drittel der mittelständischen Unternehmen stellen aktuell kaum Auswirkungen der Digitalisierung auf ihr Geschäftsmodell fest. Eine ähnlich große Gruppe sieht jedoch in den kommenden fünf Jahren starke Veränderungen auf sich zukommen. Damit steht auch den Banken als Wegbegleiter und Finanzpartner der deutschen Wirtschaft die größte Dynamik bei der Digitalisierung noch bevor.

Bisher finanziert der Mittelstand rund drei Viertel seiner Digitalisierungsinvestitionen aus dem Cash flow. Angesichts der enormen Höhe notwendiger Investitionen wird dies für die meisten Unternehmen nicht dauerhaft haltbar sein. Zukünftig werden Fremdfinanzierungen über Bank- und Förderkredite sowie Kapitalmarktlösungen eine zunehmende Rolle spielen. Banken sind hier sowohl als Kreditgeber wie auch als Anbieter für Kapitalmarktzugänge gefragt und gefordert.

Dabei ist von entscheidender Bedeutung, zu einer verlässlichen Risikobewertung zu kommen. Bei digitalen Projekten bestehen die Assets in der Regel aus immateriellen Werten, also Patenten, Datenbanken oder ähnlichem. Entsprechend brauchen die Banken erhebliches digitales Knowhow, um hochwertigen Service für ihre Kunden zu gewährleisten. Gleichzeitig müssen sie veränderte Methoden der Kreditwürdigkeitsprüfung anwenden, um den Besonderheiten von sich digital entwickelnden Unternehmen gerecht zu werden.

Innovatives Banking im Digitalzeitalter bedeutet aber noch mehr: Hoch entwickelte digitale Bankdienstleistungen, komfortable digitale Zugänge und die Kompetenz zur Begleitung von Digitalisierungsthemen werden vorausgesetzt. Darüber hinaus erwarten die Unternehmen zunehmend ein Servicebündel, das weit über klassische Bankdienstleistungen hinausgeht.

So wird die Rolle der Bank erweitert hin zu einem Vermittler von digitalen Zusatzdienstleistungen für Unternehmen. Nach unseren Erfahrungen erwarten Kunden beispielsweise überzeugende Beratungsleistungen im Bereich der CyberSecurity und den Zugang zu Startups, die zur eigenen Unternehmensdigitalisierung beitragen können.

Banken, die auf dem Gebiet der Digitalisierung umfassend „lieferfähig“ sind, haben sehr gute Chancen, die Zusammenarbeit mit ihren Unternehmenskunden deutlich zu stärken und sich als strategischer Partner zu positionieren.

Die HypoVereinsbank hat dazu bereits verschiedene Zeichen gesetzt: Mit Instant Payment ist sie in Deutschland Vorreiter bei Echtzeitüberweisungen. Auf unserer Plattform my.onemarkets können auf die Bedürfnisse des einzelnen Kunden maßgeschneiderte Anlageprodukte mit individueller Wertpapierkennnummer gestaltet werden. Mit dem Betreuungsmodell „Business Easy“ steht eine umfassende digitale Plattform für kleinere Mittelstandskunden zur Verfügung. Darüber hinaus bieten wir für Trade FinanceBedarfe unter dem Namen we.trade die Nutzung der BlockchainTechnologie an. Alles Beispiele, die zeigen, wie stark die Digitalisierung auch im Bankgeschäft Innovation zum Vorteil der Kunden fordert und fördert. Und das beschränkt sich nicht auf neue digitale Produkte und Services. Die Digitalisierung ist auch ein zentrales Instrument, um Prozesse einfacher und effi zienter zu machen und so Mitarbeitern mehr Zeit für die Kundenbetreuung zu geben.

Dr. Michael Diederich ist Sprecher des Vorstandes der HypoVereinsbank (UniCredit Bank AG)  sowie Country Chairman Germany und Mitglied des Executive Management Committee der UniCredit