Interview mit Marija Kolak, Präsidentin des Bundesverbands der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR)

Interview mit Marija Kolak,

„Wir wollen das genossenschaftliche Geschäftsmodell weiterentwickeln“

Die Volks- und Raiffeisenbanken bieten der neuen digitalen Konkurrenz die Stirn und entwickeln Dienstleistungen jenseits des klassischen Bankengeschäfts, beispielsweise zum Thema Wohnen und Gesundheit. 

Die Welt erlebt mit den geopolitischen Verwerfungen gerade eine Zeitenwende. Wie wirkt sich die Entwicklung auf die Volks- und Raiffeisenbanken aus?

Der Krieg gegen die Ukraine markiert eine Zeitenwende – politisch wie wirtschaftlich. Die Welt droht wieder in Blöcke zu zerfallen. Die Globalisierung wird neu ausgerichtet. Internationale Lieferketten müssen neu justiert werden. Dennoch sind die direkten Auswirkungen des Ukraine-Krieges auf die 772 Genossenschaftsbanken bislang überschaubar. Wir sehen weiterhin ein Wachstum bei Krediten und Einlagen. Auch die Eigenkapitalbasis der genossenschaftlichen FinanzGruppe konnte weiter gestärkt werden, was die Resilienz gegen mögliche wirtschaftliche Belastungen weiter erhöht.

Wie reagieren die Häuser auf die wirtschaftlichen Folgen der aktuellen Entwicklung?

Die Banken passen ihre Szenarien-Planung an und schauen sich mögliche Zusammenhänge genau an. Wo das nötig ist, wird mit den betroffenen Firmenkunden nach Lösungen gesucht.

Inwieweit müssen die Volks- und Raiffeisenbanken deshalb ihr Geschäftsmodell anpassen?

Eine Anpassung der Geschäftsmodelle aufgrund der globalen Verwerfungen sehe ich im Moment nicht. Im Gegenteil: Der Krieg in der Ukraine beschleunigt den Wandel weg von fossilen Energien hin zu einer nachhaltigeren und resilienteren Wirtschaft. Hierfür werden im großen Umfang Investitionen benötigt, auch von Seiten des Mittelstands, dem wir traditionell eng verbunden sind.

Auch wenn alle derzeit vom Krieg reden, so ist doch das Thema nachhaltige Transformation für die Wirtschaft und die Banken künftig wichtig. Welche Rolle spielen die ESG-Themen für die Volksbanken und Raiffeisenbanken?

Die genossenschaftliche FinanzGruppe tritt für Nachhaltigkeit in all ihren Ausprägungen ein. Denn wir alle haben eine Verantwortung dafür, dass unsere Umwelt für die nachfolgenden Generationen lebenswert bleibt. Nachhaltigkeit in den drei von Ihnen genannten Ausprägungen Umwelt, Soziales und gute Unternehmensführung passt auch sehr gut zu uns. Denn in vielen Dingen sind wir schon immer nachhaltig gewesen. Denken Sie nur an die genossenschaftliche Mitbestimmung. Daher haben wir beim BVR ein umfangreiches Projekt aufgelegt, um alle Genossenschaftsbanken in die Lage zu versetzen, Nachhaltigkeit als strategisches Thema durchgängig zu verankern und die damit verbundenen Chancen und Risiken systematisch managen zu können.

Werden die ESG-Kriterien nach Ihrer Einschätzung in Zukunft über die Finanzierungen entscheiden?

Diese Kriterien werden wichtiger, denn Umweltrisiken werden zum Beispiel zunehmen. Aber die klassischen Kriterien der Kreditvergabe – wie die Kapitaldienstfähigkeit – werden sie nicht ersetzen. Zugleich muss die Sustainable-Finance-Regulatorik umsetzbar bleiben. Der Gesetzgeber darf nicht zu kleinteilige Vorgaben machen. Sonst wird die Transformation hin zu einer nachhaltigen Wirtschaft für viele mittelständische Betriebe kaum beherrschbar. Bestes Beispiel ist die von der EU-Kommission vorgesehene Taxonomie. Diese ist wichtig, da so ein EU-weites Klassifikationssystem für nachhaltige Wirtschaftsaktivitäten mit einheitlichen Begrifflichkeiten geschaffen wird. Aber angesichts der Detailtiefe und Komplexität ist bedauerlicherweise ein „Taxonomiekoloss“ entstanden, der für viele Firmen schwer anwendbar erscheint. Da die Banken zunehmend auf die Nachhaltigkeitsdaten der Realwirtschaft angewiesen sind, bedarf es eines engen Austauschs zwischen Bank und den finanzierten Unternehmen.

Wie wird die Digitalisierung das Geschäft der Volksbanken und Raiffeisenbanken verändern?

Die Digitalisierung ist ja an sich kein neues Phänomen, sondern schon viele Jahre Realität. Aber die Geschwindigkeit mit der mehr und mehr Prozesse, Services und Dienstleistungen digitalisiert werden, hat sich die letzten Jahre nochmal deutlich beschleunigt. Daher haben wir vor mittlerweile vier Jahren eine Digitalisierungsoffensive gestartet. Diese wurde mit einem zusätzlichen Budget von 500 Millionen Euro ausgestattet. Die Atruvia als genossenschaftlicher IT-Dienstleister hat als technische Grundlage eine neue Omnikanalplattform aufgebaut und den Ausbau der digitalen Zugangswege forciert. Für Privat- und Firmenkunden wurden u.a. verschiedene Selbstberatungstools, ein neues Onlinebanking und eine neue Banking-App realisiert. Weitere Lösungen und Leistungen für Kunden sind bereits verfügbar und werden folgen.

Welche zukünftigen Herausforderungen sehen Sie im Banking?

Die beschleunigte Digitalisierung hat neue Wettbewerber auf den Plan gerufen. Digitale Ökosysteme sind entstanden, die alle alltagsrelevanten Dinge für ihre Nutzer in einem optimalen Prozess organisieren wollen. Der sogenannte Kampf um den Zugang zum Kunden verlangt neue mutige Entscheidungen von uns Banken. Wir müssen im Alltag unserer Kundinnen und Kunden wieder eine stärkere Rolle einnehmen. Deshalb wollen wir das genossenschaftliche Geschäftsmodell weiterentwickeln und neue Ertragsquellen erschließen. Heute kann der Kunde alle Finanzdienstleistungen – Banking, Versicherung, Kontoführung, Zinssicherung, Finanzierung und so weiter – bei uns bekommen. In Zukunft wollen wir unseren Kunden darüber hinaus auch Dienstleistungen in banknahen und bankfernen Lebenswelten anbieten, z. B. Bauen und Wohnen, Gesundheit und Pflege. Das ist ein Mehrwert über das Banking und die klassische Finanzierung hinaus. Wir haben bereits Ansatzpunkte in der genossenschaftlichen Finanzgruppe, sehen aber z. B. auch viele Möglichkeiten bei unseren Kunden – Gewerbetreibende, Freiberufler, Unternehmer – und bei den Waren-, Dienstleistungs- und Handelsgenossenschaften. Da können wir aus dem Vollen schöpfen. Und damit eine höhere Alltagsrelevanz für unsere Kunden schaffen.

Die Fragen stellte Sabine Haupt