Kundenzentrische Ökosysteme im Visier

Kundenzentrische Ökosysteme im Visier

Interview mit Dr. Roland Folz, CEO Solarisbank

Viele Banken investieren in die Digitalisierung ihrer Geschäftsmodelle. Neue Partnerschaften mit der Fintech-Szene helfen dabei, den Kunden stärker in den Mittelpunkt zu stellen.

Wo sehen Sie die Zukunftstrends und -chancen im Finanzsektor?

Der Finanzsektor befindet sich seit Jahren im Umbruch. Es gibt verschiedene Treiber dieser Transformation, doch gerade im Corona-Jahr wurde deutlich, welche disruptive Wirkung die veränderten Kundenbedürfnisse haben. Die Pandemie hat die neuen Erwartungen der Kunden im Hinblick auf Qualität, Kosten und Verfügbarkeit von digitalen Finanzdienstleistungen verdeutlicht, neue Wettbewerber und Innovationen hervorgebracht und dadurch den Druck auf die gesamte Branche erhöht. Wir erleben einen Trend weg von produkt-fokussierten Geschäftsmodellen hin zu kundenzentrischen Ökosystemen. Hierin liegt auch die große Chance. Angetrieben vor allem durch den Markteintritt der Big Techs, investieren viele Banken nun in die Digitalisierung ihrer Geschäftsmodelle und bauen Partnerschaften mit der Fintech-Szene aus. Der Kunde rückt wieder mehr ins Zentrum des Handelns. Es ist wichtig, dieses „digitale Mindset“ weiter zu fördern und in der Unternehmenskultur zu verankern.

Sie haben gesagt, dass es nur eine Frage der Zeit ist, wann sich Embedded Finance, also die Integration von Finanzdienstleistungen in Produkte und Prozesse von Nichtbanken, durchsetzt? Warum?

Ich bin überzeugt, dass die Zukunft im kontextuellen Banking liegt. Kunden wollen eine Finanzdienstleistung insbesondere dann abrufen, wenn sie im Rahmen einer Konsumentscheidung benötigt wird. Führende globale Marken wie Samsung, Apple oder Amazon, aber auch zahlreiche regionale und lokale Marken-Ökosysteme haben die Vorteile von Embedded Finance bereits früh erkannt. Sie können die Kundenloyalität steigern, die Anzahl der Kundenkontakte erhöhen und zusätzliche Einnahmen generieren. Wir stehen zwar noch am Anfang dieser Entwicklung, aber wir wissen, dass sich schon heute mehr als die Hälfte der Menschen in Deutschland vorstellen können, mit ihrem Bankkonto zu einem E-Commerce-Anbieter zu wechseln.

Diese Entwicklung ist in China und den USA schon weiter. Die Solarisbank will ins Ausland expandieren. Inwieweit sehen sie da Chancen für ein deutsches Fintech?

Es stimmt, Europa hat im Vergleich zu China und den USA ein größeres Wachstumspotenzial. Gleichzeitig gibt es unterschiedliche Voraussetzungen in europäischen Ländern, etwa bei regulatorischen Vorgaben oder Datenschutz. Mit über 500 Millionen Einwohner bietet Europa dennoch ein gewaltiges Potential für Embedded Finance und somit eine enorme Chance für uns zu skalieren. Unser Ziel als Solarisbank ist es, die führende pan-europäische Plattform für Banking-as-a-Service aufzubauen. Im zweiten Halbjahr dieses Jahres beschleunigen wir unsere Expansion mit eigenen Niederlassungen in Frankreich, Italien und Spanien. Ein wirklich einheitlicher europäischer Binnenmarkt für digitale Finanzdienstleistungen würde nicht nur uns sondern allen Fintechs mit internationalen Wachstumsplänen helfen, sowie die Wettbewerbsfähigkeit von Europa als starkem Standort für Finanzinnovationen verbessern.

Wie sollten die etablierten Banken darauf reagieren, dass immer mehr Marken zu neuen Banken werden?

Sie sollten den bereits eingeschlagenen Weg der digitalen Transformation fortsetzen und eher noch beschleunigen. Was etablierte Banken von den Neobanken oder Big Techs lernen können, ist vor allem kundenzentrisches Denken und das Kundenerlebnis in den Mittelpunkt ihrer Strategie zu stellen. Dabei werden sie schnell herausfinden, ob ihr Leistungsversprechen vom Kunden gespiegelt wird und welche Rolle sie in Zukunft einnehmen können.

Wie stellen Sie sich in Zukunft die Kooperation und den Wettbewerb zwischen Fintechs und etablierten Banken vor?

Natürlich gibt es viele Fintechs, die sich auf Erneuerungen und Verbesserungen innerhalb der bestehenden Wertschöpfungskette der Banken fokussieren. Diejenigen Banken, welche sich offen den Lösungen der Fintechs und den daraus resultierenden Veränderungen stellen, werden sicherlich davon profitieren.

Andererseits gibt es auch zunehmend Wettbewerb zwischen Fintechs und Banken, wodurch viel innovativer Kundennutzen erzeugt wird. Gerade wenn Fintechs sich auf bestimmte Zielgruppen fokussieren und einen sehr spezifischen Mehrwert anbieten, differenzieren sie sich erfolgreich. Das digitale Kundenerlebnis und die schnelle Skalierbarkeit des Geschäftsmodells sind erfolgskritische Parameter. Durch die Kooperationen mit Banking-as-a-Service-Anbietern wie der Solarisbank können sich Fintechs voll und ganz auf den bestmöglichen Service für den Endkunden fokussieren, sie müssen sich zum Beispiel nicht mit den regulatorischen Herausforderungen beschäftigen und können so mit ganzer Kraft innovative, teilweise disruptive Neuerungen vorantreiben.