Interview mit Katharina Lüth, VP Europe bei Raisin

Interview mit Katharina Lüth, VP Europe bei Raisin

Fintechs unterstützen Banken

Die Kooperation zwischen verschiedenen Fintechs und etablierten Banken entwickelt sich zum Trend der Finanzbranche. Die Banken profitieren von innovativen Produkten, Fintechs vom Zugang zu den Kunden. Die Coronapandemie hat die Nachfrage nach digitalen Angeboten dabei noch beschleunigt.

Durch die Coronakrise hat die Digitalisierung Auftrieb gekommen. Dürfte sich damit auch das Wachstum der FinTechs noch beschleunigen?
Ja, auf jeden Fall. Von der Coronakrise profitieren viele digitale Fintech-Geschäftsmodelle, allerdings nicht gleich verteilt über alle Sektoren hinweg. Ich sehe besonders bei Trading-Plattformen starken Aufwind, aber auch Anbieter von Sparprodukten verzeichnen steigende Nutzerzahlen und deutlich höhere Anlagenvolumen. Außerdem wachsen B2B-Fintechs stark, zum Beispiel im Bereich Online-Identifikation. Etwas schwieriger sieht es bei Geschäftsmodellen im Kreditbereich aus, da viele Banken aktuell recht streng mit ihren Vergabekriterien sind.

Ihr Unternehmen kann den Kunden in Niedrigzinszeiten Anlagen mit attraktiven Zinsen vermitteln. Können etablierte Banken von Ihrer Strategie etwas lernen?
Der Ansatz von Raisin ist es, Produkte von Drittanbietern anzubieten und dem Kunden dafür das “Interface” und den Service drumherum zur Verfügung zu stellen. Für Banken können Kooperationen und Embedded Finance ebenfalls ein relevanter Ansatz sein, um nicht alles selbst aufzubauen und alle Features selbst anzubieten. Im Investmentbereich ist dieses Modell schon vielfach etabliert, es gewinnt Schritt für Schritt aber auch in anderen Bereichen, wie dem Geschäft mit Spareinlagen, an Bedeutung. Retailbanken, die aufgrund von Überliquidität den Kostendruck über Verwahrentgelte an ihre Kunden weitergeben, können ihnen so Alternativen bieten – sei es im Bereich Sparprodukte oder andere Geldanlageformen. So kann ein Win-Win-Win für alle entstehen.

Wie können FinTechs etablierte Banken bei ihren Innovationen unterstützen?
Fintechs bringen neue, innovative Produkte und Services hervor, die Banken als Anregung für das eigene Angebot dienen können – sei es im Rahmen einer Kooperation oder eigenen Entwicklung. Aber auch in der Digitalisierung von Prozessen sowohl auf Kundenseite als auch im Backoffice können Fintechs Banken unterstützen. Dies hat insbesondere im Rahmen der Coronapandemie noch einmal stark an Bedeutung gewonnen, da zum einen viele Verbraucher plötzlich nicht nur Bereitschaft gezeigt haben, auf Online-Prozesse umzustellen, sondern dies von ihren Banken auch erwartet haben. Und andererseits mussten sich die Banken selbst oft in Rekordzeit auf neue Arbeitsmodelle im Home Office umstellen, die wiederum eine Digitalisierung der Arbeitsabläufe erforderte. Hier konnten Fintechs Banken oft unterstützen, da es in der geforderten Geschwindigkeit nicht unbedingt möglich gewesen wäre jeweils selbst eine Lösung zu erarbeiten.

Sie haben in einem Interview einmal gesagt, dass etablierte Banken und FinTechs immer mehr aufeinander zugehen, voneinander lernen und sich viele interessante Partnerschaften bilden. Können Sie dafür Beispiele nennen?
Kooperationen sind definitiv ein Trend in der gesamten Finanzbranche. Raisin selbst ist hier sicherlich mit seinem Kooperationsansatz als Intermediär ein gutes Beispiel. Wir arbeiten europaweit mit über 100 Partnerbanken – darunter zum Beispiel Klarna und die Hypovereinsbank/Unicredit – zusammen, die ihre Sparprodukte über unsere Plattformen anbieten. Zudem kooperieren wir mit über 60 weiteren Banken und auch Fintechs, die über Raisin/WeltSparen verfügbare Produkte für ihre Kunden zugänglich machen.  Da viele Banken selbst ihren Kunden keine attraktiven Zinsen mehr bieten können oder sogar Negativzinsen erheben müssen, um Verwahrentgelte bei der EZB auszugleichen, sind verzinste Anlagemöglichkeiten für viele Hausbanken eine wichtige Alternative. Zu unseren Distributionspartnern gehören beispielsweise Fintechs wie N26, Qonto und Scalable Capital, aber auch eine wachsende Anzahl von Sparkassen, Volksbanken und Spardabanken. In Großbritannien arbeiten wir verstärkt mit Partnern wie AJ Bell und im Versicherungsbereich mit Aviva zusammen. Ein weiteres gutes Beispiel sind Servicing-Banken, die Finanzdienstleister und auch Fintechs dabei unterstützen, ihre Geschäftsmodelle zu realisieren, zu etablieren und zu skalieren. Neben der Solaris Bank ist beispielsweise auch unsere Raisin Bank im Bereich Banking-as-a-Service aktiv. Sie arbeitet mit vielen etablierten Playern wie Creditshelf zusammen und verhilft anderen Unternehmen wie dem italienischen Buy-now-pay-later-Spezialisten Scalapay zum Markteintritt in Deutschland. Entlang der Wertschöpfungskette werden wir sicherlich auch zukünftig noch viele interessante Kooperationen und Geschäftsmodelle sehen.

Sie sind die Kooperation mit einem britischen Versicherungskonzern eingegangen, der jetzt an seine Kunden auch ihre Produkte vermarktet. Ist das ein Weg der Zukunft für die gesamte Finanzbranche?
Ja, denn Embedded-Finance-Lösungen sind ein zukunftsweisender Schritt, um innovative Finanzprodukte und -services für den breiten Massenmarkt zu erschließen. Etablierte Unternehmen haben nach wie vor einen riesigen Vorteil gegenüber Fintechs: Sie erreichen eine extrem hohe Anzahl an Bestandskunden, die oft sehr loyal sind und den Schritt eines Anbieterwechsels häufig scheuen. Von Partnerschaften können sowohl Fintechs als auch etablierte Konzerne profitieren: Fintechs erhalten Zugang zu einer großen Anzahl an Kunden, die aus eigener Hand sehr kostenaufwändig zu akquirieren ist, und Banken oder Versicherungen können Ihren Kunden attraktive, digitale Produkte bieten, deren Eigenentwicklung für sie oft zu teuer und langwierig wäre.

Ihr Geschäftsmodell hat sich in Zeiten von Niedrigzinsen gut entwickelt. Fürchten Sie steigende Zinsen?
Ganz im Gegenteil. Wir würden uns sehr für unsere Kunden freuen, wenn die Zinsen wieder steigen würden. Unser Geschäftsmodell lebt davon, dass nicht jede Bank die gleichen Zinsen zahlt und am Finanzmarkt Wettbewerb und Angebotsvielfalt herrscht. Auch in einem Umfeld steigender Zinsen wird eine klassische Retailbank mit vielen Millionen Bestandskunden weiterhin wesentlich niedrigere Zinsen zahlen als beispielsweise eine Spezialbank, für die der Zugang zu Einlagen von Privatkunden als Refinanzierungsquelle viel schwieriger ist. In steigenden Zinsen sehe ich keine Gefahr für Raisin: Verbraucher möchten auch in Zeiten höherer Zinsen, die ja auch oft mit höherer Inflation verbunden sind, ihr Geld attraktiv verzinst anlegen.